Der Distanzierte: Dylan-Konzert in Düsseldorf

Von: Ekkehard Rüger
Letzte Aktualisierung:
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Immer schön distanziert: Bob Dylan live. Das Foto stammt aus dem Jahr 2012, der Meister erlaubt bei seinen Konzerten keine Fotografen mehr. Foto: dpa

Düsseldorf. Es zählt zu den besonderen Merkmalen von Bob Dylan, dass er auch den glühendsten Anhängern mit seinen fortwährenden Wandlungen immer wieder Rätsel aufgibt. Bei seinem Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle lässt sich das ausgerechnet an „Blowin‘ in the wind“ gut ablesen.

Der inzwischen 75-jährige Dylan hat diese millionenfach zu Tode geklampfte Anti-Kriegs-Hymne als erste Zugabe ausgewählt, aber zu erkennen ist sie nur noch an der legendären ersten Textzeile „How many roads must a man walk down“.

Von der Mundharmonika- und Akustikgitarren-Glückseligkeit verblichener Folkzeiten ist nichts mehr übrig, von der Melodie auch nicht. Stattdessen ein völlig umgekrempelter musikalischer Rahmen – von der fantastischen fünfköpfigen Begleitband so kompakt wie lässig gezogen, dass sich der Song mühelos in das Gesamtkunstwerk des Abends einfügt.

Eigene Stücke, fremde Stücke, frühe Phase, späte Phase? Im Prinzip spielt das keine Rolle, denn für Dylan ist das alles nur ein gigantisches Arbeitsmaterial. Vielleicht auch deshalb klingt seine Kinderschreck-Stimme, als suche da gerade jemand in der Werkzeugkiste nach dem passenden Schraubenschlüssel. Dylan hat die amerikanische Musikkultur zugleich aufgesogen und geprägt wie kaum ein anderer.

Und jetzt bedient er sich nach Belieben in fremden wie eigenen Quellen und setzt die Fundstücke zu seinen besonderen Bedingungen immer wieder neu zusammen. Diese großen Bögen werden so beiläufig geschlagen, wie es nur jemandem gelingen kann, dessen musikalisch-künstlerische Werkzeugkiste eben nicht feinsäuberlich getrennt ist, sondern kreativ verhakt und vor allem ständig im Gebrauch.

Ist Bob Dylan ein Star? Man mag das Wort nicht verwenden, weil seine Ausstrahlung damit nicht zu fassen ist. Wenn er breitbeinig mit leicht gebeugten Knien am Flügel steht, bleibt unklar, ob es sich dabei um eine missratene Rockerpose oder um nur leidlich kaschierte Rückenprobleme handelt. Und die tänzelnden Bewegungen mit dem Mikrofonständer wirken eher tapsig bis unbeholfen.

Selbstredend wendet sich der Literaturnobelpreisträger auch mit keinem Wort direkt an sein Publikum. Die einzige Zuwendung bleibt ein kurzer Moment, in dem alle sechs Musiker nach dem letzten Lied stehend in Richtung Saal blicken – natürlich ohne Verbeugung.

Die Intimität, die Dylan als Person vermissen lässt, erzeugt in Düsseldorf seine Bühne: Scheinwerfer, sichtbar aufgeständert und behutsam eingesetzt, schaffen eine Mischung aus Theater-, Club- und Wohnzimmeratmosphäre. Das Publikum ist zu Gast bei einem verschrobenen Genie, das viel zu sehr mit seiner eigenen Welt beschäftigt ist, um noch Zeit für Arroganz, Nobelpreise oder gehegte Erwartungen zu haben.

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