Nideggen - Burg Nideggen: Der Botschafter der Nächstenliebe kommt

Burg Nideggen: Der Botschafter der Nächstenliebe kommt

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Jazz-Sänger Gregory Porter. Foto: dpa

Nideggen. Kein Jazzmusiker hat in den letzten Jahren mehr Platten verkauft als Gregory Porter. Überall auf der Welt hat der Sänger und Komponist aus dem kalifornischen Bakersfield Fans. Vermutlich, weil es dem Zwei-Meter-Mann ernst ist der Spiritualität, aus der er seine Gesangskunst schöpft.

Am kommenden Freitag, 9. September, wird er seine Jazz- und Soul-Botschaft auf der Freilichtbühne der Burg Nideggen kundtun. Mit ausgesucht exzellenten Musikern, den Songs seines aktuellen Albums „Take Me To The Alley“ und natürlich seiner markanten Mütze. Warum seine soziale Antenne seine Musik prägt, erzählt der 44-Jährige im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Michael Loesl.

Mr. Porter, Sie werden als die Stimme der Jazz- und Soul-Revivals bezeichnet. Lastet man Ihnen damit nicht eine schwere Bürde auf?

Porter: Dass man mich mit derlei Attributen schmückt, schmeichelt mir natürlich. Aber sie sind für mein Selbstverständnis als Sänger und Musiker nicht wesentlich. Es wäre doch eine Anmaßung sondergleichen, wenn ich mich selbst an die Spitze zweier Musikgenres stellen würde, in denen meine eigenen Helden zu Hause waren. Ich folge lieber meiner eigenen Auffassung von Soul und Jazz.

Der bedingungslosen Zugänglichkeit der beiden Genres?

Porter: So, wie Sie das jetzt sagen, klingt meine Musik beliebig.

Es gibt einen Unterschied zwischen Beliebigkeit und musikalischer Umarmung.

Porter: Stimmt, und mir hat der Aspekt der Umarmung immer viel mehr zugesagt als all die anderen Attribute, die der Musik angeheftet werden. Man kann so viele Leute für Musik begeistern, wenn man sie nicht verstört.

Jazz darf aber durchaus auch aufrütteln, anecken.

Porter: Sicher, und nichts eignet sich dazu besser als die von Freiheit geprägte Auffassung des Jazz. Aber die Frage, ob Musik verstören sollte, fand ich immer irrelevant. Musik ist im besten Fall der Spiegel der Persönlichkeit, die sie spielt, singt oder komponiert. Dann ist sie fühlbar, greifbar, wahrhaftig.

Beseelt.

Porter: So ist es. Ich entstamme der amerikanischen Gospeltradition. Der Boden wurde mir von dem Kirchenchor bereitet, in dem ich mit meiner Mutter sang. Lange, bevor ich überhaupt daran dachte, mich der Musik professionell zu widmen, wusste ich bereits, dass mir das Singen die Tür zum Kern meines Charakters öffnen kann. Man kann viel reden, ohne etwas zu sagen. Man kann die Essenz jedes Gefühls aber auch so knapp fassen, dass es trotz seiner Mächtigkeit elegant rüberkommt.

Rührt die unaufdringliche Eindringlichkeit Ihrer Musik aus dieser Erkenntnis?

Porter: Ich lebe in Amerika, einem Land, in dem aus jedem kleinen Sentiment ein Gefühlsmonster gemacht wird, das die Kraft besitzt, alles und jeden zu überfahren. Man fragt sich, warum das so ist. Ich glaube, Musik, Malen oder Bildhauerei besaßen immer schon die Kraft, uns unmittelbar daran zu erinnern, wer wir sind. Jeder Pinselstrich und jede Nuance im Gesang kann ein direkter Ausdruck menschlicher Emotionen sein. Wenn man allerdings davor zurückscheut, sich selbst zu betrachten, schafft man eine Wegwerfmentalität, in der es nur noch um blanke Unterhaltung geht.

Seien Sie vorsichtig mit Pauschalkritik an Amerika.

Porter: Lassen Sie uns doch realistisch bleiben. Die Probleme der Menschheit, die Angst vor allem, was sich nicht in unseren Vorgärten abspielt, macht doch längst nicht mehr an Ländergrenzen halt. Ausgrenzung, Habgier, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit sind keine amerikanischen Phänomene. Wir können das alles mit unterschiedlichen Begriffen belegen, aber letztendlich läuft alles aufs Gleiche hinaus. Wir fürchten uns vor uns selbst.

