Aachen - „Der kleine Ritter Trenk“: Luana Bellinghausen spielt die aufmüpfige Thekla

„Der kleine Ritter Trenk“: Luana Bellinghausen spielt die aufmüpfige Thekla

Von: Jenny Schmetz
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Über die langen blonden Haare kommt diese blonde Perücke – und darauf eine Kettenhaube: Luana Bellinghausen – hier in der Maske des Aachener Theaters – kämpft in „Der kleine Ritter Trenk“ mit. Foto: Harald Krömer

Aachen. Nur Prinzessin? Das war ihr als Dreijährige „zu langweilig“. Da kam bereits die kleine Ritterin in ihr zum Vorschein, und der Hund der Oma musste als Pferd dienen. Jetzt, gut ein Vierteljahrhundert später, darf Luana Bellinghausen die Kettenhaube überwerfen, die Schleuder schwingen – und vielleicht sogar das Schwert. Ja, manchmal können Schauspieler ein bisschen Kindheitsträume ausleben.

„Der kleine Ritter Trenk“ eröffnet Luana Bellinghausen am Theater Aachen diese Chance, eine Art Emanzipationsdrama im Mittelalter. Darin spielt die Kölnerin zwar nicht den kleinen Ritter, aber die kleine Ritterin. Als aufmüpfige Thekla ist sie „ein halber Bengel“, das Burgfräulein hat keinen Bock auf Sticken, Kochen oder Harfespielen, es will wie der Bauernlümmel Trenk nur eins: Ritter werden!

Daher kämpft sie gegen Geschlechterrollen, er gegen Standesgrenzen. Aber das Ganze ist keine Politparabel, sondern ein Stück für Menschen ab fünf nach dem zehn Jahre alten Kinderbuch-Klassiker von Kirsten Boie, der auch schon in Fortsetzungen, im Fernsehen und Kino viele Fans fand.

Ritterin Thekla, die kleine Rebellin – und Luana? „Vielleicht rebelliere ich noch ein bisschen dagegen, erwachsen zu werden“, meint sie. „Dass ich mit nicht mal 30 eine Festanstellung bei der Stadt habe, hätte ich zum Beispiel niemals für möglich gehalten!“ Die Schauspielerin arbeitet bereits die zweite Saison im Aachener Ensemble, und ihr Vertrag wurde bis 2018 verlängert. Momentan ist sie „ziemlich zufrieden“, sagt sie.

Treppenrutschen mit Dürrenmatt

Obwohl sie zuletzt „einige blaue Flecken“ abbekommen hat. Schuld sind acht Stufen in türkis Gummizellen-Optik. Sie bilden die bühnengroße Treppe, auf der in Dürrenmatts „Physiker“ acht Akteure herumrutschen, -hechten und -springen. Bellinghausen ist eine davon – bisher ohne ungeplanten Absturz, berichtet sie stolz.

Dass sie ihren Körper im Griff hat, konnte man schon öfter erleben. Zum Beispiel in „Tigermilch“ im Mörgens, da hat sie als 14-jährige Nini mit frecher Schnauze ihre 1,64 Meter gelenkig um die Gogo-Stange gebogen. Oder bei ihrem ersten Auftritt in Aachen vor anderthalb Jahren, in der Theater-auf-dem-Theater-Klamotte „Der nackte Wahnsinn“, da turnte sie in Unterwäsche als sehr blonde Brooke ebenfalls eine Treppe rauf und runter – und der Zuschauer konnte ihre Bauchmuskeln bewundern.

„Die Muskeln habe ich von meiner Mutter geerbt“ – von Helga Bellinghausen, ebenfalls Schauspielerin. Aber die schlanke Blondine mit den schwarzen Turnschuhen tut auch was dafür – nicht nur sommerliches Bodyboarding auf dem Atlantik. Zweimal in der Woche versuche sie, ins Fitnessstudio zu kommen. Ein sportliches Programm erwartet sie auch mit „Ritter Trenk“: 37 Vorstellungen.

