„Brokeback Mountain“ als Oper im Aachener Theater

Von: Jenny Schmetz
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Absatteln und ran ans Lagerfeuer: So viel Cowboy-Romantik wie das Hollywood-Melodram „Brokeback Mountain“ mit Jake Gyllenhaal (l.) und Heath Ledger bietet die gleichnamige neue Oper von Charles Wuorinen in Aachen nicht. Foto: Stock/United Archives
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Haben die Uraufführung in Madrid erlebt und bringen die Oper „Brokeback Mountain“ jetzt in Aachen raus: Dirigent Kazem Abdullah (l.) und Regisseur Ludger Engels. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Kritiker der Fachzeitschriften „Opernwelt“ oder „Opernglas“ zieht es ja schon mal öfter in den Westzipfel. Aber dass sich das Schwulenmagazin „Männer“ für eine Produktion des Aachener Theaters interessiert, das ist eine Premiere. Zu verdanken ist sie sicherlich dem bekannten Titel: „Brokeback Mountain“.

Der (fiktive) Berg ruft – lockt viele Neugierige und weckt hohe Erwartungen. Wer kennt nicht Ang Lees oscarprämiertes Hollywood-Mainstream-Melodram aus dem Jahr 2005? Millionen Menschen weltweit haben Heath Ledger und Jake Gyllenhaal im Kino als unglückliches Liebespaar zu Tränen gerührt.

Erstmals in Deutschland

Aber wie wirkt die Geschichte mit den schwulen Cowboys als moderne Oper? Das Aachener Theater wird nun seine Antwort geben – als zweite Bühne nach dem Teatro Real in Madrid. Schon vor der Welt-Premiere Anfang des Jahres hatte Aachens Generalmusikdirektor Kazem Abdullah die Zusage für die deutsche Erstaufführung erhalten. „Ich kenne Charles Wuorinen vom Tanglewood-Festival“, erklärt der US-Amerikaner. 2007 hatte er dort zwei Stücke seines Landsmanns dirigiert. Der heute 76-Jährige ist einer der bedeutendsten amerikanischen Komponisten der Gegenwart, gilt in Europa aber eher als Außenseiter. Schon damals habe Wuorinen „Brokeback Mountain“, seine dritte Oper, geplant – nachdem er den Film gesehen hatte.

Große Gefühle, verbotene Liebe: Rancharbeiter Ennis und Rodeoreiter Jack können ihre Beziehung in der konservativen US-Provinz nur heimlich leben, auch aus Angst vor der Lynchjustiz der Nachbarn. „Wenn das kein guter Opernstoff ist – was dann?“, findet Regisseur Ludger Engels. Man erlebe Verliebtsein und Zärtlichkeit, Sex und Leidenschaft zwischen zwei Menschen – ganz egal, ob das nun zwei Männer, zwei Frauen oder Mann und Frau sind. „Es ist eine sehr berührende Geschichte über eine scheiternde Liebe.“ Eine universelle Tragödie so allgemeingültig wie „Tristan und Isolde“?

Daher wecke das Etikett der „schwulen Cowboys“ vielleicht falsche Erwartungen, meint Engels. Abgesehen davon, dass die beiden jungen Männer in den Bergen von Wyoming keine Kühe, sondern Schafe hüten, sei auch kein Western zu sehen. Also keine rauchenden Colts, keine Pferde – und Engels wird keine Schafherde über die Bühne treiben wie jüngst Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale. „Es geht weniger um Cowboy-Romantik als um das raue, harte Leben von zwei Hilfsarbeitern.“ Damit ist die Oper näher an der ursprünglichen Kurzgeschichte von Annie Proulx dran, die auch das Libretto schrieb, finsterer und realistischer als der Film.

Während dieser im Breitbild-Format in Landschaftsaufnahmen schwelgte, versuchte die Uraufführung Natur per Video auf die Bühne zu holen. Engels lässt dagegen auf dem Modell eines Gebirgszugs spielen – der allerdings nicht nach Styropor aussehen soll. Und der Berg bewegt sich auch!

Außerdem wird man den Brokeback Mountain nicht nur sehen, sondern auch hören: bedrohlich, schroff und karg. Gleich zu Beginn der Oper erklingt dumpfes Dröhnen, grollendes Rumoren. Natur- oder Seelenlandschaft?

„Die Musik arbeitet sehr beschreibend“, erklärt Abdullah. „Es gibt schwierige atonale Passagen, aber auch kontemplative Momente, in denen man das Gefühl hat, die Zeit stoppt.“ Aber das könne der Zuhörer weniger: Der Dirigent schließt die Augen und lehnt sich zurück. Was wohl bedeuten soll: Er findet kaum Wohlklang, in dem er entspannt baden kann. Also kein Puccini-Sentiment, keine Western- oder Country-Musik, keine folkloristischen Farben, sondern eine „Mischung aus Sprechen, Sprechgesang und Singen“, ein Spiel mit europäischen Operntraditionen und den Einflüssen der Schönberg-Schule. Und dennoch habe Wuorinen „seine eigene, ganz einzigartige Stimme“, meint Abdullah.

Kritiker bescheinigten der Oper nach der Uraufführung, „unterkühlt“ oder „akademisch“ zu klingen. Engels hört das anders: Die Oper sei keine abstrakte Konstruktion. „Man kommt gut rein, weil die Geschichte erzählt wird.“

Und das mit ziemlich vielen Worten. Wo im Film vor allem geschwiegen, geblickt und kaum geredet wird, ist die Oper eher ein Konversationsstück. Engels erinnert es an die vielschichtigen Dramen von Tennessee Williams, etwa „Endstation Sehnsucht“ oder „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, die er als ehemaliger Chefregisseur bereits in Aachen inszeniert hat. Und diesmal ließ er sich auch von amerikanischen Theaterformen wie Vaudeville, Western-Show oder Broadway-Musical inspirieren. Die 22 Szenen wechseln in Zeitsprüngen von 1963 bis 1983 teils rasant, da können Orte nur angedeutet werden, etwa mit Go-go-Girl und Schild oder Requisiten. „Alter Kinderwagen raus, neuer Fernseher rein – zack ist man in einem anderen Jahrzehnt!“

Ja, ein anderes Jahrzehnt –könnte die Geschichte denn auch heute so passieren? Ist Schwulenhass noch so ein relevantes, brisantes Thema? Allerdings, finden Engels und Abdullah. Homophobie gebe es schließlich nicht nur in Russland und China, gewalttätige Übergriffe gegen Schwule auch in Deutschland. „Und welche Politiker, Manager oder Fußballer outen sich hier?“, fragt Engels. „Nur ganz wenige.“

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