Aachen - „Der Meister und Margarita“: Magie der Fantasie ist spürbar

„Der Meister und Margarita“: Magie der Fantasie ist spürbar

Von: Eckhard Hoog
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Samstagabend Premiere im Theater Aachen: „Der Meister und Margarita“ nach dem Jahrhundertroman von Michail Bulgakov: mit (von links) Benedikt Voellmy, Bettina Scheuritzel, Karsten Meyer und Nele Swanton. Die fast vierstündige Aufführung stieß am Ende auf den ungeteilten Beifall des Publikums. Die Inszenierung von Bernadette Sonnebichler setzt die Vorlage kongenial und sehr lebendig um. Foto: Carl Brunn

Aachen. „Der Meister und Margarita“: ein Jahrhundertroman, den sich Michail Bulgakov in den letzten zwölf Jahren seines Lebens bis zu seinem Tod 1940 von der Seele schrieb – so komplex wie Goethes „Faust“, so rätselhaft wie Kafkas „Schloss“. Und schon für viele berühmte, altgediente Theatermacher eine beliebte Herausforderung, daraus eine Spielfassung zu zimmern.

Der gerade mal 32-jährigen Münchner Regisseurin, Musikerin und Hörspielautorin Bernadette Sonnenbichler ist nun eine Bühnenversion gelungen, die der Vorlage in vielen Details verblüffend haarscharf nahekommt, und eine Inszenierung, die all die Magie, den hinter- und auch den vordergründigen Witz, das Fantastische, Philosophische, Burleske, Absurde und Satirische des Werks lustvoll auf die Bühne bringt. Und in Bildern, die man paradoxerweise nur „hört“.

Drei Stunden und vierzig Minuten

Die drei Stunden und vierzig Minuten dauernde Aufführung der Premiere im Theater Aachen endete am Samstagabend mit riesigem Applaus. Allerdings: Die zumindest grobe Kenntnis des Romans ist beim Theaterbesuch dringend anzuraten.

Eine gewaltige Produktion: Allein die Riege der herausgewunkenen Bühnenarbeiter füllte beim Schlussapplaus den Raum hinter der Rampe vollkommen aus – eine sympathische Geste. Da hat es aber auch gezischt, geknallt, geflammt und gedampft aus allen Ecken. Gestalten entsteigen Gullys im Boden, von oben segeln Stühle herab – und die Musik spielt dazu.

Im fabrikartigen, hohen Raum mit Podesten, Nischen und einem Kabinett im Eck (Ausstattung: Norbert Bellen) findet eine vierköpfige Kombo (Malcolm Kemp, Uwe Böttcher, Samuel Reissen, Moritz Schippers) auf einer Empore Platz, um das durchweg wirbelnde Bühnengeschehen mit osteuropäisch klingender Musik atmosphärisch-dramatisch aufzuladen. Die Regisseurin zieht alle Register an nur erdenklichem Bühnenzauber.

Das Stalinporträt prangt oben, unten verschwinden spurlos die Menschen. Da rollt der Kopf des Chefredakteurs der Literaturzeitschrift, abgefahren von der Tram – eingesammelt von Moskauer Passanten. Gruppenszenen wie diese sind geradezu choreographiert eingespielt.

Magier Voland, der in Moskau hereingeschneite Teufel, der dem Bösen dieser Welt kaum das Wasser reichen kann, wusste alles schon vorher. Der Dichter, der das gehört und bezeugen kann, landet im Irrenhaus und rollt verzweifelt mit seinem Bett über die Flure – Wahrheit, wem glaubt man schon in einer solch unglaublichen Zeit? Den im Kreis sitzenden Literaten fällt nach dem Verschwinden ihres geköpften Chefs auch nur die Frage ein, welche staatliche Kommission wohl jetzt dafür zuständig sei.

Fast wie im Film

Die Regie spielt virtuos mit den Darstellungsformen aller möglichen Genres – filmisch entlehnt scheint zum Beispiel die Szene, in der ein Aufmüpfiger vom teuflischen Gefolgsmann mit akustisch unterlegtem „Patsch, peng, bumm“ kampftechnisch fachgerecht erledigt wird.

Die Magie der Fantasie erfährt der Zuschauer am eigenen Leib, wenn die antike Parallelhandlung um Pontius Pilatus quasi als reines Hörspiel aufgeführt wird. Die Bilder dazu kann man sich denken, ebenso bei einer Zaubershow des Teufels im Varietétheater. Eine leicht zu beschaffende Online-Einführung in das Romanpersonal ist hier vorab allerdings empfehlenswert, um all die Namen wie Jeschua, Prokurator, Judas aus Kirjath und Levi Matthäus im eingespielten Hörspiel auseinanderhalten zu können. Auch die vielen anderen Iwano- und andere -witschs in den etwas unübersichtlichen gut 50 Rollen der zehn Darsteller trübt gelegentlich mangels Identifizierung ein wenig das Vergnügen.

Dafür gibt es im fliegenden Wechsel mit viel Feuerzauber und tänzerischen Einlagen pralle Figuren zu sehen, gespielt von einem sagenhaft guten Ensemble. Elke Borkenstein in ihrer Verwandlung von der trauernden Geliebten zur fliegenden Hexe vor der Windmaschine zu erleben – das ist Magie pur. Tim Knappers Studie des für einen Irren gehaltenen Dichters ist eine Wucht.

Philipp Manuel Rothkopfs „Meister“ mit seinem Schicksal des abgelehnten, der Welt entsagenden Schriftstellers geht unter die Haut. Rainer Krause beweist mit viel verstecktem, hintergründigem Humor als Chefredakteur Berlioz und in den anderen Rollen wie alle eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit.

Pfiffiger Kater

Trotz vieler Verständnisprobleme angesichts der Komplexität des Stücks/Romans, die einem die knapp vier Stunden am Ende doch ein wenig lang werden lassen – die außergewöhnlichen Typen halten den Abend lebendig. Unter anderem ist Karsten Meyer der diabolisch unterkühlte Teufel, Bettina Scheuritzel der pfiffig-wirbelige Kater. In weiteren Rollen: Benedikt Voellmy, Thomas Hamm, Nele Swanton und Markus Weickert.

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