Das Da Theater: Der freien Szene fast entwachsen

Von: Jenny Schmetz
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Zwischen Puderpinsel und Wasch
Zwischen Puderpinsel und Waschmaschine: Weniger auf Glamour denn auf solides Handwerk setzt Tom Hirtz, der Leiter das Aachener Das Da Theaters - hier im Licht der Garderobenspiegel. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „Wasn das?” - „Das da? Theater!” So schlicht war die Urszene. Als sich Tom Hirtz mit den Kollegen seiner Theater-AG beim NRW-Schülertheater-Treffen vorstellen sollte, zeigten die Oberstufenschüler nicht den geforderten Sketch. Das fanden sie zu blöd.

Stattdessen improvisierten sie mit ihren Aufwärmübungen. Worauf der obige Dialog folgte. Und aus der Laienspielschar des Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasiums ein Theater geboren war. Das Das Da Theater eben.

1987 war das. Und heute, fast 25 Jahre später? Da gilt für Tom Hirtz, den Leiter des Das Da Theaters, noch immer: „In der Einfachheit liegt der Kern unserer Arbeit.” Mittlerweile allerdings sitzt der 43-Jährige in einem schicken Büro zwischen „Theater heute”-Heften und Aktenordnern, freut sich über den Riesen-Erfolg - und fühlt sich als Zwitter.

Wie bitte? Noch mal genau hingeschaut: grau-blonder Vollbart, Haarkranz, nicht sonderlich schmächtige Statur. Eigentlich doch eindeutig männlich, oder? Na klar. Tom Hirtz sagt: „Wir sind ein Zwitter.” Und meint damit nicht sich persönlich, sondern das Das Da Theater - obwohl er und das Theater im Grunde ja eins sind. Nein, er spricht nicht von einem Geschlechter-, sondern einem Theater-Mischwesen. Mit zunehmendem Alter ist das Das Da Theater der freien Szene entwachsen, ohne ein öffentliches Haus mit fetten Subventionen zu werden. „Wir hängen so dazwischen.”

Was sich nach Hängepartie anhört, schreit allerdings nach Aufsteigerparty. Denn nach dem Stadttheater und dem Grenzlandtheater darf sich das Das Da Theater inzwischen als drittgrößte professionelle Bühne der Städteregion Aachen brüsten. Demnächst sogar noch professioneller!

War früher alles „self made”, setzt Hirtz wegen des enormen Zuschauerandrangs mittlerweile auf 15 feste Mitarbeiter, neben vielen Honorarkräften und etlichen Ehrenamtlern. „Wir wollen noch einen Qualitätssprung machen”, sagt er. „Und dafür braucht es fundierte Ausbildung.” Die hat der technische Leiter ebenso wie die neuen Akteure auf der Bühne. Ab kommender Saison werden erstmals acht professionelle Schauspieler, auch Absolventen renommierter Institute wie der Folkwang-Hochschule in Essen, ein Ensemble bilden, davon sieben mit einem Jahresvertrag. „Sie könnten meine Kinder sein”, bemerkt Hirtz fast sentimental über die Neuen. Dabei fühlt er sich doch nach gut 25 Jahren Theaterarbeit noch jung, sagt er. Die „alte Knochen” spüre er nur beim Fußballspielen. Ein bisschen kürzertreten will er als Regisseur auch nicht, um sich auszuruhen, sondern, um dem Publikum mal ein paar andere Handschriften zu bieten.

Dennoch wird es wohl beim „einfachen, ursprünglichen” Theater bleiben. Auch dank des rauen Charmes der Spielstätten in der Liebigstraße, zwei Hallen einer ehemaligen Wurstfabrik. „Wir müssen nicht gegen eine Holzvertäfelung und Plüschsessel anspielen”, sagt Hirtz. Diesen Raum müsse man sich jedes Mal neu erobern. Sehr direkt sei auch der Zugang zu den Stücken - ohne Berge von Sekundärliteratur zu wälzen. „Ich denke von Menschen aus, nicht von großen Theorien.”

So entsteht meistens solides psychologisches Schauspielertheater, das Geschichten erzählt und Denkanstöße geben will. Das Da Theater eben. Das zieht: Kamen 2008 zu 308 Vorstellungen rund 30 000 Zuschauer, so waren es im vorigen Jahr 402 Aufführungen mit mehr als 40 000 Zuschauern. Rekord! Das ergibt eine Auslastung von über 95 Prozent. Wobei Hirtz betont, dass man wirklich nur die Zuschauer zähle, die auch kommen. Wann ist da die Grenze erreicht? „Ich glaube - jetzt”, sagt Hirtz ohne langes Nachdenken.

Denn die Aufsteigerstory ist teils doch eine Hängepartie. „Diese enorm guten Zahlen rühren auch daher, dass wir am Rande der Selbstausbeutung arbeiten”, sagt der Theaterleiter. Bei einem Gesamt-Etat von mehr als einer halben Million Euro seien die Zuschüsse der Stadt Aachen (40.000 Euro Sockelbetrag, plus 10.000 Euro für das Kinder- und Jugendtheater) „sehr wenig”.

Da macht sich dann wieder dieses Zwittergefühl bemerkbar. Einerseits eine richtig große Profi-Bühne, andererseits eine recht kleine Förderung. Aber Hirtz will lieber werben als jammern. Da das Das Da Theater mit rund 200 Vorstellungen im Jahr Kindergärten und Grundschulen zwischen Baesweiler und Herzogenrath erreicht, erhofft er sich finanzielle Unterstützung auch von der Städteregion. Und er ist „sehr optimistisch, dass da bald was passiert”.

Schon viel passiert ist rund um das Stammhaus im Aachener Norden. Schmierereien auf den Plakaten seien Vergangenheit. Der Theaterleiter hat sogar einen Dialog belauscht zwischen Jungs, die sich an der Fassade verewigen wollten. Hirtz imitiert zwei Mackerstimmen: „Hey, lass das, Alter!” - „Wasn?” - „Das is Theater. Theater is cool, ey!” Das Da Theater eben.
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