Das Das Theater: „Wir sind keine Barbaren!“ hinterfragt unsere Ängste

Von: Marc Wahnemühl
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Die Harmonie täuscht: Malte Sachtleben, Lina Kmiecik, Lisa-Marie Seidel und Jan Westphal (von links) in „Wir sind keine Barbaren!“ im Aachener Das Da Theater. Foto: Wilfried Schumacher

Aachen. Zwei Paare, Barbara und Mario hier, Linda und Paul da, gerade Nachbarn geworden, lernen sich kennen – aber nicht schätzen. Man macht Small Talk, redet aber ansonsten aneinander vorbei und bleibt immer hübsch oberflächlich. Die Stimmung ist freundlich, doch latent angespannt.

Bis es ans Eingemachte geht. Barbara (Lisa-Marie Seidel) öffnet an ihrem Geburtstag einem Fremden, einem Flüchtling, die Tür. Und schon steht da die Frage im Raum, auch im Zuschauerraum: Was würde ich tun? Für Barbara eine Selbstverständlichkeit: helfen, Obdach geben. Für Linda (Lina Kmiecik) ein absolutes Unding: Man nimmt doch keinen Fremden bei sich auf! Man weiß doch nichts über ihn: Wo kommt er her? Wie heißt er? Was hat er erlebt? Und vor allem: Was will er hier? Es entbrennt ein vehementer Streit der Haltungen. Verständnis hier, totale Ablehnung dort.

Philipp Löhles Stück „Wir sind keine Barbaren!“, zu sehen am Aachener Das Da Theater, ist eine bitterböse, zuerst komische, später dramatische Farce über die Ängste der Mittelschicht vor dem Fremden – und die Ängste in jedem einzelnen Zuschauer.

Aktuell und glaubwürdig

Die Argumente reichen auf der einen Seite von praktizierter Hilfe bis zur prinzipiellen Verpflichtung, einem Flüchtling helfen zu müssen, auf der anderen von berechtigten Bedenken bis zu offenem Rassismus. Zwischen diesen Polen und Parolen geraten auch die Ehemänner Mario (Jan Westphal) und Paul (Malte Sachtleben) ins Schwimmen. Im Prinzip ist Hilfe ja eine gute Tat. Aber.

Im ersten Teil ist die Konfrontation der Einstellungen und Haltungen dem Fremden gegenüber noch voller Witz – auch weil Linda, trotz aller grundsätzlichen Ablehnung , für den Flüchtling als Mann schwärmt: „Diese Hände!“ Da wird aus dem bedrohlichen Fremden plötzlich eine exotische Verlockung („Hast du sein Ding gesehen? Hast Du?“). Eine Verlockung, der Barbara nachgibt. Wohl auch, weil zwischen ihr und Mario die Erotik verschwunden ist. Während es bei Paul und Linda ein deutlich hörbares reges Sexleben gibt.

Doch dann bricht das Stück: Barbara ist tot, erfährt man. Der Fremde hat die Leiche wohl im Wald verscharrt. Und wieder Fragen: Hatten die Bedenkenträger doch Recht? War Barbara am Ende selbst schuld? Oder war alles doch ganz anders? Denn gerade die scheinbar einfachen, schnellen Antworten und Lösungen stellen sich als viel komplizierter heraus.

Löhles Stück spielt mit den vagen und doch tiefsitzenden Ängsten um das persönliche und allgemeine Wohlergehen und vor dem Fremden. Und erhält durch die politische Lage eine aktuelle Brisanz, die Regisseur Achim Bieler voll ausschöpft. Soundschnipsel von der Nationalhymne über Nachrichten zur Flüchtlingspolitik bis hin zur Ansprache von Bundespräsident Gauck verknüpfen das Geschehen auf der Bühne (Bühnenbild: Frank Rommerskirchen) mit dem Hier und Heute.

Schon im Titel „Wir sind keine Barbaren!“ schwingt das „Aber“ mit. Alle Rechtfertigungen und Argumente, die nach diesem „Aber“ kommen können, personifiziert der „Heimatchor“, eine Gruppe der Anständigen, der Mülltrenner. Es sind einzelne Schauspieler, die mitten unter den Zuschauern sitzen, sich von Zeit zu Zeit erheben und skandieren, was manche als „Volkes Stimme“ bezeichnen: Parolen bis hin zu „Pegida“-Sprechchören, aber abstrakter. Ist man als Zuschauer einer von ihnen, weil sie Teil des Publikum sind?

Neben den starken Leistungen der Darsteller, die ihren Figuren Tiefe und Glaubwürdigkeit geben, ist es vor allem das Ungesehene, das „Wir sind keine Barbaren!“ auszeichnet und die Zuschauer bewegt. Denn vieles wird eben nicht gezeigt, nicht dem Voyeurismus preisgegeben: der Fremde nicht, der Sex nicht, den man nur hört, auch die Gewalt nicht. Und doch hat jeder Zuschauer ein genaues Bild vor Augen. Vieles bleibt ungesagt, aber nicht offen: Die Antworten gibt sich jeder selbst.

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