„Das Abschiedsdinner“: Wenn der alte Freund nur noch lästig ist

Von: Eckhard Hoog
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Ein großer komödiantischer Erfolg: „Das Abschiedsdinner“ im Aachener Grenzlandtheater mit (von links) Carolin Freund, Wolfgang Mondon und Volker Weidlich. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Ein Leben ohne gelben Sack, ohne die graue und die blaue Tonne? Undenkbar! „Entsorgen“ ist längst zu einem zwingenden gesellschaftlichen Alltagsprinzip geworden. Warum also nicht auch lästig gewordene Zeitgenossen, alte Bekannte, überhaupt Beziehungen, abgestandene Freundschaften einfach so entsorgen?

Weg damit! Das französische Autorenduo Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière („Der Vorname“) spinnt den Gedanken in dem Stück „Das Abschiedsdinner“ einmal ganz konkret vor. Im Aachener Grenzlandtheater ist daraus mit einem bestens aufgelegten, herrlich spielenden Schauspieler-Trio in einer furiosen Inszenierung von Udo Schürmer ein überaus lustiger Theaterabend geworden. Das Premierenpublikum dankte nach 100 Minuten mit Standing Ovations.

Jack Lemmon lässt grüßen

Eine völlig chaotisch übersäte Bücherwand und ein grell-orangenes Designersofa (Bühnenbild: Steven Koop) lassen gleich zu Anfang ahnen, dass hier ein strapaziös-exaltiertes Ehepaar haust: Verleger Pierre (Volker Weidlich) und Clotilde (Carolin Freund) – beneidenswert jung übrigens so im Vergleich. Das „Entsorgungs“-Opfer, das völlig ahnungslos der finalen Einladung folgt: der langjährige Freund Antoine (Wolfgang Mondon).

Man wundert sich, dass die beiden es 30 Jahre mit dem Kerl ausgehalten haben: Antoine ist eine Mischung aus Stadtneurotiker Alvy Singer und Hypochonder Felix Ungar. Jack Lemmon lässt grüßen! Wolfgang Mondon ähnelt dem legendären Komiker auch noch – und zieht mit vollem Körpereinsatz Nummern einer wahren Nervensäge ab: zwanghaft therapiesüchtig, manisch esoterisch, seit Jahren an einem absurden Dissertationsthema herumdokternd. Allein: Er kommt dem Zweck des Abends auf die Spur – und damit geht es endgültig los, Schlag auf Schlag, Pointe folgt auf Pointe, Wortwitz trifft Situationskomik. Und all das von der Regie bestens getimt.

Mit dem gleichen intensiven Körpereinsatz entfesselt Volker Weidlich Lachsalven im Publikum, als er Antoine weismachen will, dass alles ganz anders ist. Zum Höhepunkt tauschen der therapiegeschulte Antoine und der widerwillige Pierre zum besseren gegenseitigen Verständnis die Klamotten – samt Unterhose. Wie sie das praktizieren? Überraschen lassen! Und so imitieren und karikieren sie sich gegenseitig aufs Lustigste.

Diese Art private Psychotherapie-Sitzung bringt allerdings völlig unerwartet auch eheliche Wahrheiten aus vergangenen Zeiten an den Tag, längst unter den Teppich gekehrte „Ausflüge“ des Herrn Gemahl – und Clotilde völlig aus der Fassung. Carolin Freund spielt gekonnt und überzeugend auf der ganzen Klaviatur der Gefühle – immer mal wieder überrascht von diesem seltsamen Wesen namens Mann. Kein Wunder, dass sie den einen wenigstens loswerden will.

Indes: Die „Entsorgung“ des alten Freundes ist für Pierre am Ende doch etwas anderes, als den Mülleimer rauszubringen – was zu einer schönen Schlusspointe führt . . .

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