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Das Da Theater: „Angerichtet“ wird zum Horror-Trip

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
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„Angerichtet“ von Herman Koch im Aachener Das Da Theater: mit Jo Schmitt (als Paul) und Mike Kühne (als Serge).

Aachen. Das Lachen im Zuschauerraum erstickt, als die schräge Bühne hochklappt. Ein karger Raum kommt zum Vorschein, mit der rötlich-grellen Beleuchtung erinnert er an einen Höllenschlund. Auf Stühlen nebeneinander aufgereiht sitzen die Schauspieler und tragen schwarze Augenbinden.

Die Rückseite der Bühne wird zur Leinwand. Verschwommene Nahaufnahmen mal angsterfüllter, mal angsteinflößender Gesichter flimmern darüber. Die Mienen der Schauspieler bleiben unbewegt. Der Wendepunkt im Stück. Denn spätestens jetzt ist klar: Das Das Da Theater zeigt keine Komödie, sondern hat sich mit dem Bestseller „Angerichtet“ des Niederländers Herman Koch harten Stoff vorgenommen.

Was als zwar spannungsgeladenes, aber immerhin noch ironisch-unterhaltsames Dinner der Brüder Paul und Serge Lohmann samt Ehefrauen Claire und Babette beginnt, stellt sich schon bald als Horror-Trip heraus. Dafür sorgen Zeitsprünge, in denen Hauptfigur Paul an den Bühnenrand tritt, Scheinwerfer sich auf ihn richten und er erzählt, worum es bei dem Treffen im Nobelrestaurant wirklich geht: Sein Sohn Michel (Tobias Steffen) und Cousin Rick, Serges Sohn, haben eine Obdachlose ermordet. Sie haben sie angezündet und sich dabei offenbar prächtig amüsiert. Jetzt müssen die Eltern beraten, was zu tun ist. Die Vorstellungen darüber gehen weit auseinander.

Mit seiner ersten Arbeit in Aachen gelingt es Regisseur Achim Bieler, die beklemmende Atmosphäre des Romans auf die Bühne zu bringen. Das gelingt ihm auch, indem er an den richtigen Stellen Videobilder einsetzt und Geräusch-Gemische einspielt. Nämlich dann, wenn Worte alleine das Grauen und die Brutalität der Handlung nicht mehr beschreiben können. Den Zuschauer zieht es hinein in diese Welt, in der die Wahrnehmung für Recht und Unrecht aus der Balance geraten ist. Eine Bewegung, die Frank Rommerskirchen mit seinem Bühnenbild aufgreift: Der weiße Restauranttisch steht auf einer schrägen Bühne. Ihn umkreist großflächig ein Spiralenmuster, dessen Mittelpunkt genau unter dem Tisch liegt.

Ein Feuerzeug klickt, ein grausames Lachen ertönt, eine Frau schreit in Todesangst. Wortfetzen reihen sich aneinander und vermischen sich im Kopf des frustrierten Ex-Lehrers Paul Lohmann. Jo Schmitt gibt ihn ganz getreu nach Romanvorlage zunächst als sarkastisch-liebenswerten Nörgler, um schließlich sein wahres, selbstgerechtes Wesen und psychopathische Züge zu offenbaren. Rebecca Selle als seine Frau Claire hat einen starken Auftritt, wenn sie versucht, den uneinsichtigen Schwager und Politik-Star Serge (Mike Kühne) von ihrer Sicht auf die Tat der beiden Teenager zu überzeugen. Der wiederum vollzieht im Vergleich zu Paul und Claire eine umgekehrte Wandlung vom unsympathischen Karrieristen zum Menschen mit ethischen Skrupeln. Michelle Brays Babette hält ihre innere Anspannung vom ersten bis zum letzten Moment und darf auch mal temperamentvoll von der Bühne stürmen.

Das Stück – 130 Minuten inklusive Pause – wirkt vor allem durch sein Thema nach. Wie weit dürfen Eltern für ihre Kinder gehen? Welche Grenzen dürfen sie überschreiten? Was ist Elternliebe? Darüber diskutierten viele Zuschauer noch auf dem Weg nach draußen. Vorher hatten sie lange und kräftig applaudiert.

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