„Das ideale Werkzeug eines Populisten“

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Twitterkönig: der Account des neuen US-Präsidenten Donald Trump gestern, 16 Uhr MEZ. Foto: Harald Krömer
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Sieht die Medien in einer Zwickmühle: der Aachener Sprachwissenschaftler Prof. Thomas Niehr. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Die ganze Welt in 140 Zeichen: Donald Trump genießt den Ruf eines ebenso eifrigen wie unberechenbaren Twitter-Nutzers. Schon ab dem frühen Morgen ist er regelmäßig bei dem Internetdienst aktiv, um Ankündigungen über seine Politik zu machen oder politische Gegner zu attackieren.

Und er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er Twitter auch als Präsident weiter nutzen wird. Was bedeutet Trumps „Twitter-Diplomatie“ für die politische Kommunikation? Wird sein Beispiel Schule machen? Darüber sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge mit Thomas Niehr, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik.

Twittern Sie, Herr Prof. Niehr?

Niehr: Nein. Ich habe auch keinen Facebook-Account mehr.

Haben Sie grundsätzliche Vorbehalte?

Niehr: Nein, überhaupt nicht. Ich sehe auch, dass die Generation meiner Kinder die Sozialen Medien nutzen muss, weil sie sonst viele Dinge wie Veranstaltungshinweise und Verabredungen gar nicht mitbekommen würde. Privat sehe ich für mich aber keinen Nutzen. Beruflich nutze ich diese Medien allerdings, um Informationen zu sammeln. Denn die Sozialen Medien sind heute ein völlig normales und gebräuchliches Mittel der politischen Kommunikation. Das zu ignorieren oder gar zu verteufeln, geht an den Realitäten vorbei.

Aber taugen sie auch dazu?

Niehr: Twitter nur eingeschränkt. Für uns als Wissenschaftler ist Facebook ergiebiger, wenn wir politische Kommunikation analysieren wollen.

Mit Donald Trump ist Twitter mehr in den Fokus gerückt. Der neue US-Präsident nutzt dieses Medium exzessiv, auch wenn er natürlich nicht der erste und einzige Politiker ist, der viel twittert.

Niehr: Es wäre auch erstaunlich, wenn er das nicht machen würde. Twitter ist perfekt für ihn.

Warum?

Niehr: Weil Trump ein Populist ist. Und ich will dieses Wort jetzt gar nicht als Kampfbegriff verstanden wissen, sondern die Strukturen dahinter betrachten. Twitter ermöglicht ihm die direkte Kommunikation mit den Wählern. Er suggeriert ihnen, dass er ganz nahe bei ihnen ist und dass sie ganz nahe am politischen Entscheidungsprozess sind. Seht her, sagt er, ich lasse mich nicht von irgendwelchen Interessengruppen oder PR-Profis beeinflussen. Ich entscheide direkt und selbst, und ihr seid live und hautnah dabei. Letztlich geht es ihm darum, Aufmerksamkeit zu schaffen.

Unmittelbarkeit, Gleichzeitigkeit und Zeitgenossenschaft: Twitter als Ideal der direkten Demokratie?

Niehr: Das könnte man so sehen. Tatsächlich glaube ich aber nicht, dass ein komplexes politisches System so funktionieren kann. Auch wenn der Präsident in den USA viel Macht hat: Er kann tatsächlich nicht alles per Federstrich allein entscheiden. Ich finde es bedenklich und sogar gefährlich, dass er mit seiner Twitter-Kommunikation den Eindruck erweckt, er allein sage, was Sache ist, und so geschehe es dann auch. Er untergräbt damit übrigens auch die Gepflogenheiten der Diplomatie – mit im Extremfall unkalkulierbaren Folgen. Man wird allerdings sehen, ob er das auf Dauer durchhalten kann. Diese Methode kann sich ja auch gegen ihn kehren. Wenn man zu oft starke Sprüche raushaut und irgendwann zugeben muss, dass nicht alles umzusetzen ist, kann es passieren, dass Leute, die davon angesprochen werden, sich enttäuscht abwenden und sagen: Der redet ja auch nur und hält nicht, was er verspricht.

Welche wiederkehrenden Merkmale finden Sie als Sprachwissenschaftler in seinen Tweets?

