„Der nackte Wahnsinn“: Hier hat das Chaos System

Von: Sabine Rother
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Sie tüfteln noch an den Pannen: Regisseurin Ewa Teilmans (rechts) und Schauspielerin Irene Schwarz bei den Proben zu Michael Frayns Farce „Der nackte Wahnsinn“. Das Stück hat im Theater Aachen am Samstag, 25. April, 19.30 Uhr, Premiere. Foto: Stephan Rauh.

Aachen. Was ist komisch? Wann lacht wer und warum? Worauf kommt es dabei an? Fragen, die sich Regisseurin Ewa Teilmans gestellt hat, als sie dieses unerwartete Angebot erhielt: Für die Bühne des Theaters Aachen inszeniert sie Michael Frayns Farce „Der nackte Wahnsinn“, Premiere ist am 25. April, die Proben laufen auf Hochtouren.

Die Ausstattung ist bereits aufgebaut, denn dort zwischen quietschbunten Requisiten, grünem Plüsch-Frosch „Kermit“ auf gelbem Sofa und roten, wild gemusterten Wänden spielt er sich ab, der „Wahnsinn“.

„Ich bin überhaupt nicht die Komödienexpertin“, gibt Ewa Teilmans freimütig zu. Doch als ex-trem neugierige Theaterfrau hat sie dieses Projekt dann doch gereizt, zudem Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck ihr knapp erklärte, das Stück sei für sie „genau richtig“.

Britischer Erfolgsautor

Frayn? Ja, der britische Erfolgsautor ist ihr ein Begriff, aber das Stück, das 1982 unter dem Titel „Noises Off“ herauskam und 1992 mit Michael Caine und Christopher Reeve verfilmt wurde, war ihr zunächst kein Begriff. „Noises Off“, der Originaltitel des Stücks, ist übrigens der Theatersprache entnommen und bedeutet, dass der Inspizient ruft: „Ruhe hinter der Bühne!“ Bei der Lektüre wurde ihr rasch klar: Hier schreibt einer, der genau weiß, welche Turbulenzen es in der Theaterarbeit gibt, wie sich Menschen zueinander verhalten – in all ihren Verwirrungen, Wünschen, Launen und Unberechenbarkeiten.

Irene Schwarz nickt. Die Schauspielerin wird die „Dotty“ im Stück verkörpern, eine Diva, die ein wenig in die Jahre gekommen ist, aber ihr Handwerk noch immer bestens versteht. „Ich habe oft gedacht: Ja, genauso habe ich das schon erlebt, ganz genauso“, meint sie, und man sieht ihr an, wie gern sie bei diesem „Wahnsinn“ mitmischt. „Die großen Theaterrollen sind gut und schön“, sagt sie. „Aber so etwas ist eine echte Herausforderung. Es geht nichts über einen vollen Saal.“

Zur Aufführung kommt ein Stück im Stück, die Boulevardkomödie „Nackte Tatsachen“. Natürlich geht jede Menge schief, Regisseur und Darsteller verzweifeln, ringen und zanken miteinander. An den Nerven wird tüchtig gesägt.

Der Zuschauer darf hinter die Fassade des Bühnenbilds schauen. Er erlebt zunächst eine „Hauptprobe“, danach eine „Aufführung“ und später nochmals das Ensemble, wenn es nach vielen, vielen Aufführungen völlig erschöpft ist, aber noch immer den Erfolg will. Das Aachener Publikum darf übrigens – ausnahmsweise – am Donnerstag, 23. April, 18 Uhr, gleichfalls an einer Hauptprobe teilnehmen.

Was ist das Wichtigste, damit so ein Stück funktioniert? „Ein anhaltend, sehr flottes Tempo, eine Taktung wie bei einem rasanten Musikstück, das ist Artistik in jeder Ausprägung“, beschreibt es Ewa Teilmans. „Ich sehe mich in einer Rolle zwischen Orchesterdirigent und jemand, der eine Ikea-Gebrauchsanweisung inszeniert.“

Theater-erfahren weiß sie: Pointen siegen, Komik schlägt Logik, und wenn eine Szene zwölffach unterbrochen wird, liegen die Nerven naturgemäß selbst bei den Profis blank. Ihre Erkenntnis: Das Leben ist prall angefüllt mit Tücken aller Art, überall lauern Fallen, in die man tapsen kann, und wer gerade Glück hat, weil er nicht ausrutscht, hat gut lachen.

Nicht nur vom Chaos einer Inszenierung wird erzählt, auch das Stück im Stück spielt eine Rolle. „Alle Personen haben Heimlichkeiten“, hat Ewa Teilmans festgestellt, zum Beispiel „Dotty“, die Hausangestellte, die es genießt, die „Madam“ zu spielen, so lange ihre Arbeitgeberin nicht da ist. „Sie legt gemütlich die Beine hoch und macht sich was Leckeres zu essen, alles, was sonst nicht geht“, verrät Irene Schwarz. Sie, die erfahrene Darstellerin, weiß, wie schwer die Leichtigkeit ist. Sie bringt TV-Erfahrung mit ins Team, unter anderem aus Tom Gerhardts Comedy-Produktion „Hausmeister Krause“. „Ich habe da größten Respekt, jedes Detail wurde geprobt, Tom Gerhard hat alle Folgen dieser Serie selbst geschrieben, und es war Schwerstarbeit, hier Komisches vor die Kamera zu bringen.“

Um ein Gefühl für Frayns Stück zu entwickeln, hat sich Ewa Teilmans bei Inszenierungen von Kollegen umgesehen, und dabei eins gelernt: „Ein Regisseur, der meint, er müsste besser als der Autor sein, kann nur scheitern!“ Und: Zehn Türen, die alle den gleichen Abstand von einander haben, müssen sein, damit das typische Auf-Zu, Klipp-Klapp eines solchen Stücks funktioniert und die zeitlich straff abgestimmten „Gänge“ gelingen. Wie gut geölte Zahnräder müssen die Aktionen ineinander greifen und ohne Verklemmung ablaufen.

Gern hat sich die Regisseurin dem bissigen, zuweilen schwarzen Humor des Briten angenähert, nutzt in ihrer Inszenierung unmissverständliche Anspielungen – etwa auf Monty Pythons „Das Leben des Bryan“ und auf die Wirkung eines Songs wie „Always look on the bride side of life“. Überhaupt das Publikum: Hier hat Irene Schwarz erfahren, dass ein heiter-turbulentes Stück nur dann gelingt, wenn die Zuschauer zu dem Schluss kommen, dass man diese chaotische Truppe einfach nur lieben kann. Das Aachener Ensemble hofft darauf.

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