So viele Stunts seien aber nicht zu erwarten, obwohl da auch ein Drache lauert. Aber es geht nicht rauf und runter, sondern rund. In Hanna Müllers Inszenierung ist auf der Drehbühne eine Gauklertruppe im Planwagen unterwegs. „Aus dem Wagen entsteht alles“, sagt Bellinghausen. Theater auf dem Theater, das sehr stark mit der Fantasie des Publikums arbeite – „wie früher, als man sich im Kinderzimmer aus Decken und Kisten alles Mögliche gebaut hat“.

Damals hat sie zwar oft bei der Mama in der Theatergarderobe gespielt oder geschlafen, hat später Gesangs- und Tanzunterricht genommen, aber zur Bühne zog es sie gar nicht so drängend, erzählt die Schauspielerin. Eher vor die Kamera. Für ihre erste Statistenrolle in einem Fernsehkrimi musste sie als Siebenjährige Klingelmäuschen spielen, dafür gäbe es 200 Mark Gage. Dann folgte Casting auf Casting und mit 14 ihr Kinodebüt im Boxerfilm „Elefantenherz“ als kleine Schwester von Daniel Brühl.

In der Schule hat sie derweil „nur so das Nötigste gemacht“, gibt Bellinghausen zu, dann aber doch das Abi und danach eine „Mini-Weltreise“. Nach Versuchen als Foto-Assistentin, beim Studium von Medienwissenschaft oder Online-Redaktion meinte ihre Agentin schließlich: „Entscheide dich mal!“ Und der jungen Frau wurde klar, dass sie „nicht aus Schiss oder Vernunft Plan B nehmen will“.

Plan A lautete dann: Ausbildung an der Kölner Schauspielschule Der Keller. Danach wurde erst mal wieder gedreht: „Soko Köln“, Kölner „Tatort“, „Lindenstraße“ und die Kinder-Geschichtscomedy „Kaiser! König! Karl!“ – bevor das erste feste Engagement in Aachen winkte. Eigentlich also kaum ein Grund zu rebellieren.

Allerdings lässt so etwas wie eine Rebellion zurzeit die deutsche Theaterszene erbeben. Das Ensemble-Netzwerk, eine neue Bühnenkünstler-Initiative, kämpft für faire Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und mehr Mitsprache. Luana Bellinghausen unterstützt die Forderungen und war auch bei der ersten Bundesversammlung des Netzwerks vor einem halben Jahr in Bonn.

Treffen mit Reiner Priggen

Die Schauspielerin weiß, dass man mit der Anfängergage von 1765 Euro brutto nur knapp über die Runden kommt. Sie selbst hat mittlerweile eine „kleine Gehaltserhöhung“ erhalten und sagt eher diplomatisch als rebellisch: „Hier am Haus gibt man sich schon wirklich Mühe, von anderen Theatern höre ich viel Schlimmeres.“

An der Netzwerk-Aktion „40.000 Theatermitarbeiterinnen treffen ihre Abgeordneten“ hat sie sich vor kurzem dennoch beteiligt. Mit zwei Kollegen hat sie den grünen Landtagsabgeordneten Reiner Priggen zu Hause besucht und von der Arbeit am Theater berichtet. „Ein sehr intensiver Austausch“ sei das gewesen, berichtet der Politiker und zeigt sich „beeindruckt von der Persönlichkeit der Gäste und der Leidenschaft für ihren Beruf“.

Ob sich durch diese Theater-Rebellion etwas ändern wird? Das weiß auch Bellinghausen nicht. Aber sie sagt: „Da bricht was auf – hoffentlich!“

Jetzt freut sie sich erst mal aufs „Rockkonzert“ beim Kinderstück: kreischen, schon wenn‘s dunkel wird. Vielleicht darf sie als Thekla dann auch ihre E-Gitarre rausholen und darauf „schrammeln“. Als Teenie hat Luana Unterricht bekommen, damals hat sie in einer Punkrock-Band gesungen – „gegrölt“, sagt sie. Obwohl die sie – ein Mädchen! – zuerst nicht haben wollte. Ob mit E-Gitarre oder nicht, beim „Ritter“ erklingt auf jeden Fall viel Musik. Und am Ende singen alle zusammen „Alles“ von Rio Reiser: „Ich kann alles sein, was ich will (. . .), und heute bin ich ein Kind.“

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