Das Meisterkonzert: Eine Sternstunde

Von: Thomas Beaujean
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Ob die vielen Hörerinnen und Hörer, die bereits zur Pause vor dem Namen Dmitri Schostakowitsch die Flucht ergriffen hatten, geblieben wären, wenn sie gewusst hätten, dass die Reihe der Meisterkonzerte im zweiten Konzertteil eine Sternstunde erleben würde? Dabei hätte man dies schon nach dem ersten Teil ahnen können.

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR gastierte im dritten Meisterkonzert unter der Leitung des dänischen Dirigenten Thomas Dausgaard im Eurogress und eröffnete den Abend mit einer nicht spektakulären, aber höchst intensiven Aufführung von Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre, die geprägt war von einem ruhigen Grundtempo, scharfer dynamischer Kontrastsetzung und einem auf Schärfung angelegten Klangbild.

Perfekter Schostakowitsch

Die lettische Geigerin Baiba Skride und der deutsche Cellist Daniel Müller-Schott waren die Solisten im Doppelkonzert a-moll von Johannes Brahms. Zusammen mit dem klangschön und höchst differenziert musizierenden Orchester entstand eine vorbildliche Interpretation des spröden Werkes, dessen Soloparts weitgehend in das Orchester eingewoben sind und den Solisten nicht gerade dankbare Aufgaben zuweisen. Da gibt es kaum Gelegenheiten, virtuos aufzutrumpfen. Die beiden jungen Solisten bestachen dafür mit schöner Tongebung und einem glänzenden, klanglich genau aufeinander abgestimmten Zusammenspiel und gaben Impulse, die Thomas Dausgaard und das Orchester nahtlos übernahmen.

Das große Ereignis dann nach der Pause: Schostakowitsch schrieb seine 10. Sinfonie 1953 als Reaktion auf den Tod seines Peinigers Josef Stalin, den er im 2. Satz sogar musikalisch porträtierte. Dausgaard arbeitete mit dem glänzend aufgelegten Orchester die extremen emotionalen Kontraste dieser Musik scharf heraus: die grenzenlose Melancholie des Beginns mit den folgenden Eruptionen von Angstattacken, die groteske und brutale Fratze des Stalin-Satzes mit ihren drei- und vierfachen Fortissimo-Schlägen, die bei aller Brutalität nie nach bloßem Lärm klangen, die eher heiteren beiden letzten Sätze, in denen diese positivere Stimmung aber immer auf der Kippe steht.

Das SWR-Orchester erwies sich als ein Klangkörper von exquisiter Qualität in allen Instrumentengruppen. Vorzügliche solistische Leistungen vor allem der Holzbläser faszinierten ebenso wie die Klangkultur und die scharfen rhythmischen Attacken des Blechs. Diesem Niveau stand der groß besetzte Streicherapparat an klanglicher Intensität in nichts nach. Dausgaard führte diesen großen Klangkörper mit absoluter Souveränität zu einer auch spieltechnisch perfekten Leistung. Ein großer Abend und im Hinblick auf die Programmgestaltung sicherlich das Interessanteste, was diese Saison zu bieten hat.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert