„Cultura Nova” in Heerlen: Wo die verträumten Momente explodieren

Von: Stefan Herrmann
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Ein großer Poet: Slava und se
Ein großer Poet: Slava und seine „Snow Show” gehören längst zu den umjubelten Klassikern des Sommerfestivals „Cultura Nova”, das auch diesmal wieder mit seinem magischen Zauber die Menschen bannte. Foto: Stefan Herrmann

Heerlen. Ein Clown, der sein Publikum im Sturm erobert. Was sonst wie eine Floskel daherkommt, trifft es bei Slava Polunin auf den Punkt. Nein, mehr noch.

Der aus Russland stammende Visionär lässt in „Slavas Snowshow” tatsächlich einen (Konfetti-)Sturm auf die Zuschauer los. Ein berauschender, visuell beeindruckender, ja, stürmischer Beginn des Sommerfestivals „Cultura Nova” war das am Freitagabend im Theater Heerlen: poetisch und fantasievoll, voller verträumter Momente und bunter Explosionen.

Und kaum hatten die Zuschauer die letzten weißen Papierschnipsel aus dem Haar geschüttelt, erwartete sie draußen auf dem Vorplatz des Theaters bereits die nächste luftige Attraktion. Das „Voalá Project”, eine spanisch-argentinische Akrobatengruppe, empfing dort die unzähligen Besucher mit einer rockigen Artistenshow.

Ihre Bühne: der Himmel. An Stahlseilen befestigt, ließen sich die Künstler von einem 200 Tonnen schweren Kran in die Höhe ziehen und turnten in bis zu 50 Metern Höhe eine Vorführung der Extraklasse. Unten, auf der Erde, begleitete die Band Duchamp Pilot mit kernigen Gitarrenriffs das himmlische Treiben am Trapez.

Rund 15 000 Zuschauer bevölkerten laut Veranstalter am Abend den Platz. Das freute nicht zuletzt Festivalleiter Fiedel van der Hijden. „So viele Menschen waren noch nie zum Eröffnungstag da”, frohlockte er, „wir hatten Glück mit dem Wetter. So kann es weitergehen.”

Die 21. Auflage der „Cultura Nova” hat gleich am Auftaktabend bewiesen, wie kraftvoll, wie farbenfroh, wie abwechslungsreich Kunst und Kultur im 21. Jahrhundert sein kann.

Dass dabei die preisgekrönte Snowshow Slavas ein „Relikt” des vergangenen Jahrhunderts ist, beweist umso mehr, wie revolutionär Polunins Ansatz der klassischen Clown-Performance ist.

„Meine Wurzeln verteilen sich über die ganze Welt”, hat er einst gesagt. Ähnlich umspannend kommt sein Meisterwerk daher. In Slavas verschneiter Show entwirft er seinen eigenen Kosmos. Die Welt eines Clowns. Seine Ideen sprengen den Rahmen des Theaters.

Ein Graben zwischen Bühne und Publikum existiert nicht. Kein Vorhang, der fällt, keine Pause, die zerteilt. Gemeinsam mit seinem gelb und grün gekleideten Clown-Ensemble zieht er den Zuschauer in einen Bilderstrom, der einen unwiderstehlichen Sog entwickelt.

Zu Beginn schlurft Slava in seinem weiten gelben Overall, mit den flauschigen, roten Riesenpuschen an den Füßen, auf die Bühne. Er seufzt. Um seinen Hals hängt ein Strick. Die rote Clownsnase sitzt unter melancholisch dreinblickenden Augen. Sieht so ein Spaßmacher aus? Ein lustiger Geselle, der Kinder wie Erwachsene zum Lachen bringt?

Die folgende zweistündige Reise durch einen wunderbaren Kosmos beweist: Hinter der an sich traurigen Gestalt des bunt gekleideten Clowns steckt ein Wesen auf der Suche. Ein Kind im Körper eines Mannes.

Mit minimalistischer Gestik ebenso wie mit fantastischen Bildern und zum Teil pompösen Szenen entfalten Slava und seine Gefährten in grünen Gewändern einen grotesken wie herzlichen Humor. Sie trotzen allen Elementen, auf der Suche nach der Heimat oder zumindest einem Gefühl davon.

Am Ende schreitet Slava, der Clown, ins Licht und tritt in eine bunte Welt der Ballons. Es ist die Ankunft des alten Mannes in seinen kindlichen Träumen. Seine Augen funkeln, während er am Rand der Bühne sitzt und das gelöste Spiel zwischen seinen komischen Kameraden und den Zuschauern glückselig beobachtet.

Der plötzliche Schneesturm wirkt in diesem Moment wie eine Befreiung. Slavas Meisterwerk der absurden Poesie endet in einem Fest für Groß und Klein. Eine Vision, so einfach und so erstrebenswert.

Wo Worte versagen, fängt Kunst an. Was der 61-jährige Polunin drinnen in Perfektion auf die Bühnenbretter zauberte, griffen draußen die Artisten und Musiker des „Voalá Projects” auf ihre Art auf. Das Ergebnis: ein visueller wie artistischer Leckerbissen unter der künstlerischen Leitung von Roberto Strada und Komponist Gaston Lungman.

Dem Publikum gefiel die knapp 40-minütige Darbietung am Heerlener Nachthimmel. Sechs Stundenmit Performance und mehr

Die Organisatoren des Kulturfestivals, mit Fiedel van der Hijden an der Spitze, haben sich auf die Fahne geschrieben, Grenzen zu überwinden, die Magie der Kunst in all ihren Facetten wirken zu lassen: Musik, Malerei, Tanz, Performance, „Crossover” sind die Stichworte.

Noch bis Sonntag, 4. September, können sich Zuschauer auf die spannende Reise begeben. Die Kooperation zwischen Heerlen und Aachen erlebt ihren Höhepunkt bei einer gemeinsamen, sechsstündigen Performance-Night im Theater Aachen am Samstag, 3. September, 21 bis 3 Uhr.

Mehr zum Festival Cultura Nova im Internet

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