Cultura Nova: Bunten Mix für alle Sinne

Von: Jenny Schmetz
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Ein Swimming-Pool schwebt übe
Ein Swimming-Pool schwebt über den Köpfen der Zuschauer: Die argentinische Gruppe Fuerza Bruta spannt eine Folie und zeigt im Theater Heerlen zehn Mal ihre „Explosion poetischer Bilder”. Foto: Cultura Nova

Heerlen. „Kindesmissbrauch!”, empörte sich die rechtspopulistische österreichische Partei FPÖ, die Boulevardpresse jaulte, und Wien hatte ein nettes Skandälchen. Der Grund? Ein kleines Würmchen. Am Ende der Tanzproduktion „Oedipus/Bêt Noir” lag ein Säugling scheinbar mutterseelenallein auf der Bühne. Eigentlich doch ein treffendes Bild für den ausgesetzten Königssohn Ödipus.

Erfunden hatte es die Gruppe Ultima Vez des belgischen Star-Choreographen Wim Vandekeybus. Nach der Deutschlandpremiere im Kölner Schauspielhaus ist sein Tanzstück nun auch in Heerlen zu sehen - beim Sommerfestival Cultura Nova.

Skandal? Fiedel van der Hijden zuckt mit den Schultern und lächelt gelassen. „Da lag vielleicht 30 Sekunden ein Baby auf der Bühne. Na und? Die Zuschauer haben sich nicht aufgeregt.” Provokationen, ein aufgebrachtes Publikum - sind sicherlich nicht das Ziel des niederländischen Festivalmachers. Im Gegenteil. Für den 54-Jährigen soll Kultur nicht abschrecken, sondern „zugänglich” sein, „Kontakte ermöglichen”.

Und so bietet Cultura Nova bei seiner 22. Auflage wieder einen bunten Mix für ein ebenso bunt gemischtes Publikum. „Zugänglich”, im besten Sinne massentauglich, sind sicherlich einige der Veranstaltungen. 42.000 Besucher strömten im Vorjahr zum Festival nach Limburg. Theater, Oper, Tanz, Performances, Konzerte, Ausstellungen und Lesungen an verschiedenen Spielorten in Heerlen und Umgebung sollen diesmal von Freitag, 24. August, bis Sonntag, 2. September, 45.000 Besucher anlocken - davon 5000 bis 10.000 aus dem Raum Aachen, hofft Fiedel van der Hijden, der das Festival 1991 mit Rocco Malherbe gründete und seitdem verantwortet.

„Kontakte ermöglichen”, das bedeutet auch, dass Zuschauer von den Akteuren aktiv eingebunden werden. Bei der argentinischen Gruppe Fuerza Bruta sind sie stehend und herumlaufend mittendrin im Geschehen. Über ihren Köpfen schwebt ein Swimming-Pool aus Folie herab, in dem die Artisten eine „Bilder-Explosion” mit DJ-Musik zelebrieren. „Wie ein Videoclip”, meint Fiedel van der Hijden. Aber : anfassen erlaubt, zehn Mal im Theater Heerlen.

Fuerza Bruta mag manche an die katalanische Gruppe La Fura dels Baus erinnern, die zuletzt 2008 bei Cultura Nova zu erleben war. Wer damals ein Pfund Mehl abbekommen hat, braucht sich beim Gastspiel der Kollegen aus Buenos Aires aber nicht um seine Klamotten zu sorgen. „Die Zuschauer müssen keine Angst haben!”, sagt Fiedel van der Hijden. Zwar biete Fuerza Bruta auch eine Show voller Energie, mit heftigen Bildern - aber poetischer, nicht so aggressiv. Diesmal müsse nicht wie bei La Fura dels Baus der Notarzt parat stehen. Höchstens ein paar Tröpfchen Wasser könnten spritzen.

Vor Sprachbarrieren brauchen sich Zuschauer ebenfalls nicht zu fürchten. „Language no problem!”, lautet das Motto für die meisten Produktionen. Denn musikalisches Bilder- und Körpertheater ist hier angesagt. Ein visuelles Spektakel verspricht schon die Eröffnungsparade auf den Straßen Heerlens. Die französische Gruppe Transe Express lässt ein menschliches Mobile an einem Kran in 40 Metern Höhe baumeln. Ein Luft-Ballett mit Rock und klassischer Musik (Start am Freitag, 24. August, 21 Uhr, am Pancratiusplatz).

Nur wenige Beispiele aus einem Riesen-Angebot: 140 Vorstellungen von 35 Ensembles aus acht Ländern. Mit einem Budget von rund 900 000 Euro wird das Ganze gestemmt. Ungefähr ein Drittel sind Subventionen, ein Drittel kommt von Sponsoren und ein Drittel durch den Ticketverkauf, erklärt der Leiter. Angesichts der ökonomischen Krise drohen 2013 Kürzungen der staatlichen Förderung von 50 000 Euro. Aber das sei zu verkraften, da die Gemeinde Heerlen und die Provinz Limburg an ihrer Unterstützung festhalten wollten. Auch da bleibt der Vater von vier Töchtern also gelassen. „Das Festival ist nicht in Gefahr!”

Und gar kein kleiner Skandal droht? Na ja, Mozartliebhaber könnten beim Festival-„Don Giovanni” schon etwas aufstoßen. Der Wüstling ist hier ein komischer Koch, die Zuschauer sitzen an Tischen in seinem Restaurant, und die Musik der „essbaren Oper” wird mit Hammond-Orgel, elektrischer Bassgitarre und Geige gespielt. Mozart durch den Kakao gezogen? Nein, betont Fiedel von der Hijden. Durch die Schokolade! Denn der Held landet am Ende im Schoko-Topf. Als Dessert. Wenn schon Skandälchen, dann bitte geschmackvoll!
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