„Der Freischütz“ im Theater Aachen: Fröhliches Trallala im ziemlich toten Wald

Von: Armin Kaumanns
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Der Bösewicht ist tot, die Hochzeit kann beginnen: „Der Freischütz“ im Theater Aachen mit Chris Lysack (im Vordergrund), Woong-jo Choi (liegend), Pawel Lawreszuk (dahinter), Jelena Rakic und Katharina Hagopian (rechts) sowie dem großen Chor. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Die Sache mit dem Jungfernkranz gerät am Theater Aachen, trotz einiger Lacher im Parkett, zu einer martialischen Angelegenheit. Agathe, die Försterstochter, wird an ihrem vermeintlichen Hochzeitstag im weißen Brautkleid von vier Matronen in streng böhmischer Tracht regelrecht heimgesucht.

Zum entzückenden Ohrwurm vom „schönen, grünen Jungfernkranz“ legen die örtlichen Moralwächterinnen mit ihren turmhohen Schneeeulenhüten der Braut geklöppelte Schürze, Kragen und Haube an und tun das mit einer Bestimmtheit, dass der Jungfer die Luft wegbleibt. Da weiß sie, was sie in der Ehe, was sie in der Dorfgemeinschaft erwartet.

Nach der Pause wird es besser

Die Intendanz hat den „Freischütz“ dem Regisseur Martin Philipp anvertraut. Der ist in Aachen wahrlich kein Unbekannter, zuletzt hat er im Mörgens das Projekt „Kennen lernen“ verantwortet. Im Graben waltet zum ersten Mal eigenverantwortlich Kapellmeister Justus Thorau. Während der 28-Jährige, der vor dem Konzertexamen steht, schon in der Ouvertüre zu Carl Maria von Webers urromantischer Oper selbstbewusst auf große Bögen setzt, die Grenzen der Dynamik auslotet und im Lauf des Abends das Sinfonieorchester zu hoher Emotionalität anstiftet, verbreitet Philipps Personenführung zunächst gähnende Langeweile.

Erst nach der Pause merkt man der Regie so etwas wie Lust an der Dekonstruktion an, die mit dem ironischen Zeigefinger daherkommt. Immerhin, möchte man anmerken, versucht Philipp dem ollen „Freischütz“ seinen Widerstand entgegenzusetzen. Dem Premierenpublikum gefiel das – gemessen am Applaus – übrigens ungemein.

Die Bühne ist weitgehend leer. Der romantische deutsche Wald ist Camouflage, Spiegelstreifen ragen in den Himmel, Natur scheint abgestorben. Ein hohler Baum durchbricht die Decke, sein Stamm bleibt hinter Maschendraht (warum?) und birgt eine Heiligenfigur samt roter Kerzen. Detlef Beaujean hat diesen Raum mit schräger Parkett-Spielfläche erdacht, in den zur Wolfsschlucht-Szenerie Nebel wabern und beim Freikugelgießen sieben Speere durch die Decke dringen.

Im dritten Akt dräuen dann riesige Wolfsaugen von den Wänden, die etwa dem fröhlichen Trallala des Jägerchors unheimlich zuschauen. Lauter passable Ideen, damit könnte man arbeiten. Leider will das der Regie nicht gelingen. Schon die Konfrontation der Jägerburschen samt Erförster Cuno (Pawel Lawreszuk) mit Max, dem glücklosen Schützen und verzweifelten Bräutigam („Durch die Wälder, durch die Auen“), erstarrt in einer unerklärlich absurden Choreographie. Chris Lysack kann einem fast leidtun, wie er haltlos herumsteht. Wie soll er da tenoral erstrahlen, wie dramatisch aufbrausen? Er tut es nicht, bleibt sängerisch matt. Das ist schade.

Ännchen und Agathen geht es nicht viel besser. Jelena Rakic hat viel Keckes in der Stimme, Katharina Hagopian gibt der Agathe-Partie eine Menge edlen Schmelz und weites Legato mit. Aber beide wissen nicht recht, was sie verkörpern, ihr Singen und Spielen bleiben seltsam unverbunden. Und das hört man eben auch.

Großes Getöse

Dann die fürchterliche Wolfsschlucht-Szene. Hier hat Kaspar das Sagen, jener Bursche mit teuflischem Sinnen, den Woong-jo Choi breitbeinig und mit kernig-diabolischem Bass ausstattet. Das bringt ihm besonders großen Applaus ein. Das Freikugelgießen muss er allerdings mit sich selbst ausmachen. Samiel hat Urlaub oder so was, jedenfalls ist die Teufelsbeschwörung in Aachen ein Selbstgespräch (ist Kaspar etwa schizophren?), das am Ende mit Windmaschine und Flammenwerfer in so großes Getöse mündet, dass niemand im Saal das Klickern der besonders verwunschenen Kugel Nummer sieben mitbekommt.

Nach der Pause schlägt dann die Stunde der Regie. Hinterm Gaze-Vorhang schaut zum rasanten Vorspiel schon mal Agathe als Reh verkleidet herein. Dann wird die Jägerschar als blutrünstig geoutet: Das Blut des frisch geschossen Bocks dient der Gesellschaft als Schnaps-Ersatz, anschließend sehen die Trachtenträger (Kostüme: Kristopher Kempf) mit ihren blutverschmierten Mündern aus wie Vampire nach der Mahlzeit. Irgendjemand verpasst der Braut einen weißen Luftballon, der sowohl den Probeschuss als auch das forsche Eingreifen des Fürsten (Benjamin Wirth) und den Auftritt des Eremiten (Vasilis Tsanaktsidis) unbeschadet übersteht. Allerdings landet der Bock, frisch aufgebrochen, im Schlussbild vor dem Brautpaar. Das C-Dur strahlt, Braut und Bräutigam machen lange Gesichter. Und fröhlich tropft Blut aufs Parkett.

Der gute Carl Maria von Weber wird sich nicht im Grabe herumdrehen ob dieser Inszenierung, die ja bei allen handwerklichen Mängeln das Richtige will: zeigen, dass (wie unsere) auch die Freischütz-Welt unfrei ist und Auswege nicht leicht zu haben sind. An der musikalischen Qualität wird der Meister nicht viel zu meckern haben. Der Graben überzeugt restlos; die Solisten möchte man sich vielleicht brillanter, charismatischer wünschen, aber die Leistung geht in Ordnung.

Aufhorchen lässt bisweilen der große Chor, gerade die Männer sind richtig gut drauf. Ob das an der neuen Chordirektorin Elena Pierini liegt? Dass allerdings der weiße Luftballon am Ende nicht zerplatzt, bleibt rätselhaft.

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