„Das Tagebuch der Anne Frank“ begeistert im Theater Aachen

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
14145869.jpg
„Das Tagebuch der Anne Frank“ in der Kammer des Theaters Aachen: Panagiota Sofroniadou fasziniert das Publikum mit intensivem Spiel und großer Stimme. Foto: Carl Brunn

Aachen. Es ist ja das schier Unglaubliche am „Tagebuch der Anne Frank“, dass da ein 13-, zuletzt 15-jähriges Mädchen derart kluge, lebensweise, ergreifend unmittelbare Eindrücke vom Leben im Versteck angesichts der Bedrohung durch die Gestapo überhaupt zu Papier bringen konnte.

Dem Sog dieser kindlich-frühreifen Sicht auf die Schrecken des Nazi-Terrors hat sich auch der russische Komponist Grigori Frid nicht entziehen können und den Text des Mädchens Ende der 60er Jahre zu einer monologisierenden Oper für Sopran und kleines Orchester verdichtet.

In der Kammer des Theaters Aachen entlädt sich nach der einstündigen Premiere ein intensiver, langer Applaus über die an dieser Aufführung Beteiligten, zuvorderst über die junge Sopranistin Panagiota Sofroniadou, die als Anne die Achterbahnfahrt der Emotionen allein in einem engen Guckkasten verkörpert. Eine große Leistung.

Die griechische Sopranistin schließt gerade ihr Studium an der Musikhochschule Köln/Aachen ab, die „Anne“ ist sozusagen ihre Masterarbeit. Dass sie trotz des Prüfungsstresses derart natürlich und unaufgeregt, so mal eben vom Klavierhocker aus in die große Partie einsteigt, zeugt von einem überragenden Bühnentalent. In der unmittelbaren Nähe zum Publikum, das die Studiobühne zu einem Reaktor für besonders intensive Emotionen prädestiniert, legt die junge Frau in ihrem rot gemusterten Kleid, mit Schnürschuhen, Söckchen und eng anliegenden Zöpfen zum Mädchen stilisiert, gleich los mit ihrem gesungenen Monolog.

Der beginnt mit dem 13. Geburtstag, an dem sie das (hier gelbe) Tagebuch erhält, in dem sie die folgenden zwei Jahre dokumentiert, die sie mit ihrer Familie und Freunden in einem Versteck in Amsterdam zubringt, bevor alle entdeckt und verschleppt werden und im KZ Bergen-Belsen im März 1945 umkommen. Die kindliche Freude springt Panagiota Sofroniadou an Annes Festtag aus allen Gesten, dem seligen Fläzen auf dem Polstersessel, dem ausgelassenen Herumtollen im Wohnzimmer, das schon bald der fiesen Enge der Dachkammer weicht, die mit ihren von Graffitis besprühten Betonwänden und dem grünes Licht zerhackenden Ventilator-Rotor auch jede großstädtische Schmuddelecke sein könnte.

Nicht mal aufrecht stehen kann die Anne unterm notdürftig und roh zusammengezimmerten Dach. Hier kauert sie im Eck, lauscht den vertrauten Kirchturmglocken, verkriecht sich unter der Bettdecke, lugt, erfüllt vom Gefühl möglicher Freiheit, durch ein Loch in der Wand auf geschäftige Menschen und blauen Himmel. Hier träumt sie von erster Liebe, tanzt vor Glück im Dreivierteltakt – und steht zum Schluss starr vor Angst, als sich die Luke öffnet und die Bedrohung Wirklichkeit wird.

Regisseurin Lilly Lee und ihre Ausstatterin Isabelle Kaiser haben mit der Sängerin (und der alternierenden Besetzung, Milena Knauß) die 21 Nummern der Oper unter einen großen, steten, spannenden Bogen vereint. Frids Musik plagt sich ziemlich mit der Zwölftontechnik herum, gleitet mal ins Jazzige, mal in die Tanzmusik hinüber, irgendwann taucht sogar mal so etwas wie eine Fuge auf. Sie bleibt aber, was auch an der sparsamen Besetzung mit Klavier, Kontrabass (Jorge Letra) und Schlagzeug (Josef Nießen) liegen mag, relativ arm an Farben.

Karl Shymanovitz, der musikalische Leiter, initiiert von den Tasten aus jedoch immer wieder ein Mehr an Ausdruck, gerade, wenn die Stimme extreme Emotionen aufsucht. Panagiota Sofroniadou hat scheinbar keinerlei Mühe, ihren fokussierten Sopran in all die Register zu führen, die Frid vorgesehen hat. Nicht zu reden von der Fülle an Text. So ist man am Ende dieser intensiven Stunde fasziniert und erschöpft zugleich. Und begeistert von einer jungen Sängerin, die auf einem guten Weg ist.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert