Der Pariser Louvre entlässt seine schönsten Bilder

Von: Eckhard Hoog
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Da strahlt die niederländische Kuratorin der Joos-van-Cleve-Ausstellung in Aachen: Alice Taatgen freut sich über fünf Leihgaben aus dem Pariser Louvre, darunter zwei Tafeln des berühmten Altars der Santa Maria della Pace aus Genua. Foto: Andreas Herrmann

Paris. Starke Männer sind gefragt an diesem Vormittag im Louvre, Richelieu-Flügel, Saal neun, niederländische Malerei, 16. Jahrhundert, „Peinture cole du Nord” - hier befindet sich die Pariser „Heimat” von Joos van Cleve, dem Antwerpener Meister, dessen Werk ansonsten auf der ganzen Welt verteilt ist.

Der Louvre beherbergt ein paar ganz besondere Glanzstücke. Ab 17. März soll dieser Maler, dem der Ruf eines „Leonardo des Nordens” vorauseilt, in Aachen, im Suermondt-Ludwig-Museum, mit über 60 Bildern vor aller Welt zum Superstar der Renaissance avancieren.

Doch bevor sich in Aachen die Ausstellungshallen zum Ereignis des Jahres öffnen, müssen der Heilige Franziskus, die Jünger des Letzten Abendmahls, die Madonna mit dem Kind, Christus als Salvator Mundi (Retter der Welt) und ein bislang gänzlich unbekannter Herr Joos van Cleves Pariser Heimat verlassen und auf Reisen gehen.

Mit weißen Handschuhen

Sieben Mann in blauen Overalls, ausgestattet mit weißen Handschuhen wie Operateure, packen herzhaft zu und heben das Letzte Abendmahl von der Wand. Auf gut zwei Zentimeter dickes Eichenholz hat Joos van Cleve Christus und die Jünger in Öl verewigt. 45 Zentimeter hoch, zwei Meter lang ist das Bild - das wiegt schwer und muss gleichwohl wie ein rohes Ei behandelt werden. Aber die starken Herren beherrschen ihr Metier aufs Beste, jeder Handgriff sitzt, gut und gerne 400 Mal im Jahr kommt dieses 16-köpfige Team handwerklich zum Einsatz, um die Leihanfragen, die den Louvre aus aller Welt erreichen, zu befriedigen. Doch trotz aller Routine: Das Abhängen der Schätze wirkt so feierlich wie eine heilige Handlung.

Heute ist Dienstag, und dienstags ist der Louvre geschlossen - für Cécile Scailliérez immer ein ganz besonderer Arbeitstag. Die Hauptkuratorin des Louvre überwacht die Abnahmen und Vorbereitungen für den Transport der Kostbarkeiten. Dienstag - das ist der Tag des Kommens und Gehens. Ein Doppelporträt von Jan Gossaert ist soeben von einer Renaissance-Ausstellung im Metropolitan Museum aus New York zurückgekehrt und wird mit einer Vitrine aus zentimeterdickem Panzerglas überstülpt.

Das „Letzte Abendmahl” landet sanft, aber überaus prosaisch auf einer schlichten Transportkarre - und wirkt plötzlich gar nicht mehr so anbetungswürdig wie als Predella auf der Wand. Predella - das ist die untere Tafel eines italienischen Altars, ganz oben thront für gewöhnlich die Lünette. In diesem Fall mit dem Bildmotiv der Stigmatisierung des Heiligen Franziskus. Beide Teile werden nach Aachen ausgeliehen, das Mittelstück, „Die Beweinung Christi”, bleibt im Louvre - die beschwerliche Reise des hochempfindlichen, aus mehreren Eichenbrettern zusammengesetzten Bildes würde das Werk vermutlich nicht überleben.

Das Abendmahl auf der Karre - das Heiligtum ist seiner Aura beraubt. Für Alice Taatgen, die junge, aus Amsterdam stammende Kuratorin der Aachener Joos-van-Cleve-Ausstellung, ein Anblick, der sie durchaus erfreut: „Hierfür war das Werk doch ursprünglich auch gedacht: um unter den Menschen zu sein, und nicht, um steif und abgehoben in einem Museum zu hängen.” Andächtige Betrachtung von schweigenden Menschen - das ist der moderne Umgang mit Kunst. Beim schlichten Abhängen wird das Erhabene am Ende eben doch ganz zwangsläufig erfrischend bodenständig zurückgefahren.

