Bühnenzauber ohne Requisiten

Von: Grit Schorn
Letzte Aktualisierung:
vernebild
„Einen Tisch wollen Sie reservierem...?” Karl Walter Sprungala bietet komödiantische Höchstleistungen in Becky Modes Komödie „Völlig ausgebucht” im Grenzlandtheater Aachen. Foto: Klaus Herzog

Aachen. Manche Zuschauer wirkten fast beklommen angesichts der letzten Aufführung dieser Spielzeit im Grenzlandtheater. Sie bedeutet nämlich auch das Ende der 15-jährigen Intendanz von Manfred Langner, der im August an die Schauspielbühnen Stuttgart wechselt.

Doch das turbulente Spiel um ein Luxus-Restaurant, in dem nicht nur die verwöhnten Gäste nerven, bereitete dann doch großes Vergnügen, was dem Vollblutmimen Karl Walter Sprungala zu verdanken ist, der Becky Modes flotte Szenenfolge zu einem unglaublich rasanten Bühnenzauber umfunktioniert.

Dabei geht es ja „nur” um einen arbeitslosen Schauspieler, der in einem angesagten Gourmet-Tempel die telefonischen Reservierungen entgegennimmt.

Er wird immer hektischer und verzweifelter, weil er alle Wünsche zu erfüllen versucht. Dabei möchte er viel lieber auf der Bühne stehen - etwa in Claus Peymanns Berliner Ensemble.

Die Berliner Fassung von Steffen Kopetzky vertraut auf deutsche Verhältnisse, kabarettistisch zugespitzt durch die Bearbeitung von Stephan Meldegg und Kim Langner.

Meldegg setzt die temporeiche Komödie mit Bravour in Szene. Das schlichte, in Grau gehaltene Bühnenbild von Charles Copenhaver verbannt Tim, den Aushilfs-Reservator und verhinderten Schauspieler, ganz nach unten.

Gänzlich ohne Requisiten und Kostüme kommt der Tausendsassa Sprungala aus, der in mindesten 40 Rollen schlüpft, so in die einer Dame der besten Gesellschaft Wiens oder in Mikey, Assistent von Naomi Campbell, die für ihre Sonderwünsche weltbekannt ist.

Ebenso „erscheinen” Tims einsamer Vater, sein überforderter Bruder, der britische Oberkellner Reginald und die verängstigte Schweizer Serviererin.

Dauernd klingelt das Telefon

Das allgegenwärtige Telefon bleibt unsichtbar, dennoch steht es nie still. Tim ist damit schrecklich allein auf weiter Flur. Eigentlich hätte er ja frei, doch die Kollegen haben ihn im Stich gelassen.

Sascha versucht den Absprung zum Hotel Adlon, und in der Küche bruzzelt man hektisch auf den Supergau hin: Mit dem Erscheinen von Wolfram Siebeck, dem bekannten Restaurantkritiker, hatte an diesem Tag niemand gerechnet.

Selbst den Speiseplan muss Tim, in Gedanken immer bei Peymann, noch vorlesen: „Mit Seeigeln gefüllte Papayas” verweisen auf die kulinarischen Absurditäten gewisser Luxus-Küchen.

Der geplagte Tim, der unverständliche Chinesen, ungehobelte Bayern und gemütvolle Schwaben am Telefon „bedienen” muss, könnte glatt die Arie aus Webers „Freischütz” anstimmen: „Mich packt Verzweiflung, foltert Spott.”

Wie der energetisch unverwüstliche Sprungala aus diesen sich überschlagenden Szenen-, Stil- und Sprachwechseln ein urkomisches und berührendes Dramolett zaubert, bleibt sein Geheimnis.

Kurz nach Schluss und Standing Ovations für seine und Meldeggs Leistung ist er wieder im Foyer zu sehen - putzmunter beteiligt er sich an lebhaften Gesprächen und am Abschiedstrunk von Manfred Langner & Co.

Aufführungen und weitere Termine

„Völlig ausgebucht”, Komödie von Becky Mode, Grenzlandtheater Aachen, Elisen-Galerie.

Täglich bis 19. Juni, danach bis bis 3. Juli Aufführungen in der Region. Beginn der Vorstellungen jeweils um 20 Uhr.

Karten: 0241/4746111.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert