Der Mensch ist ein hoffnungsloser Fall...

Von: Guido Rademachers
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„König Lear” in Köln: Ausschließlich Akteurinnen bestimmen die Szene (von links) Anja Herden, Barbara Nüsse und Julia Wieninger. Foto: Klaus Lefebvre

Köln. Ringsum nur riesige graue Wände. Und nichts ist drin in dieser monumentalen Theater-schachtel außer einer kniehohen Lehmziegelmauer, die parallel zur Rampe Vor- und Hauptbühne voneinander trennt.

Johannes Schütz, Starbühnenbildner aus Berlin, hat am Kölner Schauspiel einen seiner leeren, an drei Seiten geschlossenen Spielkästen gebaut, die vor allem eins bewirken: die Gefühle der dort hineingeworfenen Menschen zu vergrößern wie unter einem Brennglas. Der Sturm über Shakespeares König Lears Heide ist der Sturm in seiner Brust.

Welt ohne Werte und Ziele

Doch dort stürmt es von vornherein vergebens. Während langsam Licht das dunkle Bühnen-grau erhellt, sinniert der abdankende Lear schon einmal per Toneinspielung über die letzten Dinge des Lebens.

Der Mensch, ein hoffnungsloser Fall: Die Seele gehört ausgerottet. Etwas Absolutes, feste Werte oder Ziele, an die man glauben könnte - Fehlanzeige. Alles nur Übergang: Aufbau oder Abbruch. Besonders Abbruch, wie sich zeigen wird.

Kölns Intendantin Karin Beier inszeniert zum Spielzeitauftakt Shakespeares Tragödie als absurdes Theater. Auf sechs Schauspielerinnen hat sie - teils in Doppel- oder Dreifachbesetzungen - die Rollen verteilt. Mehr als um das individuelle Schicksal geht es ihr um eine Struktur. Um das zähe Gallert eines allgegenwärtigen Leidens, das nicht nach Sinn oder Unsinn, Gut oder Böse, Namen oder Geschlecht fragt.

So sinkt Kathrin Wehlisch als Erzschurke Edmund erdolcht zu Boden, doch kaum geht Lear an ihr vorüber, ist sie seine erhängte Tochter Corde-lia. Die Figuren wechseln; das Unglück bleibt. Trost gibt es nur im Wahnsinn. Als Narr singt Wehlisch die Endlosschleife „Ein Hund kam in die Küche...” Es ist Wladimirs Lieblingslied in „Warten auf Godot”.

Bevor auch Lear, „The King Of Pain”, im Beckett-Universum angekommen ist, braucht es noch eine Weile. Barbara Nüsse zeigt ihn zu Beginn als einen der Macht überdrüssigen Technokraten. Im beigen Trenchcoat schnarrt sie lustlos, ihre Papierkrone zerlegend, das Programm zur Aufteilung des Reiches herunter.

Noch ein kurzes herzinfarktverdächtiges Aufbrausen, als Lieblingstochter Cordelia die gewünschten Schmeicheleien verweigert. Dann herrscht königliche Pensionistenroutine, auch darstellerisch.

Zu Spitzenform läuft Nüsse in ihren Wahnsinnsszenen auf. Im Unterrock steht die 66-Jährige, der eimerweise Wasser über den Kopf geschüttet wurde, mit bloßen Brüsten da. Irrlichtert, als sei sie aus einem Walpurgisnacht-Holzschnitt der Renaissance herausgesprungen, mit gekrümmten Rücken über die Bühne. Fuchtelt mit ihren langen, ausgemergelten Gliedern herum, schiebt das Kinn vor, reibt die nackten Füße aneinander.

Hier hat die Inszenierung ihr Zentrum. Die Masken sind aufgebraucht. Entmachtet, verstoßen, auf sich allein zurückgeworfen, zeigt sich der Wahnsinn nicht als traurige Konsequenz, sondern in einem großen archaischen Bild als wahre Bestimmung dieses Lears.

Die Lehmziegelmauer, die zuvor von Gloucester (Julia Wieninger als braver Bauer im Sonntagsstaat) zur Hälfte weiß getüncht wurde, ist inzwischen eingerissen. Über die Trümmer trippeln die bösen Schwestern Goneril (Anja Lais als kurzatmige, augenklimpernde Hysterikerin, der der Arzt verboten hat, sich aufzuregen) und eine piepsig-kalte, ständig neben der Spur agierende Regan (Angelika Richter).

Die dunkelhäutige Anja Herden hält als Kent in der Groteskmaske eines Schwarzen allen nur noch ein Halsband zum Sklavenabtransport hin.

Karin Beier und ihrem Ensemble von Frauen am Rande des Ziegelsteinbruchs gelingt zum Kölner Saisonauftakt ein großer Theaterabend. Zuschauer sollten allerdings die Handlung des „Lear” einigermaßen kennen, um dem 140 Minuten langen, pausenlosen Abend ohne Kopfzerbrechen folgen zu können.

Weitere Aufführungen: 2. Oktober, 20 Uhr; 7., 24., 27. Oktober, 19.30 Uhr. Infos: 0221/22128400

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