Niehr: Er schreibt gerne in Großbuchstaben. Damit suggeriert er, dass er energisch auftritt bzw. schreit. Er pflegt eine Ausdrucksweise, die ausdrücklich nicht diplomatisch und nicht „politisch korrekt“ ist – bis hin zu Beschimpfungen. Das ist neu im politischen Diskurs von Leuten, die sich um ein hohes Staatsamt bewerben. Das kennt man – zumindest in westlichen Ländern – bislang nur von Leuten an den Rändern des politischen Spektrums. Er arbeitet mit Gegensätzen: hier wir, das gemeine Volk, dort das korrupte System der Eliten, also die Politiker, die Wirtschaft, die „Lügenpresse“. Hier wir, das gemeine Volk, dort „die anderen“, also die Flüchtlinge, die Homosexuellen etc. Und er – Trump – ist Teil des gemeinen Volkes. Er betreibt Komplexitätsreduktion: einfache, kurze Antworten auf komplexe Fragen. Damit erfüllt er viele Merkmale populistischer Kommunikation – und blendet völlig aus, dass er natürlich Teil des verhassten Systems war und ist.

Der Populist Trump hat also das ideale Werkzeug eines Populisten, Twitter, gefunden und dessen Einsatz perfektioniert.

Niehr: Genau.

Glauben Sie, dass er selbst twittert? Von Obama heißt es, dass seine Presseleute für ihn geschrieben haben.

Niehr: Man hat bislang jedenfalls den Eindruck. Aber vielleicht ist das auch Teil einer großen Strategie und Inszenierung. Mit sprachwissenschaftlichen Mitteln können wir das nicht zweifelsfrei klären. Da kann man nur spekulieren. Mein Eindruck im Moment ist, dass er selbst twittert. Das deckt sich mit Äußerungen seiner Mitarbeiter, die angeblich selbst immer wieder erstaunt darüber sind, was ihr Chef da gerade wieder von sich gibt. Und es deckt sich mit seinen öffentlichen Auftritten. Da spricht er so, wie er twittert.

Sie sprechen von der Komplexitätsreduktion in Trumps Tweets. Ist die nicht schon länger ein notwendiges Mittel oder auch Übel, um als Politiker in den Medien überhaupt gehört zu werden?

Niehr: Völlig richtig. Es geht viel zu häufig nur noch um das knackige Zitat, um den Erklärungsversuch im 90-Sekunden-Takt.

Große Vereinfacher gab es schon früher, erinnert sei nur an den Basta-Kanzler Schröder. Und jetzt Trump, der alles auf die Spitze treibt. Müssen wir uns darauf einrichten, dass seine Methoden der politischen Kommunikation mehr und mehr Schule machen?

Niehr: Das nur zur Ehrenrettung von Gerhard Schröder: Er galt zwar als Basta-Kanzler, aber ihm war immer bewusst, dass es im politischen Geschäft letztlich um Koalitionen und Kompromisse geht. Trotz seiner bekannten Äußerung, dass er „nur Bild, BamS und Glotze“ zum Regieren brauche, erinnere ich mich an keine ernst gemeinte Aussage von ihm, dass ihm das Parlament, das politische System egal ist und er alles durchsetzt, was er will. Das unterscheidet ihn doch sehr von Donald Trump.

In den USA ist es gute Sitte, dass Reporter über alles, was der Präsident tut und sagt, berichten. Gehen die Medien damit nicht Trumps Strategie auf den Leim?

Niehr: Ich glaube, die Medien sind da tatsächlich in einer Zwickmühle. Einerseits gibt es den Vorwurf, dass sie über jedes Stöckchen springen, das ihnen vorgehalten wird. Andererseits haben sie die Pflicht, über das zu berichten, was von öffentlichem Interesse ist. Tatsache ist: Trump ist der demokratisch gewählte Präsident der USA. Man kann ihn nicht einfach ignorieren.

Haben Sie einen Rat?

Niehr: Das ist sehr schwierig. Ein Patentrezept gibt es sicherlich nicht. Vielleicht wäre es gut, wenn die Medien in einer Art Werkstattbericht offenlegen würden, was die Prinzipien ihrer Berichterstattung sind. Ansonsten sollten sie sich auf ihre Kernkompetenz besinnen und recherchieren, ob das, was gesagt und medial verbreitet wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Bei Trump dürften sie da viel zu tun haben.

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