Düren - Das Rätsel Mensch in Holz und auf Fotos

Das Rätsel Mensch in Holz und auf Fotos

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Einer der bekanntesten deutschen Bildhauer gibt sich im Dürener Leopold-Hoesch-Museum die Ehre: Stephan Balkenhol (58), hier vor einer seiner Reliefarbeiten mit Museumsdirektorin Renate Goldmann. Gegenübergestellt sind Werke des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall. Foto: Ines Kubat
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Der Teddybär und der Mann: Stephan Balkenhol belässt die deutlichen Spuren seiner bildhauerischen Arbeit. Foto: Ines Kubat

Düren. Das Dürener Leopold-Hoesch-Museum unter der Leitung von Renate Goldmann spielt mit seinen neuen Ausstellungen wieder einmal in der Champions League der deutschen Museumslandschaft – mindestens die Deichtorhallen in Hamburg lassen grüßen.

Dort hatte Stephan Balkenhol, einer der bekanntesten deutschen Bildhauer, 2008 seine bis dato größte Ausstellung, in Düren gesellt sich mit dem Kanadier Jeff Wall jetzt einer der wichtigsten Fotokünstler weltweit hinzu.

Beide sind befreundet. Damit nicht genug: Mit Jan Kubíek (1927-2013) bereichert einer der bedeutendsten konstruktiven Künstler Tschechiens die traditionelle Programmlinie der Konkreten Kunst des Dürener Museums um eine individuelle Variante.

Figuren ruhen in sich selbst

Sie ruhen völlig in sich selbst, blicken irgendwo ins Unbestimmte, nicht der winzigste Gefühlsausdruck ist wahrnehmbar, selbst wenn sie den Arm zu einer expressiven Geste erheben: die meist aus einem einzigen Holzstamm gehauenen, kleinformatigen bis überlebensgroßen statuarischen Männer-, Frauen- und Tierfiguren Stephan Balkenhols. Sie sind längst sein Markenzeichen geworden. Bereits 1983 erwarb Peter Ludwig eine Arbeit für seine Sammlung.

Mitteleuropäisch einfach gekleidet, zurückhaltend farblich gefasst, verströmen sie den Ausdruck vollkommener, unwirklicher Autonomie und wirken dennoch lebensvoll. Balkenhol schafft es, seine grob geschnitzten Figuren – die rissigen Holz- wie die splittrigen Bearbeitungsspuren deutlich belassend – in einen rätselhaften Schwebezustand zu bringen. Er erzählt keine Geschichten, deutet sie allenfalls an – und gibt damit einem Menschenbild jenseits tradierter Vorstellungen botschaftslos Ausdruck. Der Mensch als durchaus zeitgenössisches Exem-plar im Hier und Jetzt und doch auch als Rätsel – existenziell offen für Positives wie Negatives.

Ganz frisch geschnitzt, zeigt Balkenhol nun in Düren auch eine überdimensionale, monumentale Holzvase, die an griechisch-römische Vorbilder erinnert, mit eindeutigen Reliefdarstellungen: Paare, wie Gott sie schuf, der körperlichen Lust frönend. Ein Tabuthema, sanktioniert und diskreditiert seit kirchlichen Tagen – einst und selbst in hochgestellten Kulturen das Normalste von der Welt. Darauf will der Künstler erklärtermaßen aufmerksam machen.

Balkenhol erzählt überdies, wie er in den siebziger Jahren an der Hochschule für Bildende Künste bei Ulrich Rückriem studiert hat – dem Bildhauer mit Dürener Wurzeln; Rückriem absolvierte in Düren Ende der Fünfziger eine Steinmetzlehre. Die menschliche Figur als Thema der Bildhauerei? Das war Gift selbst noch zu jener Zeit und an einer Kunsthochschule absolut verpönt angesichts all der ideologisch belasteten, propagandistisch missbrauchten und ohnehin fragwürdigen Denkmalskultur der deutschen Vergangenheit.

Dennoch: Im geistesverwandten Steinkünstler Rückriem fand Holzkünstler Balkenhol einen verständnisinnigen Lehrer, der begeistert war von seinem Schüler, weil er wie kein anderer imstande war, so wie er die Skulptur aus einer einzigen Form herauszuarbeiten. Und dabei auch noch das Abbild des Menschen wieder in die Kunst einzubringen. Der schlicht-bescheidene Zeitgenosse mit all seinen Fehlern im möglichen Hintergrund wird als Statue auf den Sockel gehoben – eine geniale Idee.

„Sie steht da als unvollständig partikularisierte menschliche Figur, nicht kärglich vereinzelt und einsam, nicht transzendentes Denkmodell, nicht klassizistisch und nicht neo-expressionistisch“, schreibt Jeff Wall 1988 anlässlich einer Balkenhol-Ausstellung in der Kunsthalle Basel.

Der kanadische Fotokünstler (69), der große Ausstellungen im New Yorker MoMa und in der Londoner Tate Modern hatte, nutzt sein ureigenes Medium für ein gleichartiges künstlerisches Anliegen – eben auf ganz andere Weise: Schwarzweißfotos und riesige Leuchtkästen, die Fotografien wie groß projizierte Dias brillant beleuchtet zur Augenweide machen. Sie entstehen in Walls Heimatstadt Vancouver, ohne den Ursprungsort tatsächlich preiszugeben – er bleibt anonym. Wie Zufallsaufnahmen wirken die Fotos von Menschen, vornehmlich Arbeitern an ihrer Wirkungs- und Werkstätte, und sind doch wohlkomponiert und -inszeniert. Aber das merkt man allenfalls erst auf den zweiten Blick.

Der Mensch in seiner ganzen rätselhaften Unbestimmtheit – ihm gibt Jeff Wall ein Bild, oft auf hintergründige und ironisch-humorvolle Weise dabei die Kunstgeschichte zitierend.

„The Thinker“: Der Mann, offensichtlich ein Migrant mit weit entfernter Heimat, sitzt da vor dem Hintergrund einer städtischen Industrieszenerie auf einem Baumstumpf wie auf einem Sockel, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn auf die Hand gestützt – Auguste Rodin lässt grüßen.

Eigene stilistische Handschrift

Der renommierte Kulturjournalist Hans-Peter Riese (74) hat die sehenswerte Ausstellung des Prager Konstruktivisten Jan Kubíek kuratiert. Der Künstler hatte lange unter der repressiven Kulturpolitik der Tschechoslowakei leiden müssen, aber dennoch unter bitteren Bedingungen eine eigene stilistische Handschrift entwickeln können. Die geometrischen, in leuchtenden Farben gehaltenen Formen waren zunächst von den Farbsignalen der Stadt Prag inspiriert, später deklinierte er einfache Buchstabenformen künstlerisch durch; ästhetisch bildet eine Serie „geteilter Kreise“ den Höhepunkt seines Werks.

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