Aachen - „Der Meister und Margarita“: Mit Fantasie gegen die Unfreiheit

„Der Meister und Margarita“: Mit Fantasie gegen die Unfreiheit

Von: Eckhard Hoog
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Mit humoristischer Schärfe und Zuspitzung: So will Regisseurin Bernadette Sonnenbichler Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“ auf die Bühne bringen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Als Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“ 1966 erstmals erscheint, da ist der 1891 geborene Schriftsteller bereits 26 Jahre tot. Und es passiert das Unglaubliche: Von der Zensur lange unterdrückt, dazu noch um ein Achtel gekürzt, erfährt das Werk in der Sowjetunion eine sensationelle Aufnahme.

Die Literaturzeitschrift „Moskwa“, in der es als Fortsetzungsroman abgedruckt wird, ist mit ihrer Auflage von 150.000 Exemplaren jedes Mal innerhalb von Stunden komplett ausverkauft. Die Leser „fressen“ den Roman innerhalb kürzester Zeit derart intensiv in sich hinein, dass sie sich die Teile in Gruppenlesungen auswendig vortragen. Die herausgekürzten Teile werden besorgt und heimlich verbreitet.

Dabei begegnet sich in „Der Meister und Margarita“ für sowjetische Verhältnisse ein – sagen wir „ziemlich skurriles“ Völkchen: Jesus und Pontius Pilatus, dazu noch allerlei Ausgeburten der Hölle, vom Teufel selbst angeführt – außerdem ein anarchischer Kater, eine fliegende Hexe und ein seltsamer Professor.

Mit humoristischer Note

Das Theater Aachen bringt jetzt die eigens angefertigte Bühnenversion des Romans heraus, der auf Motiven des „Faust“-Stoffs beruht und als geniale Satire auf das Alltagsleben in der Sowjetunion gilt. Regie führt Bernadette Sonnenbichler, sie ist zugleich die Autorin der Spielfassung.

„Inoffiziell hat sich so etwas wie ein Spielzeit-Motto herauskristallisiert“, erklärt Dramaturgin Caroline Schlockwerder das Motiv, weshalb Bulgakovs Werk in das Programm aufgenommen worden ist. Und das lautet: „Der Einzelne und das System.“ Nach Kafkas „Prozess“ soll nun eine „scharfzüngig-politische“ Wendung des großen Themas folgen, mit ausgesprochen „humoristischer Note“.

Für die 32-jährige Münchnerin Sonnenbichler bedeutete die „Übersetzung“ des Bulgakov-Romans eine Herausforderung, die nur mit einer gewissen „Chuzpe“ zu leisten war, wie sie es ausdrückt. „Es war unmöglich, den gesamten Roman mit dieser Fülle an Schauplätzen umzusetzen“, sagt sie. Zumal angesichts der überbordenden Zahl an Personal. Die einzige Möglichkeit: „Eine Reduktion auf die Essenz.“

Die „rote Linie“ gewann sie dabei über den Hintergrund der Biografie Bulgakovs – eines drangsalierten Autors, der unter Schreibverbot litt und infolgedessen voller Hass und Zorn „sich die Unfreiheit mit der Macht der Fantasie vom Leib geschrieben hat“. Genau das war für ihn die Triebfeder, das von Absurdität geprägte Alltagsleben unter Stalin aufs Korn zu nehmen.

Wenn er zum Beispiel die Hexe im Roman fliegen lässt, dann sieht die Regisseurin darin eine politische Anspielung: „Er selbst durfte nie ausreisen.“ Und wenn Angestellten eines Betriebs befohlen wird zu singen, dann ist das für die Autorin der Spielfassung ein klarer Hinweis auf den Irrsinn und den Zwang der Bürokratie. Und spätestens hier beginnen die Parallelen zu unserem Hier und Jetzt. Humoristische Schärfe und Zuspitzung – das benennt die Regisseurin auch als Leitlinien ihrer Inszenierung.

Bereits sieben Regiearbeiten hat sie am Theater Aachen abgeliefert – alle Register theatralischer Möglichkeiten zu ziehen, dafür ist Bernadette Sonnenbichler, übrigens auch als Hörspiel-Autorin erfolgreich und mehrfach preisgekrönt, bekannt. Der komplexe Bulgakov dürfte für sie ein Füllhorn darstellen, um alles zu zeigen, was im Theater nur einsetzbar ist. Und in der Tat: Schlockwerder verspricht ein reichhaltiges „Spiel der Formen“, das seinen Gipfel findet in einer Phase reinen Hörspiels, wenn Pilatus auftritt und auf der Bühne buchstäblich nichts passiert – außer im Kopfkino des Zuschauers.

Man darf also gespannt sein – allein diese Zahlen sprechen für allerlei Überraschungen, wir haben dreimal nachgezählt: Zehn Darsteller spielen insgesamt 54 Rollen, darunter eine „Bürgerin in Badewanne“ und ein „Kriminalist mit Hund“. Außerdem wirken sichtbar auf der Bühne noch vier Musiker mit acht Instrumenten mit und bestreiten dabei während der Aufführung zu 80 Prozent einen musikalischen Hintergrund. Also: Pralles Volltheater – für alle Sinne etwas, dafür steht auch hier wieder der Name Bernadette Sonnenbichler. Irgendwo zwischen zwei und zweieinhalb Stunden soll das Ganze dauern.

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