Cultura Nova: Akrobatik als Plädoyer für den Frieden

Von: Eckhard Hoog
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Ein Meer aus Farben: Die begehbaren Luftskulpturen des englischen Architekten Alan Parkinson gehören zu den insgesamt 45 Programmpunkten des Heerlener Sommerfestivals Cultura Nova, das an diesem Freitag auf dem Bürgermeister Grunsvenplein beginnt. Foto: John Owens
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Ein Mann der ersten Stunde: Fiedel van der Hijden gründete Cultura Nova in Heerlen vor 26 Jahren als Straßentheater-Festival. „Irgendwann kam die Idee, überall in der Stadt etwas aufzuziehen“, sagt er. Foto: eho

Heerlen. Zirkus im Theater, ein aufblasbares Labyrinth auf dem Festivalplatz, ein Konzert mit Papier-Instrumenten im Kloster, ein apokalyptisches Picknick im Schlosspark, eine Horrorshow im ehemaligen Pornoladen, jede Nacht Free Jazz, Funk, Blues und Rock ‘n‘ Roll im Spiegelzelt.

Das und noch viel mehr ist Cultura Nova! Beim Heerlener Sommerfestival treffen Akrobatik und Musik, Theater und Poesie, Kunst, Film und Gaumenfreuden auf außergewöhnliche Spielorte. An diesem Freitagabend startet die 26. Ausgabe des Festivals mit einer spektakulären Aufführung der katalanischen Truppe La Fura dels Baus zusammen mit 80 Akteuren aus der Region auf dem zum Festivalplein umgewidmeten Bürgermeister Grunsvenplein vor dem Parkstad Limburg Theater Heerlen – diesmal im Übrigen der zentrale Schauplatz vieler Veranstaltungen.

Bis zum 4. September

Mann der ersten Stunde ist Fiedel van der Hijden – er gründete Cultura Nova vor 26 Jahren als reines Straßentheater-Festival und gewann später seinen Mitstreiter Rocco Malherbe hinzu. Irgendwann kam die Idee: „Wir wollten überall in der Stadt etwas aufziehen – und zwar an den besten Plätzen.“ Und so ist es bis heute geblieben.

Bis zum 4. September wartet Cultura Nova mit 45 verschiedenen Programmpunkten in rund 200 Veranstaltungen auf, darunter sechs Premieren und 14 Koproduktionen. Bis zu 55.000 Besucher erwartet Fiedel van der Hijden diesmal wieder; im Jubiläumsjahr 2015 waren es 57.000. „Die meisten kommen aus einem Umkreis von 50 Kilometern.“ Das Budget liegt bei 1,1 Millionen Euro, zusammengetragen von der Stadt, der Provinz, dem Land, Sponsoren und aus dem Ticketverkauf. Wobei fast die Hälfte aller Veranstaltungen eintrittfrei ist.

Ein bildgewaltiges Spektakel mit La Fura dels Baus erwartet die Gäste der Eröffnung am Freitag um 21.30 Uhr: die Open-Air-Performance „Aphrodite und das Urteil des Paris“. Der griechische Mythos von Macht und Eifersucht wird an diesem Abend zu einer dramatischen Anklage gegen Krieg und Gewalt und ein Plädoyer für den Frieden. Die Mittel dazu sind Musik, Videoprojektionen, akrobatische Szenen und riesige Figuren.

Zwei Wochenenden (27., 28., 29. August sowie 1., 2. und 3. September) sind im Theater Heerlen Zirkusvorstellungen vorbehalten. Der Cirque Élo-ize reist aus Kanada an, der Cirkus Cirkör aus Schweden – übrigens der berühmteste Zirkus Skandinaviens.

Während die kanadischen Gäste vom Skater, BMX-Fahrer und Streetdance-Künstler alles aufbieten, was sich auf der Straße so austoben kann, verbinden die Schweden zirzensische Nummern und poetische Bilder mit einem durchaus ernsten und stets aktuellen Thema: das Überwinden von Grenzen.

Mitmachen ist gefragt, wenn der Künstler Olivier Grossetête mit freiwilligen Gehilfen aus dem Publikum gigantische Gebäude baut aus nichts anderem als einfachen Kartons und Klebeband. In Heerlen sollen als Reminiszenz an die Vergangenheit und Gegenwart der Stadt ein römisches und ein modernes Gebäude entstehen.

Der Festivalplein ist gleichfalls Schauplatz eines anderen ungewöhnlichen Spektakels: Der Platz wird umgebaut zu einem temporären „Park Urbana“. 500 Bäume sollen lebendig demonstrieren, wie das Heerlener Zentrum auch aussehen könnte – womöglich ein Modell mit Zukunftschancen.

Ein Crossover von Bild und Ton, Klassik und Improvisation führt Cultura Nova an einem Abend zu einem Abstecher ins Aachener Ludwig Forum mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (Samstag, 27. August, 20 Uhr). Der Sounddesigner Jorrit Tamminga und die Filmemacher Paul und Menno de Nooyer haben über das Musikstück einen Film gedreht, zu dem die Philharmonie Zuidnederland Vivaldis Megahit und der Blockflötist Erik Boosgraf Improvisationen spielen.

Begehbare Luftskulpturen

In ein Meer aus Farben eintauchen kann der Besucher, wenn er auf dem Festivalplein die monumentalen, aufblasbaren und begehbaren Skulpturen von Air Publikum betritt. Die Objekte erinnern mit ihren Kuppeln an islamische Architekturen oder gotische Kathedralen. Hinter Air Publikum steht der englische Architekt Alan Parkinson. Seine „Luminaria“ haben das Publikum vor dem Guggenheim-Museum in Spanien bereits ebenso fasziniert wie vor dem Opera House in Sydney.

Auch ein Crossover der besonderen Art: Klösterlich-erhabene Andacht und ungewöhnliche Klänge verbindet das Papier Ensemble bei einem Konzert (30. August) im Savelberg-Kloster. Die Gruppe, gegründet von Jochem van Tol, beweist, wie man mit einfachsten Mitteln hervorragende Musik machen kann.

Zu einem „apokalyptischen Picknick“ mit vegetarischen Speisen lädt die belgische Theatertruppe Laika im Park von Schloss Schaesberg ein. Die lukullische Aufführung ist inspiriert vom Triptychon „Garten der Lüste“ des niederländischen Malers Hieronymus Bosch. Die Hölle wird dabei absolut zeitgenössisch aufgefasst: als unsere moderne Art der Nahrungsmittelproduktion.

Während ein großer Teil der Welt unter Knappheit und Hunger leidet, frönt die westliche Gesellschaft einer dekadenten Verschwendungssucht. Laika fragt beim „apokalyptischen Picknick“: Wann beginnt sich unser Gewissen zu regen? Das ist auch Cultura Nova: ein Festival, das ernstzunehmende Probleme einmal ganz anders behandelt.

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