Das Team der Handwerker bohrt für das Mittelstück neue Löcher in die Wand, setzt spezielle Metalldübel ein, um starke Messingwinkel anzubringen, die die Tafel halten werden. Der Ausdruck „tiefergelegt” ist dabei durchaus angebracht - ohne Lünette und Predella würde sich das Louvre-Publikum doch sehr wundern über die vergleichsweise hohe Hängung des Bildes. Während der Zeit der Ausleihe ist es nun aus der sonst üblichen Höhe zu betrachten. Damit die Kunstfreunde nicht rätseln müssen, wo Lünette und Predella abgeblieben sind, wird ein Schild darüber informieren, dass sie sich zurzeit im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen befinden.

Ursprünglich befand sich der Altar in der Kirche Santa Maria della Pace in Genua. Wie er nach Paris gekommen ist? Cécile Scailliérez lächelt bei der Frage amüsiert. Napoleon war´s, der hat das gute Stück bei einem Italienabstecher mit Kennerblick mal eben mitgehen lassen. Klarer Fall von Beutekunst. Blitzen da die Augen der Kuratorin hinter ihrer runden Brille? „We are happy about it”, lacht Cécile Scailliérez gänzlich ungeniert.

Die Faszination der Kunst und die Liebe zu ihrer Arbeit spürt man auf Anhieb, wenn sie all die feinen Details der Landschaftsdarstellungen erklärt, für die Joos van Cleve ebenso berühmt war wie für seine lebensvoll-dynamischen Porträts. Joachim Patinir stand mit seinen „Weltlandschaften”, in denen er vom Fluss bis zum nackten Felsen alles nur Erdenkliche versammelte, was eine Landschaft prägen kann, in dieser Hinsicht als Vorbild für Joos van Cleve Pate.

Für Cécile Scailliérez war die erste von ihr im Louvre kuratierte Ausstellung - eine kleine, feine Dossier-Ausstellung zu van Cleve mit 15 Werken aus französischen Museen - 1991 ein ganz besonderer Glücksfall, an den sie sich immer wieder gerne erinnert. In Genua, bei der Erforschung dieses Altars, erlebte sie damals eine Sternstunde: „So etwas gibt es nur einmal im Leben”. Als erste Kunsthistorikerin überhaupt konnte sie damals beweisen, welche Persönlichkeit sich hinter der Figur links im Bilde verbirgt: der Stifter des Altars, der Genueser Kaufmann Niccol Bellogio. Die Kuratorin spürte das entsprechende Dokument im Archiv der Kirche auf. Die immer wieder detektivische Arbeit findet Cécile Scailliérez besonders reizvoll und spannend an ihrem Beruf.

Und Rätsel gibt es auch bei Joos van Cleve immer wieder zu lösen: Das „Letzte Abendmahl” der Predella zum Beispiel: In der Mitte blickt Christus sanft auf das Brot, umgeben ist er von den Jüngern - 13 an der Zahl. 13? Da hat sich doch tatsächlich jemand nicht gescheut, sich selbst in die Runde dieser heiligen Persönlichkeiten zu wagen.

Alice Taatgen und Cécile Scailliérez klären auf: Joos van Cleve ist es, der ganz links im Bild im Selbstporträt als Mundschenk den Weinkrug in der Hand hält. Gegen sein vergleichsweise jugendliches Gesicht lässt er die Jünger ziemlich alt aussehen - man ist ja gar nicht eitel, auch nicht zu Beginn des 16. Jahrhunderts...

Mit großer Spannung werden nun auch diese fünf Schätze aus dem Pariser Louvre in Aachen erwartet. Für jedes wird eine eigene Transportkiste maßgeschneidert, ehe die Reise starten kann. Und das wird noch mit der geringste Aufwand sein bei der Vorbereitung der Joos-van-Cleve-Ausstellung.

In der klimatisierten Vitrine

Ein Werk kommt von der portugiesischen Insel Madeira, Alice Taatgen war schon dort und hat es besichtigt. Weil das Klima auf Madeira sehr viel feuchter ist als auf dem europäischen Festland und sich das Eichenholz über die Jahrhunderte daran gewöhnt hat, wird das Stück in Aachen in einer klimatisierten Vitrine präsentiert, die erst noch fertiggestellt werden muss.

Das Team um Museumsdirektor Peter van den Brink und Kuratorin Alice Taatgen jedenfalls ist überzeugt: Joos van Cleve, der Superstar der Renaissance, hat das verdient.

„Leonardo des Nordens - Joos van Cleve”, Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, Wilhelmstraße 18, 0241/479800. Dauer: 17. März bis 26. Juni. Eröffnung: 16. März, 17 Uhr, in der Kirche St. Adalbert, Adalbertsberg, danach Vernissage im Museum. Geöffnet: Di.-Fr. 12-18, Mi. 12-20, Sa./So. 11-18 Uhr.

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