„Der Mann von La Mancha”: Der unmögliche Traum verwandelt alle

Von: Sabine Rother
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Kasper Holmboe als Don Quijote
Kasper Holmboe als Don Quijote und Volker Metzger als Diener Sancho im Musical „Der Mann von La Mancha” von Dale Wasserman, das Ulrich Wiggers für das Grenzlandtheater Aachen inszeniert hat. Am Samstag ging die gefeierte Premiere über die Bühne. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Immer wieder dieser ferne, leuchtende Blick, aus dem selbst in Momenten größter Bedrängnis Tapferkeit und die uneingeschränkte Hingabe an sämtliche Ideale eines besseren Lebens strahlen: Kasper Holmboe ist ein „Ritter von der traurigen Gestalt”, der beunruhigt und die Kraft zur Veränderung spüren lässt.

Zusammen mit einem leistungsstarken und extrem vielseitigen Ensemble hat Regisseur Ulrich Wiggers Dale Wassermans Musical „Der Mann von La Mancha” (Musik von Mitch Leigh, Gesangstexte von Joe Daria , Deutsch von Robert Gilbert) für das Grenzlandtheater Aachen inszeniert.

Was die Zuschauer nach über zweieinhalb Stunden mit großer Begeisterung feiern, ist ein Abend, der qualitätvolle Unterhaltung mit philosophisch-nachdenklichem Hintergrund zu verbinden versteht und in keiner Minute die Spannung verliert.

Da der Berliner Verlag zur Vergabe der Aufführungsrechte normalerweise ein 18-köpfiges Orchester verlangt, war für Aachen ein speziell zugeschnittenes Konzept nötig: Es wurde genehmigt.

Klassiker als Grundlage

„Der Mann von La Mancha” auf Grundlage des Klassikers „Don Quijote” von Miguel de Cervantes ist eine Herausforderung für jedes Theater: 1965 in New York uraufgeführt, erhielt das Musical bereits 1966 fünf Tony Awards, wurde 1968 in deutschsprachiger Erstaufführung im Theater an der Wien mit Josef Meinrad in der Titelrolle gezeigt und 1972 mit Peter OToole und Sophia Loren verfilmt.

In Aachen verlässt sich Regisseur Ulrich Wiggers auf eine bis heute tragfähige Geschichte und auf ein Team, das besser kaum sein könnte. Die meisten der Schauspielerinnen und Schauspieler verkörpern nicht nur sehr unterschiedliche Charaktere, sie tanzen und musizieren professionell.

Im Kerker der Inquisition treffen der idealistische Dichter Cervantes (Kasper Holmboe) und sein treuer Diener (Volker Metzger) auf eine Gruppe nicht gerade zimperlicher Inhaftierter. Nachdem die Rampe, über die neue Gefangene ins Verlies gestoßen werden, wieder mit rasselnder Kette in die Höhe gefahren ist, herrscht hier unten ein rohes Gauner-Regiment.

Cervantes hat ein Paket im Arm - das kostbare Manuskript zum „Don Quijote”, doch er trifft auf Unglauben und Misstrauen. Ein Roman? Eine Dichtung? Unsinn!

Zum Beweis fordert der Dichter die schmutzigen Frauen und Männer auf, die Geschichte unter seiner Leitung zu spielen: Er selbst verkörpert den morbiden Träumer, den Ritter mit geflickter Lanze und verbogenem Schwert.

Das Spiel im Spiel ist nicht nur ein genialer Schachzug, es ist selbst auf begrenztem Bühnenraum möglich. Und hierzu hat sich Bühnenbildner Matthias Winkler allerhand einfallen lassen. Der in Schwarz gehaltene Raum des Theaters ist wie eine alte Bibliothek mit angedeuteten und aus Pappmaché geformten dicken Büchern bis zur Decke bestückt.

Je nach Bedarf kann man Flächen aus- und aufklappen, baumeln Gemüse und Gerätschaften von der Leine einer imaginären Küche, taucht ein Brunnen, eine Katze oder ein Wirtshaustisch auf. All das ist schnörkellos und bunt wie die unkomplizierten Illustrationen eines Kinderbuchs. Selbst Pferd und Esel, improvisiert aus Tischen und Papp-Köpfen, haben Persönlichkeit und Witz.

