„Der Kirschgarten“: So lasst uns denn ein Bäumchen pflanzen

Von: Sabine Rother
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Entwurzelt: Torsten Borm, Marie Hacke, Philipp Manuel Rothkopf, Tim Knapper und Karl Walter Sprungala (von links) in Tschechows „Der Kirschgarten“ im Theater Aachen. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Schräg – die Bühne, die Charaktere, die Aktionen. Die Personen kommen ins Rutschen aber sie machen weiter, einfach so wie immer – was auch sonst? Für das Große Haus des Aachener Theaters hat Elina Finkel Anton Tschechows „Der Kirschgarten” inszeniert.

Von ihr stammt gleichfalls die moderne Übersetzung des Werkes sowie die mit Dramaturgin Inge Zeppenfeld entwickelte Spielfassung. Und die ist prall, setzt auf Skurrilität und bittere Komik, die dafür sorgen, dass sprachlose Momente umso nachhaltiger wirken.

Am 30. Januar 1904 fand die Uraufführung des Stücks im Moskauer Künstlertheater statt, kurz danach starb Tschechow an Tuberkulose. Die Geschichte ist schlicht; Tschechow entwirft das Bild einer Gesellschaft, die nah am Abgrund steht und das mit kindischem Vergnügen feiert. Die Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranewskaja, die vor Jahren nach Paris ging, um den Unfalltod ihres kleinen Sohnes zu vergessen und die sich dort ins Vergnügen gestürzt hat, kommt völlig abgebrannt zurück in ihre Heimat. Auch dem Gut droht die Pleite. Nur noch der Verkauf des prachtvollen Kirschgartens kann sie retten. Der Kaufmann Lopachin ist zur Stelle – er hat Geld, er betet selbst nach all den Jahren die schöne Ranewskaja noch an, und er hat einen heftigen Drang: Dort, wo seine Vorfahren einst Leibeigene waren, will er Herr werden, sich von Knechtschaft befreien – innerlich wie äußerlich. Ob ihm das gelingt? Natürlich nicht.

Finkel lässt Tschechows Gestalten geschickt aus dem Ruder laufen, um sie dann wieder eng zusammenzuführen. Norbert Bellen hat ihr dafür eine spieltechnisch ziemlich riskante Bühnenschräge mit einer Vertiefung geschaffen, in die der eine oder andere auch schon mal hineinstolpert.

Mit dem spielfreudigen, die Charaktere bis in die tiefsten Regungen entblätternden Ensemble gelingt Elina Finkel ein intensiver Abend. In den modernen Kostümen von Doey Lüthi kommt das Personal dem Publikum sehr nahe. Katja Zinsmeister ist eine lebenshungrige, attraktive, selbst in der Niederlage alles andere als kleinlaute Ranewskaja. Prinzipiell wäre sie in der Lage, ihr Leben in den Griff zu bekommen, doch sie verharrt in alten Prinzipien – das ist bequemer. Zinsmeister gelingt diese Mischung aus Nostalgie und Dekadenz mit funkelnder Energie. In ihrem Gefolge finden sich alle Spielarten satter Arroganz – und Menschen, die irgendwie übrig geblieben sind.

Wie die Hausangestellte Dunjascha, die Marie Hacke mit naiver Erotik und tragischem Witz spielt. Oder den Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik (Rainer Krause), ein Mann mit dunklem Witz und Elvis-Tolle, ein Relikt aus anderen Zeiten – und so fühlt er sich auch. Torsten Borm ist Leonid, Bruder der Ranewskaja, mit einer Mischung aus dumpfer Ignoranz und lauerndem Zynismus, stets den Lolli im Mund, immer hämisch bis bösartig, zappelig und unglaublich faul. Lieber wabbelt er an seinen Bauchfalten herum als arbeitend eine Hand zu rühren. Ranewskajas Tochter Anja ist ein Püppchen in teuren Kleidern, schön frech von Nele Swanton gespielt. Hannes Schumacher tut als Angestellter Jascha, was er am besten kann: Frauen jagen, begrapschen, belauern. Nur kein Mitleid – das ist anstrengend.

Philipp Manuel Rothkopf rauft sich als urkomischer und eifersüchtiger Unglücksrabe Semjon die Haare, Simon Rußig spielt den schwadronierenden Studenten Trofimow mit nervtötender Intensität, ein Schmarotzer, der sich ungeniert bei denen einnistet, die er beschimpft. Stark und doch beherrscht von seiner Schwäche, der Sehnsucht nach Anerkennung, ist Lopachin. Glänzend verkörpert Tim Knapper diese Gestalt mit all ihren Brüchen, ein stattlicher Mann, autoritär, gepflegt, aktiv, erfolgreich. Und doch: Er schafft es nicht, Warja, der arbeitsamen Adoptivtochter der Gutsbesitzerin, einen Heiratsantrag zu machen, den letzten Schritt in die „bessere Gesellschaft” zu wagen.

Selbstbewusst und zugleich sehr verletzlich gibt Luana Bellinghausen dieser Warja eine nahezu emanzipierte Prägung, die dennoch unter dem biederen Makel zusammenbricht, den ersehnten Antrag nicht zu erhalten. Den Status der heimatlosen Außenseiterin Gouvernante Charlotta betont Regisseurin Elina Finkel, indem sie Karl Walter Sprungala in Kostüm und Samtkleid steckt. Er spielt das souverän und mit witziger Grazie.

Wir feiern den Untergang

Mit einer krachenden Party wird der Untergang gefeiert, man betrinkt sich, es regnet Goldkonfetti und Luftballons, man beschimpft sich und wirft sich danach einander in die Arme. Doch selbst in diesem Moment denkt niemand an Veränderung. Nur eins ist sicher: Der Tanz auf dem Vulkan geht weiter. Elina Finkel ist eine Inszenierung von Tschechows Tragikomödie gelungen, in der es viel zu entdecken gibt. Und durch die sogar ein Hauch von Optimismus weht: mit einem Kirschbäumchen-Verkauf von der Bühne aus, pro Vorstellung fünf Bäume. Die Zuschauer kauften und applaudierten kräftig.

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