Ihr Bruder wurde von einem Polizisten angeschossen, weil er ein farbiger Mann ist.

Porter: Das stimmt, und ich habe zwei Möglichkeiten, solche Erfahrungen in meine Musik einfließen zu lassen. Wir können uns vom Hass versklaven lassen und dessen Botschaft weitertragen. Ich kann aber auch daran erinnern, welche Möglichkeiten Herz und Verstand bieten. Jeder von uns hat jeden Tag die Option, einen konstruktiven Weg zu beschreiten, der fraglos mühsam, aber umso erfüllender ist. „Take Me To The Alley“, der Titel meines aktuellen Albums, bedeutet, sich der eigenen Verletzbarkeit bewusst zu werden, um das Leben mit Demut und Bescheidenheit leben zu können.

Wie passen Ihre soziale Antenne und eine Million verkaufter Platten zusammen?

Porter: Ich denke trotz meines Erfolges nicht darüber nach, wie ich etwas sagen kann, das die Leute berührt. Meine soziale Antenne, wie Sie es nennen, ist ein direkter Ausdruck meiner Persönlichkeit. Dass ich damit erfolgreich bin, ist fantastisch, ich genieße den Erfolg und teile ihn mit meiner Familie und meiner Band. Manchmal wundere ich mich allerdings immer noch über meinen Erfolg, denn es stehen keine Berater hinter mir. Ich schöpfe dafür ausschließlich aus mir selbst.

Vielleicht hat man mit Ihrer Statur ein anderes Sendungsbewusstsein?

Porter: Kann sein. Aber mein soziales Bewusstsein hat tatsächlich etwas mit meiner physischen Erscheinung zu tun. Als großer, farbiger Mann ruft man in meinem Land Reaktionen hervor, mit denen ich komplett fehlgedeutet werde. Man muss nicht vorsichtig sein, wenn man mir begegnet. Aber die meisten Leute reagieren entsprechend auf mich. Damit offenbaren sie ein Vorurteil.

Fragen Sie sich manchmal, ob sich daran jemals etwas ändern wird?

Porter: Es hat sich vieles zum Guten verändert. Wir leben nicht mehr in den 1950er-Jahren. Ein farbiger Mann kann sich heute Wohlstand erarbeiten. Aber ich appelliere ständig an meine Landsleute, die Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren. Ohne Geschichtsbewusstsein lässt sich die Gegenwart nicht gestalten. Es sei denn, wir wollen die gleichen Fehler wieder und wieder begehen.

Sie werden demnächst auf der Bühne der mittelalterlichen Burg Nideggen ein Konzert spielen. Wie wirken solche historischen Spielstätten in Europa auf Sie?

Porter: Es bereichert mich ungemein, historische Stätten in Europa besichtigen zu dürfen. Wenn man sich vor Augen hält, mit wie viel Liebe und Kraft Menschen vor vielen hundert Jahren gebaut haben, bekommt man ein Gefühl dafür, zu welchen Großtaten wir eigentlich imstande sind. Mich begeistern Bausubstanzen historischer Gebäude, die heute noch Bestand haben. Auch das ist Geschichtsbewusstsein. Eist töricht, die Brücken zur Vergangenheit niederzureißen, weil die digitale Gegenwart so verführerisch blinkt.

Sie reden wie ein Prediger.

Porter: Ich verhehle nicht, dass ich mich auf einer Mission befinde.

Für die Nächstenliebe.

Porter: Im Grunde genommen ist es doch ganz einfach. Wir alle sehnen uns nach Anerkennung und Liebe. Wir tun aber im Moment scheinbar alles dafür, einen großen Bogen ums Miteinander zu machen. Ich finde, es lohnt sich, darüber zu singen, weil es Herzen öffnet. Mit organisierter Religion hat das nichts zu tun. Es tut nicht weh, die Botschaft der Nächstenliebe weiterzugeben. Es wird aber dauerhaft schmerzen, wenn wir nicht lernen, einander mit Respekt zu begegnen.

Sind Sie als Band-Boss entsprechend barmherzig?

Porter: Ich glaube schon, denn ich achte darauf, dass es meinen Musikern gut geht. Unsere Reiserouten sind allerdings tatsächlich unbarmherzig, wir spielen zwischen 200 und 250 Konzerte pro Jahr. Aber jede Strapaze lohnt sich, denn wir dürfen die Welt sehen und mit Leuten ganz unterschiedlicher Kulturen in Kontakt treten. Das ist vielleicht das schönste Geschenk.

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