Der Glanz russischer Musikkultur im Aachener Eurogres

Von: Thomas Beaujean
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Aachen. Mit zwei Schlachtrössern aus dem reichen Schatz der russischen Musikliteratur wartete das Novosibirsk Philharmonic Orchestra bei seinem Auftritt in der Reihe der Meisterkonzerte im gut gefüllten Aachener Eurogress auf.

Sergeij Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert und Peter Tschaikowskis 6. Sinfonie „Pathétique“ bildeten ein wahrlich attraktives Programm, das eingangs um Michail Glinkas brillante Ouvertüre zur Oper „Russlan und Ludmilla“ ergänzt wurde.

Da mit Thomas Sanderling ein renommierter Dirigent am Pult stand und sich mit der gebürtigen Ukrainerin Valentina Lisitsa eine Pianistin vorstellte, die nicht nur mit ihren pianistischen Fähigkeiten, sondern auch als You-Tube-Musikerin Furore gemacht hatte, war mit einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis zu rechnen. Die Glanz russischer Orchesterkultur entfaltete sich denn auch gleich zu Beginn bei der mitreißenden Wiedergabe der Glinka-Ouvertüte. Der in großer Streicherbesetzung angetretene Klangkörper imponierte in allen Instrumentalgruppen. Und das schwungvolle zweite Thema von zehn Cellisten intoniert zu hören, war das reinste Vergnügen.

Die große Besetzung wurde auch beibehalten bei Rachmaninoffs Klavierkonzert, was kaum zu Balanceproblemen mit dem Klavier führte. Valentina Lisitsa, deren Erscheinungsbild mit blonden Locken und merkwürdiger weiter Gewandung eher an eine Fee aus dem Märchenwald denken ließ, bringt für die Bewältigung des Soloparts alles mit, was dieses Virtuosenstück par excellence erfordert: eine stupende Technik, klangliche Durchsetzungsfähigkeit, die sie aus lockerem Handgelenk gewinnt, und ebenso Sinn für feinnervige Tongebung.

So hätte eine Wiedergabe wie aus einem Guss entstehen können, zumal Thomas Sanderling und das Orchester äußerst aktive und flexible Mitgestalter waren, wenn sich die Pianistin nicht vor allem in den lyrischen Teilen allzu viele Tempoverzögerungen geleistet hätte, die das Werk in eine sentimentale Ecke rücken, in die es nun wirklich nicht hineingehört. Als Zugabe spielte Lisitsa den 3. Liebestraum von Franz Liszt, klanglich äußerst delikat.

Auf überflüssige Temporückungen verzichtete Thomas Sanderling bei seiner Wiedergabe von Tschaikowskis 6. Sinfonie gänzlich. In der Tradition russischer Aufführungspraxis gestaltete er mit dem Orchester das in den Ecksätzen zur Larmoyanz neigende Werk mit äußerster Strenge, verzichteter sogar auf die vom Komponisten geforderten Beschleunigungen im zweiten Thema des ersten Satzes. Eine Aufführung frei von jeder Effekthascherei, klanglich ausgewogen, auch bei den wilden Blech-Attacken, soweit sich diese Ausgewogenheit in der diffusen Akustik des Saales überhaupt erzielen lässt.

Das Publikum im Eurogress war begeistert.

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