Aachen - „Der Mann von La Mancha”: Hits und Tricks zwischen Kerkermauern

„Der Mann von La Mancha”: Hits und Tricks zwischen Kerkermauern

Von: Jenny Schmetz
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Von den großen Musicalbühnen
Von den großen Musicalbühnen auf die kleine des Aachener Grenzlandtheaters: Kasper Holmboe (Mitte) spielt in „Der Mann von La Mancha” den Ritter Don Quijote. Dieses Probenbild zeigt ihn mit Volker Metzger (rechts) als Knappe Sancho. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Ab in eure Verliese!” Ulrich Wiggers darf das zurzeit täglich brüllen. Er ist Regisseur. Manchen Vertretern seiner Zunft wird ja gerne eine harte Hand nachgesagt, aber Wiggers gibt zum ersten Mal den Kerkermeister.

Der 56-Jährige jagt seine Schauspieler ins finstere Loch - und die Zuschauer gleich dazu. Und was macht der Intendant? Er freut sich darüber und spricht von einer „dicken Nummer”.

Was ist bloß los im Aachener Grenzlandtheater? Ganz einfach: Ulrich Wiggers probt mit seinem 15-köpfigen Ensemble das Musical „Der Mann von La Mancha” - und dafür wird das Grenzlandtheater zum Gefängnis. Erzählt werden die Abenteuer von Don Quijote, doch alles beginnt mit seinem Schöpfer Miguel de Cervantes. Der Dichter landet wegen Gotteslästerung im Kerker der spanischen Inquisition - und die ziemlich konstruierte Rahmenhandlung will, dass er sich in einer Art Schauprozess vor den Dieben, Mördern und Huren im Verlies verteidigt. Der Anlass für das folgende Spiel im Spiel: „Kommt, versetzt euch in meine Fantasie!”, lockt Cervantes und legt Bart und Rüstung an, um sich in seinen „Ritter von der traurigen Gestalt” zu verwandeln.

Vom „Musical mit Tiefgang” schwärmen Regisseur Wiggers und sein Intendant Uwe Brandt. „Das ist deutlich interessanter, als wenn sich Lokomotiven ineinander verlieben”, sagt Brandt mit einem Seitenhieb auf „Starlight Express”. Immerhin gilt die Vorlage, Cervantes über 400 Jahre alter Roman, als Klassiker der Weltliteratur.

Dicke Bücher spielen auch auf der Bühne und im Zuschauerraum eine Rolle. Ihre Seiten und Rücken sollen in schwarz-weißer Schiefer-Optik die Kerkermauern bilden. Nicht nur weil Landjunker Quijana alias Don Quijote seinen Verstand über der Lektüre von allzu vielen Ritterromanen verloren hat, wie Wiggers erklärt. Sondern auch, weil sich Quijotes Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit so trickreich wie ein Buch „aufblättern” lässt. Nach dem Bauklötze-Schieben für „Die Drei von der Tankstelle” wagen Wiggers und sein Bühnenbildner Matthias Winkler wieder eine kindliche Sicht aufs Stück: Wie in Pop-up-Bilderbüchern soll mit Hilfe von Aufklapp-Mechanismen aus dem dunklen Kerker ein farbiges Spanien aufscheinen - von der Schenke bis zum Beichtstuhl.

Als Cervantes und seine Fantasiefigur nimmt der Däne Kasper Holmboe den Kampf gegen Windmühlenflügel auf. Der 38-Jährige ist gelernter Maurer mit Abitur, wie er betont, und als Sänger Autodidakt, allerdings seit 14 Jahren auf Musical-Bühnen aktiv, ob in Kopenhagen, Berlin, Essen oder Hamburg - dort zuletzt in einer Hauptrolle im Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York”.

Ein Musical-Star also. Was zieht ihn ins beschauliche Aachen? „Diese Rolle ist fantastisch!”, sagt Helmboe. Außerdem kennt er Wiggers schon seit Jahren, gemeinsam haben sie in „Les Misérables” im Berliner Theater des Westens gespielt. „Hier kann ich schauspielerisch klein und detailliert arbeiten, fast wie im Film”, sagt der Bariton. Sonst sei er es ja gewohnt, vor mehr als 1500 Zuschauern 30 bis 35 Meter weit weg zu wirken, im Grenzlandtheater sind es vielleicht drei Meter bis drei Meter fünfzig.

„Wir sind hier nicht am Broadway”, weiß natürlich auch der musikalische Leiter Stephan Ohm. Möglichst puristisch und unplugged soll der bereits 1965 uraufgeführte Broadway-Klassiker von Mitch Leigh und Dale Wasserman daher klingen. Welthits wie „Der unmögliche Traum” (The Impossible Dream), den Frank Sinatra genauso interpretiert hat wie Sarah Connor, präsentiert in Aachen - neben Holmboe - eine „Top-Besetzung”: etwa die „Tankstellen”-Talente Karoline Goebel und Martin Kiuntke.

Choreographin Marga Render, die als Halb-Spanierin den Flamenco quasi im Blut hat, macht auch den Musikern Beine. Mit Gitarre, Klarinette oder Geige „kleben sie nicht hinter ihren Notenständern”, sagt Ohm, sondern werden tanzen, singen und spielen. Deswegen hat „Kerkermeister” Wiggers ein paar rote Nasen gekauft. Die Musiker haben vom Regisseur noch etwas Schauspieltraining eingefordert. Nun gibts Clownsübungen für den Kerker.
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