„Das Publikum muss toben wie beim Popkonzert!“

Letzte Aktualisierung:
10035956.jpg
Die „Königin des Barock“: In Aachen will Simone Kermes am 18. Mai ein Feuerwerk der Koloraturen zünden. Unter ihrer Perücke ist die knallig rote Phase allerdings vorbei. Foto: Jörg Strehlau/ Sony Classical

Aachen/Berlin. Ein bisschen schrill darf's sein, nicht nur auf dem roten Teppich. Um für eine CD zu werben, posiert Simone Kermes schon mal mit Boxhandschuhen und blauem Auge. Sie erzählt von ihrer Pubertät als Punk, hört gerne Schock-Rocker Marilyn Manson und lässt sich selbst open Air von gut 75.000 Zuhörern feiern. Wie ein Popstar.

Dabei ist die Sängerin klassisch unterwegs: als dramatischer Koloratursopran. Vor ihrem Konzertbesuch in Aachen spricht die Leipzigerin mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz über ihr knalliges Image und neue Karrierewege zwischen Wagner und „Bunte“.

Viele verbinden mit Ihrem Namen Etiketten wie „Lady Gaga der Klassik“, „Barock-Rockerin“ oder „Ulknudel der Barockoper“. Haben Sie diese nicht längst abgeschüttelt?

Simone Kermes: Mit einem Popstar wie Lady Gaga verglichen zu werden, ist ja nicht schlecht! Sie ist in. Mittlerweile höre ich das natürlich ständig, aber das nervt mich nicht.

Zuletzt haben Sie doch betont: „Meine knallige Phase ist vorbei.“

Kermes: Vorbei will ich nicht sagen. Ich werde immer ein Kind sein. (lacht) Aber ich will mich weiterentwickeln und offen bleiben für neue Projekte. Ich singe ja auch nicht nur Barock. Dennoch werde ich weiterhin gerne meine Feuerwerke an Koloraturen zünden – zum Beispiel in Aachen.

Aber von Ihrer feuerroten Mähne haben Sie sich getrennt.

Kermes: Ja, schon vor anderthalb Jahren. Aber immer noch kommen einige Fans für ein Autogramm mit den alten Fotos zu mir. Die kann ich wirklich nicht mehr sehen! Mit der Rot-Phase wollte ich vielleicht auf mich aufmerksam machen, aber das habe ich jetzt nicht mehr nötig. Ich trage nun ein warmes Blond – wie als kleines Mädchen. Eigentlich komme ich also immer mehr zu mir selbst zurück.

Aber auffallende Roben dürfen schon noch sein. Müssen Sie sich wie ein Popstar selbst inszenieren?

Kermes: Viele meiner Klassik-Kollegen geben sich mit Kleidern von der Stange wenig Mühe. Wie langweilig und beliebig – das kann ich nicht verstehen! Letztes Jahr habe ich den Echo bekommen, da habe ich bei der Preisverleihung zwar nicht gesungen, aber ich war mit einem tollen Kleid auf dem roten Teppich und in der „Bunte“! (lacht) Diese Äußerlichkeiten sind schon wichtig.

Ihre außergewöhnliche Stimme ist im Klassikbetrieb also nicht genug?

Kermes: Die Stimme ist natürlich das Wichtigste. Ohne die Qualität der Musik ist das schönste Outfit Quatsch.

Sie sagten, Sie kommen immer mehr zu sich. Wie zeigt sich das?

Kermes: Ich habe in meinem Beruf weltweit viele Erfahrungen gesammelt. Ich weiß jetzt, was ich will – und was ich nicht mehr will. Zum Beispiel bin ich sehr glücklich, dass ich nicht mehr darauf angewiesen bin, in Opernaufführungen oder Oratorien mitzusingen. Ich kann CDs aufnehmen, Solo-Projekte oder Liederabende machen. Das ist der absolute Traum meiner Karriere, so unabhängig zu sein.

Was missfällt Ihnen denn so am Opernbetrieb?

Kermes: Im vergangenen Jahr war ich vier Monate wegen Opernengagements in Wien, Paris und New York unterwegs und überhaupt nicht zu Hause. Das kostet Zeit und kreative Energie. Mir wird das ganz schnell langweilig. Wenn ich acht Mal eine Oper hintereinander singen muss – das nervt mich dann schon. Ich brauche die Abwechslung und die Herausforderung.

Wo finden Sie die noch?

Kermes: Beim Lied und vor dem Mikrofon. Da ist perfekter Gesang gefragt.

Sie haben voriges Jahr Wagners Wesendonck-Lieder eingespielt . . .

Kermes: . . . die kommen noch raus, auch Schubert und Wolf sind fertig. Und gerade komme ich von Aufnahmen in Italien für eine CD, die im Februar erscheinen soll. Das wird ein Album über die Liebe in allen möglichen Facetten, mit Musik von Monteverdi bis Purcell. Dafür suche ich zurzeit auch Konzertorte. Ich möchte allerdings eine richtige Show daraus machen, weg vom reinen Konzert, also Stehen, Arie singen, Applaus, Abgehen. Das soll ein Gesamtkunstwerk werden mit Licht, vielleicht auch Tänzern und einer berührenden Story über eine Frau in allen Liebeslagen. Ich will auch in der Klassik und im Konzert neue Wege gehen. Wir können natürlich nicht die Special Effects wie eine Popband bieten, aber auch für ein jüngeres Publikum müssen wir attraktiver werden. Das muss toben wie bei einem Popkonzert!

Wo liegt etwa der Altersschnitt Ihrer Fans?

Kermes: Na ja, so bei 35 aufwärts. Vereinzelt sind natürlich auch Jüngere da, aber das ist nicht der Hype wie bei David Garrett, zu dem die 14-Jährigen rennen. (lacht)

Sie betonen immer, dass Sie eine moderne Frau sind und nicht nur Klassik hören. Was haben Sie denn zurzeit auf Ihrem iPod?

Kermes: Marilyn Manson habe ich immer dabei. Muse finde ich sehr gut, natürlich Björk und Sigur Rós, auch die dänische Popsängerin Agnes Obel. Und dann habe ich auf meinem iPod noch Heino (lacht) – zusammen mit Rammstein. Also, Klassik ist da gar nicht zu finden, höchstens mein eigener Kram.

Neue Wege gehen Sie auch mit Meisterklassen.

Kermes: Ja, die nächste gebe ich im Juli in Chioggia. Das wird vielleicht mal meine Zukunft sein. Ich habe nicht vor so lange zu singen wie manch anderer. Nee!

Wen meinen Sie?

Kermes: Ich will jetzt keine Namen nennen. Aber es singen ja einige noch, die schon über ihren Zenit sind. Das ist ja auch nicht einfach, man steht immer im Mittelpunkt, dazu der Applaus als Droge – und plötzlich ist das vorbei, und die Jungen kommen. Das müssen wir Sänger irgendwie akzeptieren.

Was meinen Sie denn, wie lange Sie noch auf höchstem Niveau singen können?

Kermes: Der Dirigent Alexander Shelley hat kürzlich zu mir gesagt: „Deine Stimme klingt immer noch so jung und mädchenhaft. Wahnsinn!“ So lange das so ist und ich nicht ganz verknittert aussehe oder mich mit zu vielen Pfunden auf die Bühne quälen muss, werde ich weitersingen. Noch macht es mir Spaß!

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert