Maastricht - Der alte Holländer, der auch singen kann

Der alte Holländer, der auch singen kann

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
17. Jahrhundert: Jacob Jordaen
17. Jahrhundert: Jacob Jordaens „Wie die Alten sungen, so pfeifen die Jungen” hält auf der Tefaf eine Überraschung bereit. Foto: Verena Müller

Maastricht. Da dudelt doch irgendwas! Ist das holländisch? Besucher, die vor dem großformatigen Gemälde Jacob Jordaens (1640) am Stand des Pariser Kunsthändlers Jean-François Heim auf der Tefaf im Messezentrum MECC stehen bleiben und merkwürdige Klänge hören, sollten sich einen Moment Zeit nehmen und sich darauf einlassen.

Was sie sehen und hören, ist nämlich eine kleine Revolution auf der Maastrichter Kunst- und Antiquitätenmesse. Nicht nur die Bedeutung des Bildes wurde vor kurzem um eine Ebene erweitert, sondern auch längst vergessenes Liedgut wiederentdeckt. Zu sehen ist eine feiernde und musizierende Familie, alle - auch die Kinder - scheinen gut gegessen und getrunken zu haben, die Wangen sind gerötet, die Zungen vom Wein schwer.

„Wie die Alten sungen, so pfeifen die Jungen”, lautet der Titel mit moralisierendem Unterton. Aber darum geht es nicht nur. Auf dem Zettel des bärtigen Alten sind die ersten Zeilen eines Liedes zu lesen: „Ein neues Liedchen von Callo” steht da sinngemäß. Text und Melodie wurden wiederentdeckt und neu vertont. Und so können Tefaf-Besucher nun hören, was in dem Bild gefeiert wird: der Sieg der Niederländer über die Franzosen in der Schlacht im Norden von Antwerpen. 4,2 Millionen Euro muss man hinblättern, wenn man den Jordaens mit nach Hause nehmen will. Das Lied inbegriffen? „Das ist Verhandlungssache”, sagt Heim.

Beängstigend seien die Ursprünge der Tefaf gewesen, sagt Johnny Van Haeften, Londoner Galerist. Es habe furchtbar geschneit, die Autobahn sei zu gewesen, und am ersten Tag der Pictura - einem der beiden Vorläufer der Tefaf - seien mehr Aussteller als Besucher da gewesen. Das war 1975. An eine internationale Messe für Kunst und Antiquitäten dachte damals noch niemand. 13 Jahre später, 1988, änderte sich das, als die Pictura und die Maastrichter Antiquitätenmesse zur Tefaf (The European Fine Art Foundation) verschmolzen. Sie sollte in ihrer Sparte, Alte Meister und Antiquitäten, den Kunstmarkt umwälzen, die weltweit bedeutendste Messe werden. „Für die Kunden ist das perfekt”, sagt Van Haeften. Er ist von Anfang an dabei und mit seinen flämischen und niederländischen Gemälden einer der Platzhirsche. „Amerikaner müssen nicht ganz Europa bereisen, um die wichtigsten Galeristen zu treffen. Alle sind hier.” Ändern würde er an der Tefaf nichts. „Eine erfolgreiche Sache braucht keine Veränderungen.”

Bei Epoque Fine Jewels stehen Mutter und Tochter über eine der Vitrinen gebeugt. Der Juwelier aus Belgien hat in diesem Jahr mit einem Jugendstil-Libellenanhänger von René Lalique aus Gold, Diamant und Email für Aufsehen gesorgt. Die beiden Frauen interessieren sich aber für eine Brosche. „Die da mit den Diamanten hab ich so ähnlich mit Brillanten”, sagt die Mutter. Die Tochter erwidert: „Was ist denn der Unterschied?” Die Mutter: „Brillanten sind so ähnlich, nur noch wertvoller.”

„Jeder will hier sein Bestes geben”, sagt Franz Bausback, Teppich- und Textilienhändler aus Mannheim und ein Mann der ersten Tefaf-Stunde. „Maastricht-Aussteller” zu sein, habe sich zu einer Adelung entwickelt. Die Struktur der Tefaf habe schnell überzeugt, die Trennung der verschiedenen Bereiche wie die Auswahl der Händler, die Gestaltung der Messe, das Marketing und so weiter. Von Anfang an sei Maastricht sehr dynamisch gewesen, ein wichtiger Moment sei dann die Öffnung der Grenzen gewesen. „Als wir mit den Transportern über die Grenze fuhren, ohne Kontrolle, haben wir gemerkt, welch große Freiheit das für die Welt bedeutet. ,Jetzt hab ichs geschafft, ging mir damals durch den Kopf.” Ob es rauschende Feste in der Phase der Aufbruchstimmung vor 25 Jahren gab? Bausback macht eine vielsagende Handbewegung, lächelt und schweigt.

Der große Magnet - wie der Rembrandt im vergangenen Jahr - fehlt, dafür gibt es viele kleine Highlights. Etwa ein neu entdecktes Alabaster-Relief von Tilman Riemenschneider, „Die Verkündigung” (1515-1520), die bei Daniel Katz (London) zu sehen ist. Oder die erste Karosserie der BMW-Art-Car-Serie von 1975, die der amerikanische Künstler Alexander Calder entwarf. Ihm sollten beispielsweise Andy Warhol oder Jeff Koons folgen. Eines der schönsten Schneebilder des Realismus ist mit „Effet de Neige” von Gustave Courbet bei French & Company (New York) vertreten. Wie eine Welle scheinen sich mit Schnee beladene Sträucher und Bäume von einer Böschung auf einen Weg herabzubeugen. Der Duktus empfindet die Struktur von angetautem, erneut gefrorenem und gebrochenem Schnee nach. Dunkles Braun kon-trastiert mit gedecktem Weiß.

Ulf Breede, Juwelier aus Berlin, wünscht sich ein bisschen des Glanzes des 19. Jahrhunderts zurück. Ob Schmuck, Möbel oder Porzellan: Die Anlässe fehlten, um mit teuren Stücken zu - tja, zu protzen eben. „Heute heißt es: Mein Haus, mein Auto, mein Boot”, sagt Breede. Männer würden kaum noch Manschettenknöpfe tragen, womöglich bald gar keine Krawatten mehr. Frauen kauften lieber Schmuck, den sie jeden Tag tragen können. Die jüngere Generation neige zur Oberflächlichkeit, das Internet sei nur ein Indiz. Breede sei dort zwar auch vertreten, aber nur Diamanten regten das Interesse potenzieller Käufer. „Die Leidenschaft für gewisse Dinge geht verloren”, stellt Breede fest, der die Entwicklung auch auf der Tefaf im vergangenen Vierteljahrhundert verfolgt hat.

Liebhaber der Druckgrafik werden unter anderem bei Helmut H. Rumbler fündig: Die „Vier Reiter der Apokalypse” von Albrecht Dürer (Preis: 70.000 Euro), herausragende Stiche von Hendrik Goltzius und eine sehr zart und fein gearbeitete Ansicht eines Heustobers von Rembrandt (Preis: 98.000 Euro) sind beispielsweise zu sehen. Einem Kunden wird empfohlen, sich auch die Cornelis-Bega-Ausstellung in Aachen anzuschauen. Der Engländer überlegt. „Da müsste ich ja noch mehr reisen”, sagt er und schüttelt den Kopf.
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