Da fetzt der fette Sound nur so

Von: Guido Rademachers
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Alles andere als operettiger Schmalz: Bernsteins „West Side Story” in der Originalversion in Lüttich. Foto: Nilz Boehme

Lüttich. Gäbe es ähnlich wie zu Büchern, Songs oder Filmen auch eine Sammeledition „Die hundert besten Musiktheateraufführungen”, die Broadway-Uraufführung von Leonard Bernsteins „West Side Story” vom 26. September 1957 gehörte garantiert dazu.

Die Inszenierung war ein Meilenstein. Völlig neu war das Eindringen von harter Realität und Gewalt in die Welt des Musicals. Auf der Bühne tanzten auf einmal die Eckensteher des „american way of life”.

Nun lassen sich Theatervorstellungen nicht sammeln, wohl aber kopieren. Zum 50-Jährigen stellte Regisseur Joey McKneely eine „West Side Story” nach den ursprünglichen szenischen Vorgaben auf die Beine und schickte sie auf Jubiläumstour. McKneely tanzte die „West Side Story” noch unter Jerome Robbins, dem Choreographen der Uraufführung. Sein Revival ist derzeit die einzige Fassung, die den Zusatz „Das Original” tragen darf. Nach umjubelten Vorstellungen in Tokio, Paris und London ist sie jetzt in Lüttich zu sehen.

Und auch dort riss es nach zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer das Publikum vor Begeisterung aus den Sitzen. Zu sehen ist ein homogenes Ensemble ohne Schwächen, das die Solisten trägt und nicht isoliert. Es ist, schlicht und ergreifend, mitreißendes Theater: temperamentvoll, virtuos, Tanz, Schauspiel und Gesang gekonnt zu einer Einheit verschmelzend. Dazu mag beitragen, dass sich „West Side Story - Das Original” nun doch ein wenig vom eigentlichen Original unterscheidet. Aufs Pittoreske wird erfreulicherweise verzichtet. Keine hochgegelten Ententollen mehr, anstelle von Karohemden und aufgekrempelten Jeans Muscleshirts und knallenge Hosen.

Vergleicht man die Lütticher Aufführung mit der nach der Broadway-Inszenierung entstandenen Filmadaption von 1961, wirken auch die Tänzer athletischer, die Sprünge weiter und höher, am klassischen Ballett geschult. Die Musik ( Leitung: Donald Chan) ist im Unterschied zu Bernsteins Dirigat schneller und krachiger, badet bei Welthits wie „Maria” ausgiebig in operettigem Schmelz und trägt bei „I like to be in America” fetten Sound auf. Das geht ein wenig auf Kosten der Transparenz, aber: Es fetzt.

Gespielt wird im Art-déco-Theater Forum Liége

Das 2000 Zuschauer fassende Forum de Liége dient während der Renovierungsarbeiten als Ersatzspielstätte der Lütticher Oper. Es eröffnete am 30.9.1922 als Varieté-Theater in der Innenstadt von Lüttich. Es ist ein einzigartiges Zeugnis des Art déco und klassifiziert als „außergewöhnliches Kulturerbe Walloniens”.

„West Side Story” (Dialoge in englischer Sprache) von Leonard Bernstein ist noch heute (20 Uhr), am 17. und 18. (jeweils 15 Uhr und 20 Uhr) im Forum de Liège, Rue Pont d´Avroy 14, sowie am 20. und 21. Oktober (jeweils 20 Uhr) im Theater Heerlen zu sehen.

Karten und Infos unter 0032/4/2214722 (Oper Lüttich) oder 0031/45/571 66 07 (Theater Heerlen).
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