Das Ensemble sorgt eigenhändig und flott für die raschen Verwandlungen. Zeitnahe und den jeweiligen Gestalten entsprechende Kostüme hat Noelie Verdier geschaffen, ob nun zerlumpt und (reizvoll) zerrissen, oder spanisch hochgeschlossen und edel.

Rasant ist der Auftakt mit einer Flamenco-Szene (Choreographie Marga Render), rasant geht es weiter. Dabei verliert sich Wiggers nicht in süßlicher Gefühligkeit. Indem er Verzweiflung, Brutalität und Hoffnungslosigkeit in all ihren Schattierungen zeigt, wirkt die unerschütterliche Überzeugung eines Don Quijote umso intensiver.

Leila Vallio gelingt es, die Verwandlung der vom Leben herb enttäuschen und permanent körperlicher Gewalt ausgesetzten Aldonza sehr feinfühlig umzusetzen.

Die ritterliche Minne, der Glanz einer reinen „Dulcinea” wirken wie ein Zauber. Holmboe ist ein Darsteller, der mit sehr starker Präsenz den bärtigen traurigen Ritter mit grauem Haar und den stolzen Edelmann Cervantes zu einer herausragenden Gestalt verschmilzt.

Alle kreisen um ihn und prägen die Facetten der Geschichte: Volker Metzger als quirliger, lebenskluger Sancho, der seinem Herrn treu zur Seite steht, Urs-Werner Jaeggi als nachdenklicher und liebenswerter Padre, der augenzwinkernd und altersweise Verständnis für den Idealisten hat, Boris Becker als Wortführer der Inhaftierten und derber Wirt, sowie Ingeborg Meyer, der mit ihren Rollen als zerlumpte Gefangene, Wirtin und Haushälterin kleine Kammerspiele gelingen. Mit ihrer schönen Stimme gibt Karoline Goebel der „Antonia” besondere Tiefe.

Unvergessene Songs wie „Dulcinea” und „Träum den unmöglichen Traum” leben in dieser Umgebung ganz selbstverständlich auf, und wenn Maximilian Mann (er spielt auch die Trompete) als gleichermaßen gut aussehender wie jähzorniger „Pedro” sein „Kleiner Fink” singt, schwingt eine Sehnsucht nach Zärtlichkeit mit, die im nächsten Moment schon wieder in Aggression umschlägt.

Stephan Ohm hat als musikalischer Leiter die Gesangsszenen geschickt integriert und bestens einstudiert, zumal zahlreiche Ensemblemitglieder wie selbstverständlich zum Instrument greifen. Auf der Bühne wechselt sich Ohm mit Christoph Eisenburger am versteckten Klavier ab.

Die Windmühlenflügel

Hier ist eine packende Musical-Inszenierung gelungen, die überzeugt, unterhält und berührt. Und das Ende? Der Dichter Cervantes wird zum Verhör gerufen, doch Don Quijote hat alle mit seinem Kampf gegen die Windmühlenflügel und für den „unmöglichen Traum” verändert. Er hinterlässt den Glanz einer Hoffnung. Verdienter großer Applaus.

Akteure und die Aufführungstermine bis 2012

„Der Mann von La Mancha”, Musical von Dale Wassermann, Grenzlandtheater Aachen, Elisen-Galerie, Aufführungsbeginn jeweils 20 Uhr. Bis 21. Januar 2012 in Aachen, 17. Dezember und 14. Januar auch um 16 Uhr, 31. Dezember um 17 und 20.30 Uhr. Ab 22. Januar in der Region. Tickets siehe Hinweis auf dieser Seite, Infos im Internet: http://www.grenzlandtheater.de

In weiteren Rollen und als Musiker im Einsatz: Martin Kiuntke (Dr. Carrasco/Schlagzeug, Percussion), Raphael Grosch (Anselmo, Barbier, Hauptmann/Percussion), Csaba Székely (José, Gitarre), Stefan Berger (Juan), Heiko Bidmon (Paco/ Klarinette, Saxophon/Flöte), Ela Zagori (Fermina/Violine), Stefan Berger (Bass).
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