Aachen - „Der gute Mensch von Sezuan“: Wo Hoffnung ein Pappschild bleibt

„Der gute Mensch von Sezuan“: Wo Hoffnung ein Pappschild bleibt

Von: Sabine Rother
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Noch zögert sie: Emilia Rosa de Fries (rechts) als „Shen Te“ (zusammen mit Elisabeth Ebeling und Rainer Krause) in der Aachener Inszenierung von Bertolt Brechts Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“. Am Samstag war die Premiere. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Arbeitsatmosphäre. Die Darsteller testen lässig ihre Mikrofone, sitzen mit wippenden Fußspitzen herum oder arrangieren ein paar graue Stühle. Auf die Bühnenschräge ist mit bräunlicher Sägespäne ein Rechteck gestreut, darin liegen schwarze bewegliche Buchstaben: „Welcome“. Wem gilt das? Den Göttern? Den handelnden Personen? Dem Publikum?

Im Laufe des Stückes wird die oberflächliche Ordnung gründlich aufgewühlt: Bertolt Brechts Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“ hatte am Samstag im Großen Haus des Aachener Theaters Premiere.

In ihrer Inszenierung setzt Regisseurin Bernadette Sonnenbichler mit einem extrem spielfreudigen und wandlungsfähigen Ensemble Brechts Aussagen zu einem Thema um, das seit der Uraufführung des Stücks 1943 in Zürich nach 70 Jahren unvermindert aktuell ist: Moral und Kapital, Arme und Reiche, Ausbeuten und ausgebeutet werden, kurz: Wie soll das Gut-Sein funktionieren, wenn die Gier auch denjenigen korrumpiert und zum Schmarotzer werden lässt, dem ein anderer hilft. „Geiz ist geil” – einer von vielen Sprüchen, die durch das Leuchtschriftband über der Bühne flimmern.

Wie bei einer Demo

Jens Burde schuf aus Brettern und ein paar Requisiten eine Art Improvisationsbühne, die mit wenigen Versatzstücken auskommt und in ihrer spartanischen Tristesse die Aussagen Brechts intensiv verstärkt. Pappschilder an den Wänden, die an schnell gebastelte Demo-Utensilien erinnern, signalisieren selbst demjenigen, der gar nichts verstehen will, worum es geht: Gut, böse, reich, arm, schlau, egoistisch, sozial, Angst, Hunger, Pech . . .

Schauspielerinnen und Schauspieler tragen schwarz-blaue Einheitskleidung (Kostüme: Tanja Kramberger), die den Charakter der Versuchsanordnung gut verstärkt. Oder soll das Blau ein Hinweis auf das heutige Europa sein? Vielleicht, die Fahne flattert ja für einen Moment.

Wen die Akteure spielen, stellen sie durch Körperhaltung und Ausdruck dar. Das bedeutet harte Arbeit für Regisseurin und Darsteller. Die Geschichte von Shen Te istbis heute ein Beweis, wie scharfsinnig Brecht Mensch und Wirtschaft analysiert hat. Die gutherzige Prostituierten gibt im bitterarmen Sezuan den Göttern Unterkunft, wird reich belohnt und verspricht das Unmögliche: ab sofort gut zu sein und anderen Gutes zu tun. Schnell wird klar, dass Bittsteller und Arme, Familie und Fremde, denen die Shen Te uneigennützig hilft, zu bösartigen Schmarotzern mutieren, die ihre Wohltäterin aufzufressen drohen. Aus Not entwirft Shen Te die Gestalt des Vetters Shui Ta, der hart und unbarmherzig gegen die bedrohliche Masse durchgreift.

Bernadette Sonnenbichler führt Brechts Kritik am kapitalistischen System rasant auf grundlegende Wahrheiten zurück. Immer wieder stellt sie Gegenwartsbezüge her, zitieren die Darsteller in den von Brecht bewusst (Verfremdungseffekt) eingebauten Unterbrechungen durch Ansprechen des Publikums, Medienberichte zu Not und Elend in der Welt, zu Billiglohn und Korruption. Das Programmheft ist eine weitere Form der Nachhilfe in Sachen Gegenwart.

Emilia Rosa de Fries bewältigt die Rolle der Shen Te mit großer schauspielerischer Kraft, überzeugenden Emotionen und berührender Natürlichkeit. Leid, Zerrissenheit, aufkeimende Hoffnung, schließlich Liebe, Enttäuschung und Verlassenheit spiegeln sich in ihrer Zeichnung einer Persönlichkeit, der Brecht zwei Gesichter gegeben hat. Es fällt auf, wie sie den „Macher“ Shui Ta nicht wirklich von der weichherzigen Shen Te trennt. Wo der „Vetter“ ohne Erbarmen durchgreift, bleibt der Schmerz gegenwärtig, den die mitfühlende Shen Te durchleidet.

Jedes Ensemblemitglied verkörpert mehrere Rollen, die Wechsel sind oft blitzschnell. Elisabeth Ebeling kann vom professionellen Lamento der Frau Yang fast übergangslos in das hochmütige Gerede eines der drei Götter umschalten. Ein Könner wie Rainer Krause ist zugleich schmieriger Barbier und gieriger Schreiner, Felix Strüven muss nur den Hut wechseln, um sich in die spitzzüngigen Frau Mi Tzü zu verwandeln. Markus Weickert schrumpft vom dominanten Polizisten zum Kind Lin To. Thomas Hamm gibt dem Wasserverkäufer Wang durch eindrucksstarkes Spiel Struktur, herausragend Philipp Manuel Rothkopf, als Flieger Yang Sun: ein Mensch, der sich im herrschenden System wie in einem Spinnennetz verfängt und schließlich alle, die sich ihm nähern, mit in den Abgrund reißt.

Bernadette Sonnenbichler setzt in ihrer Regie auf permanente Bewegung, auf den Strudel, in dem sich diese Gesellschaft rasend schnell abwärts bewegt. Das gerät manchmal zum Verwirrspiel, das zwar unterhält und die drei Stunden Aufführungsdauer vergessen lässt, aber doch häufig überdreht wirkt. Mit Ludger Singer und Jürgen Sturm sitzen hervorragende und erfahrene Musiker auf der Bühne, die sogar Gießkanne und Wassertank erstaunliche Geräusche entlocken. Die Musik von Paul Dessau wurde für Hammondorgel bearbeitet, was ihr einen seltsam weichlichen Ton verleiht. Die Songs kommen als Tanznummern daher, was aber der Prägnanz Brecht‘scher Sprache schadet.

Große Beweglichkeit

Wenn das Sägemehl aufgewühlt, die Buchstaben des „Welcome“ zu Tabakballen verkommen sind, die durch die Fabrik gezerrt werden, ist der Moment zur letzten Szene gekommen, die eine aufgelöst schreiende, verzweifelt um sich schlagende Shen Te zeigt. Und die Götter? Die Ignoranz, mit der sie das Menschenelend abwimmeln, ist bitter, alles bleibt offen. Wie Brecht gibt auch die Regisseurin den Gestalten des Stücks Leidenschaft, Unberechenbarkeit und große Beweglichkeit. Eine Inszenierung, die jung und zugleich gereift ist. Viel Applaus für eine beeindruckende Ensembleleistung.

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