Aachen - Dem Grauen einen starken Raum geben

Dem Grauen einen starken Raum geben

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
bühnebild
Lagebesprechung auf der Bühne: (von rechts) Bühnenbildner Oliver Brendel, Regisseurin Ewa Teilmans, Bühnenmeister Norbert Conrad, Beleuchtungschef Hartmut Litzinger, Leiter der Schreinerwerkstatt Lothar Grzesinski und Ausstattungsleiter Detlev Beaujean. Foto: Ralph Roeger

Aachen. Die „Stunde der Wahrheit” schlägt für Oliver Brendel schon weit vor der Premiere. „In Konstruktionszeichnungen und Beschreibungen ist oft alles sehr schön, ob es sich dann auch realisieren lässt, wissen wir erst jetzt.” Auf der Bühne im Großen Haus des Aachener Theaters herrscht von acht Uhr früh bis tief in die Nacht Hochbetrieb.

Jetzt wird sich zeigen, ob Brendels Raum für das Stück „Motortown” von Simon Stephens (Premiere am 17. Januar, 19.30 Uhr) „funktioniert”, ob er dem entspricht, was Brendel nach langen Gesprächen mit Regisseurin Ewa Teilmans entwickeln konnte. Es wird gehämmert und gebohrt, gemessen und angepasst.

Die einen schleppen Holzbalken, die als Provisorium eine abenteuerliche Konstruktion abstützen werden, die anderen beobachten genau, ob der riesige Alurahmen die richtigen Maße hat - plötzlich schüttelt einer der Handwerker den Kopf und deutet auf einen unübersehbaren Spalt.

„Passt nicht!”, informiert er knapp und ein bisschen besorgt den Bühnenbildner und zeigt ihm die schmale Lücke zwischen einem Stück „Aida”-Dekoration und „Motortown”.

„Das ist normal”, meint Brendel gelassen und weiß schon eine Lösung. Regisseurin Ewa Teilmans eilt derweil quer über Bühne und durch den leergeräumten Orchestergraben von einem Handwerker zum anderen, hat für alle ein gutes Wort - und auf die Elemente des entstehenden Raumes einen kritischen Blick.

Aber sie bleibt optimistisch und entspannt: „Ich habe es mir wirklich so vorgestellt”, sagt sie schlicht, und schon ist sie wieder unterwegs zur Probenbühne. Hier muss sich das Ensemble die Höhen und Tiefen der Bühne noch vorstellen, während im Großen Haus gerade an den Bodenkanten die weißen Signalbänder erneuert werden, die vor dem Orchestergraben warnen.

Es ist ein Unterschied, ob man eine Markierung am Boden hat, die ein Loch bedeutet, oder ob das Loch wirklich da ist und jemand hineinstolpern könnte, da müssen die sich Schauspieler schon sehr konzentrieren, wenn es auf die konkrete Bühne geht.

Nur sechs Bühnenproben gibt es für Ewa Teilmans und ihr Team, damit sich alle an die Dimensionen des Raums und die Eigenheiten der Gestaltung gewöhnen können. „Das ist nicht viel, aber es muss genügen”, meint die Regisseurin.

Auch die „Sichtachsen” des Hauses gilt es zu bedenken, das schließlich für Sprech- und Musiktheater gleichermaßen eingerichtet ist. Wer bei einer Oper nicht mehr alles so genau sieht, hört wenigstens noch die Musik. Bei einem Theaterstück wie „Motortown” wäre das ungünstig, weil jeder Blick eine Bedeutung hat.

Da im Wechsel auch andere Stücke und Opern des Spielplans im Großen Haus zu sehen sein werden, sollte das Bühnenbild zunächst mindestens eine Eigenschaft haben: „Man muss es zusammenlegen können und es muss in einen Lastwagen passen”, sagt Brendel ganz sachlich. Doch es gibt natürlich viel mehr über den Raum zu sagen, der Gedanken, Gefühle und Botschaften eines Autors wie Simon Stephens aufnehmen und spiegeln soll.

Mit einem besonderen Effekt (das wird noch nicht verraten) wird man zunächst beim Zuschauer höchste Aufmerksamkeit erreichen. Doch dann gilt es, die elf Meter Breite und dreieinhalb Meter Raumtiefe so zu nutzen, dass sie die Innenspannung der Szenen aufnehmen und erhöhen. „Es ist einfacher, wenn man konkrete Möbel hat”, so Brendel, „hier setzen wir Licht und Videoelemente ein. Umbauten darf es bei so einem Stück nicht geben, das wäre undenkbar.”

Inzwischen dröhnen Bässe und Rhythmen durch das Haus - erste Versuche, auch eine „Klangkulisse” zu entwerfen. Ewa Teilmans persönlich nimmt nun noch die Videokamera zur Hand, sobald die Akteure erste Szenen proben. „Spannungsreiche Momente werden in Nahaufnahme festgehalten und sorgen für eine Verstärkung des Gesagten”, verrät sie. Eine von vielen Überlegungen, die weit vor dem ersten Probentag erfolgten.

„Man muss Klischees auf den Tisch legen, um sie wirklich loszuwerden”, beschreibt Brendel seinen Weg. Panzer, Projektionen aus dem Irakkrieg, Handgranaten - all das ist ausgesprochen und verworfen worden.

„Es kommt darauf an, dass die Essenz des Stücks in den Köpfen ankommt. Es ist die Tatsache, dass eine ganze Gesellschaft vom Krieg verändert wird”, betont der Bühnenbildner. „Wir machen hier jedenfalls kein Betroffenheitstheater. Das Grauen sollte dennoch im Laufe des Stücks greifbar werden.”

„Motortown”, Stück von Simon Stephens, Premiere im Großen Haus des Theaters Aachen am Samstag, 17. Januar, 19.30 Uhr. Regie: Ewa Teilmans; Bühne: Oliver Brendel; Kostüme Sandra Münchow; Musik: Malcolm Kemp; Dramaturgie: André Becker; Licht: Hartmut Litzinger.

Ferner im Einsatz sind nahezu alle Mitglieder von Werkstätten und Technik des Theaters. Infos im Internet auch zum umfangreichen Rahmenprogramm mit Diskussionen, Lesungen und Vorträgen findet man im Internet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert