„Der nackte Wahnsinn“: Und dann nimmt das Ensemble Fahrt auf

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
9937830.jpg
Da blickt niemand mehr durch: Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ mit Björn Jacobsen, Torsten Borm, Lara Beckmann und Irene Schwarz (unten) sowie Luana Bellinghausen, Tim Knapper und Steffen Weixler (oben, jeweils von links) im Theater Aachen. Foto: Carl Brunn

Aachen. Fallen Sie nur nicht auf das Programmheft herein: Auf der einen Seite geht es um Michael Frayns Komödie „Der nackte Wahnsinn“, dreht man das Heft, sieht man ein anderes Pärchen schmusend auf der Couch liegen, und da steht „Nackte Tatsachen“ von Lloyd Dallas.

Das Stück im Stück ist ein Kunstgriff des Theaters, den Frayn virtuos zu nutzen weiß – und nach drei Stunden Aufführungsdauer weiß man tatsächlich kaum noch, wo man gerade steckt, im „Wahnsinn“ oder in den „Tatsachen“. Eigentlich stimmt immer beides.

Schwarzer, britischer Humor

Ewa Teilmans hat das Stück des Briten, uraufgeführt 1982, für die Bühne des Aachener Theaters inszeniert. Sie hatte damit eine harte Nuss zu knacken. Britischer Humor, die tiefe Schwärze und zugleich absurde Komik einer Komödie à la Monty Python: Das ist in Deutschland gar nicht so leicht auf die Bühne zu bringen. Bis Frayns genialer Witz bei allen im Publikum ankommt, kann es schon mal etwas dauern. So müssen sich in Aachen die Schauspieler zunächst einmal warm spielen. Gleichzeitig gewöhnen sich die Zuschauer nach und nach daran, genau hinzuschauen und Teilmans in ihrer sorgfältigen Regiesprache zu folgen. Zum Glück hat sie ein Ensemble, das robust ist und all das nachvollziehen kann und will, was Frayn mit spitzer Feder aufspießt. Bei aller Liebe zum Theater weiß er um die weiblichen und männlichen Diven, die Rebellen, die Psychopathen, Intriganten, die Aufreißer und die verkorksten Charaktere, denen man hinter den Rollenbildern begegnen kann.

Der Inhalt des Stücks ist einfach und doch hoch kompliziert. Der Regisseur und Autor Lloyd Dallas inszeniert mit einer vielschichtigen Truppe ein neues Stück. Der Zuschauer sieht die Generalprobe mit dem hadernden Ensemble und einem ausrastenden, brüllenden, schmeichelnden, verzweifelnden Regisseur, den Torsten Borm mit eruptiver Energie verkörpert. Die gleiche Szene darf man hinter der Bühne erleben, wo sich die Darsteller inzwischen nach langer Tingel-Tour zerfetzen und schlicht nicht mehr ertragen können. Im dritten Teil gibt es dann einen regelrechten Showdown: Alles geht schief, auf der Bühne bricht das Chaos aus, man improvisiert, quält einander bis aufs Blut – und genau das ist der Teil, in dem die Inszenierung von Ewa Teilmans am meisten überzeugt.

Was zunächst ein wenig schwerfällig anläuft und mit einer Kritikerbeschimpfung des Autors beginnt, wird zur Pause hin lebhafter. Denn das Ensemble nimmt Fahrt auf. „Always Look on the Bright Side of Life“, der Monty-Python-Kultsong, wird zum verzweifelten Mantra der Truppe, deren Mitglieder mehr und mehr auf dem Zahnfleisch gehen – ob es nun die bühnenerfahrene Dotty ist, der Irene Schwarz souverän deftigen Witz gibt, zugleich aber auch die Angst einer reifer gewordenen Darstellerin Ausdruck verleiht, es sich mit dem Theater nicht zu verderben, oder Selsdon, ein Schauspieler mit Alkoholproblem, aber unglaublich witziger Präsenz (grandios: Rainer Krause). Quirlig kichert Luana Bellinghausen als Marylin-Monroe-Püppchen Brooke durch das Stück. Elke Borkenstein ist Belinda, die Klatschtante vom Dienst, die später heftig improvisiert. Extra-Applaus ernten Steffen Weixler und Björn Jacobsen. Da gibt es atemberaubende Akrobatik, besonders bei Weixler, der nicht nur perfekt Treppen herabstürzen kann, sondern auch mit zusammengeknüpften Schnürsenkeln wieder hinauf hüpft. Schön, wie Regisseurin Teilmans die beiden zu einem ungewöhnlichen Badetuch-Pas-de-deux auf die Bühne schickt, eine wirklich gekonnt witzige Szene.

Zum Schluss fliegen die Sardinen

Tim Knapper ist als überforderter Bühnenmeister und „Mann für alle Fälle“ eine wirklich lustig-verzweifelte Figur. Die von Manfred Kaderk funktional gestaltete Drehbühne bietet alles, was das Theaterchaos benötigt, die bonbonfarbene Tournee-Bühne inklusive Inspizientenpult und Sprechanlage, von der aus Lara Beckmann als verzweifelt bemühte Regieassistentin Poppy gegen Ende den Originaltitel des Stücks „Noises Off“ („Ruhe hinter der Bühne”) rufen darf, und den ernüchternden, zusammengezimmerten Backstage-Bereich. Ursula Zürcher hat offensichtlich strapazierfähige Kostüme entworfen, die bis zu Dottys puscheligen Hausschuhen einfach stimmen.

Zum Schluss fliegen und flutschen nur noch die Sardinen durch die Gegend, auf die man sich setzt, auf denen man ausrutscht, die man aber niemals isst. Man verwickelt sich in Texte oder in die Schnur des Telefons und rettet sich mühsam über die Runden. Sobald das Stück in die Zielgerade geht, erkennt man, wie genau Ewa Teilmans mit ihren Schauspielern gearbeitet hat, wie punktgenau alles sitzt, ob nun der pikende Kaktus herumgereicht wird oder wieder einmal eine Männerhose rutscht. Das ist perfekt und hat endlich Dynamik und bösen Witz. Ein heiterer, vielleicht für eine Komödie etwas langer Abend.

Kräftiger Applaus für alle Beteiligten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert