Brigitte Franzen: Direktorin des Ludwig Forums zieht Bilanz

Von: Eckhard Hoog
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Kunst darf, muss auch aufregen: Das weiß Brigitte Franzen, die seit fast sieben Jahren das Aachener Ludwig Forum geleitet hat. Jetzt geht sie und ist bereits geschäftsführender Vorstand der Peter und Irene Ludwig Stiftung. Die neue Unabhängigkeit findet sie „traumhaft“. John De Andreas hyperrealistischer Nackedei gehört übrigens heute zu den Klassikern der Sammlung Ludwig. Foto: Harald Krömer

Aachen. Nach fast sieben Jahren nun also der Abschied: Brigitte Franzen verlässt Ende Mai das Aachener Ludwig Forum. Bereits seit dem 1. Mai ist sie geschäftsführender Vorstand der Peter und Irene Ludwig Stiftung – die Stadt bat sie, noch ein wenig länger zu bleiben.

Ihre Stelle ist ausgeschrieben, die Bewerbungsfrist läuft morgen ab. Dann werden die Nachfolge-Kandidaten unter die Lupe genommen. Im Interview spricht Brigitte Franzen über ihre neuen Aufgaben, und sie wirft einen Blick zurück auf eine Zeit, in der es viele Highlights, aber auch Enttäuschungen gab.

Welches Anforderungsprofil erfordert der Vorstand der Peter und Irene Ludwig Stiftung?

Franzen: Ich denke, die Wahl ist auf mich gefallen, weil es darum geht, die Sammlung Ludwig mit kunsthistorischem Sachverstand und Weitblick von heute aus in die Zukunft zu führen. Da erwartet mich vieles, was ich aufgrund meiner bisherigen über 20-jährigen Arbeit im Feld der Kunst her kenne. Aber es gibt auch einige neue Bereiche. Dass ich mich bei der Arbeit hier im Ludwig Forum intensiv der Sammlung gewidmet und diese immer wieder in eine zeitgenössische Perspektive gerückt habe, war sicherlich ein wichtiger Aspekt.

Wie kann man sich ganz konkret Ihre Aufgaben vorstellen?

Franzen: Es wird auf der einen Seite natürlich darum gehen, die Sammlung, die rund 14 000 Werke umfasst, verteilt auf 26 Institutionen weltweit, wissenschaftlich zu bearbeiten und die Museen, die mit der Sammlung zu tun haben, zu unterstützen. Darüber befindet ein Kuratorium, dessen Entscheidungen vorbereitet werden müssen. Darüber hinaus gilt es, das Profil der Stiftung weiterzuentwickeln und öffentlich zu machen, was und wie viel Gutes hier und in den assoziierten Museen getan wird.

Was hat Sie ganz besonders gereizt, diesen Job zu übernehmen?

Franzen: Was kann schöner sein, als für eine der weltweit bedeutendsten Kunstsammlungen tätig zu sein und mitzuwirken, ihr Erbe zu verwalten und zu entwickeln?

Von außen betrachtet wirkt das wie ein Traumjob, jetzt mal völlig unbehelligt einfach Geld ausgeben zu können.

Franzen: Es ist schon etwas anderes, als shoppen zu gehen (lacht), denn es geht ja um Prozesse künstlerischer und kulturpolitischer Tragweite, die auf internationalem Terrain angesiedelt sind. Hier mithelfen zu können, dass Dinge aktiv ermöglicht werden und Projekte geschehen können, ist traumhaft.

Wenn wir einen Blick zurück werfen: Beim Nachzählen sind wir auf 46 Ausstellungen gekommen. Stimmt das?

Franzen: Ich habe sogar noch ein paar mehr gezählt. Wenn man die Sammlungspräsentationen als eigene Ausstellungen mitzählt, dann waren es 55 oder sogar ein, zwei mehr.

Das ist sehr viel für die relativ kurze Zeit. Wie haben Sie das eigentlich bewältigt?

Franzen: (lacht) Mit ganz viel Energie, Schweiß und Nerven. Wir waren als Team und in unseren Projekten sehr dynamisch und gleichzeitig auf konkrete Inhalte und heutige Fragestellungen bezogen. Selbstkritisch könnte man anmerken, dass wir manchmal vielleicht sogar etwas zu schnell waren, ehe manch einer gemerkt hat, was hier gerade Tolles passiert, da war es schon vorbei. Nur, die internationale Kunst ist eben sehr aktiv und schnell und reagiert auf Veränderungen sehr dynamisch. Diese nach Aachen zu holen, dafür wurden die Neue Galerie und das Ludwig Forum einst gegründet. Übrigens sind zu keiner Zeit mehr Künstler mit Aachener Wurzeln hier gezeigt worden, als zu meiner – nur, der Wohn- oder Geburtsort des Künstlers ist an sich nachrangig. Auf Qualität, Komplexität und Besonderheit kommt es an.

Tut das eigentlich weh, wenn man dann hört, der Wechsel könnte auch eine Chance bedeuten?

Franzen: Niemand ist unersetzlich. Einer meiner Lieblingssprüche – frei nach Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weider“. Das aber suggestiv mit einem Abschiedsgruß zu verbinden, da schießt man sich eigentlich selbst ins Knie, potenzielle Nachfolger lesen so etwas und wundern sich.

Was sind im Rückblick die Höhepunkte gewesen?

Franzen: Ach, da gab es mehrere. Einerseits die großen Ausstellungsprojekte wie „Hyper Real“ oder „Nie wieder störungsfrei“ und auch das „West-Arch“-Projekt, der Schwerpunkt auf Architektur, der viele Menschen angezogen hat – das hat sehr viel Spaß gemacht. Und dann waren natürlich auch ortsspezifische Projekte wie Susan Philipsz Highlights, als es zum Aufschrei kam: „Das Haus ist entleert“ und man nur noch Sound und Musik hörte. Da habe ich hier Szenen erlebt, die waren wirklich herzergreifend, als Besucher zu Tränen gerührt waren. Aber natürlich auch Phyllida Barlow mit ihren sieben Riesenwerken oder auch das Kinderkönigreich mit Pawel Althamer. Ich sollte auch Ergin Cavusoglu, Andreas Fogarasi und Michael E. Smith erwähnen und das grandiose Projekt der Magicgruppe Kulturobjekt. Nicht zuletzt dank dieser Projekte bleibt das Ludwig Forum im Gedächtnis. Wie wichtig es ist, gerade auch im Blick der Kunstöffentlichkeit zu sein, wird manchmal aus lokaler Perspektive geringschätzig betrachtet, es lässt sich nicht unmittelbar in Besucherzahlen umrechnen. Aber der überregionale Ruf, über den das Ludwig Forum als Aachener Institution heute verfügt, prägt den Ruf der Stadt und das wirkt sich direkt auf ihre Attraktivität in den Augen Außenstehender aus, was wiederum die innere Verfasstheit und das Selbstbewusstsein einer Stadt und ihrer Gesellschaft beeinflusst.

Es ist ja generell nicht leicht, zeitgenössische Kunst dem Publikum näherzubringen. Wie haben Sie es versucht?

Franzen: Mir war einfach wichtig, dass das Haus einen Charakter entwickelt. Dazu gehörten für mich die Aktualisierung der Sammlung, durch Ausstellungsprojekte und Ankäufe, orts- und situationsbezogene Kunstprojekte, die nur hier und nirgendwo anders stattfanden, sowie Überblicksausstellungen, die einzelne Aspekte heutiger Kunst genauer beleuchtet haben, und immer das Angebot zur Kommunikation. Wichtig war mir, dass das Programm nicht selbstbezüglich ist, sondern Neues zutage fördert, neugierig macht, aber auch kunstwissenschaftlich verankert ist. Jedes der Projekte basierte auf einer spezifischen Haltung, warum es genau hier und jetzt stattfinden musste.

Kann es sein, dass Sie gelegentlich auch schon mal eine Enttäuschung verkraften mussten? Ich denke da zum Beispiel an eine Bürgerin, die gegen eine Ausstellung eine regelrechte Kampagne losgetreten hatte.

Franzen: (lacht) Provinz ist immer im Kopf. Also: Eigentlich kann man weltläufig denken, egal wo man ist. Ich habe die Leserbriefschreiber damals zu einer Führung durch die Phyllida-Barlow-Ausstellung eingeladen. Die Kritik wurde differenzierter, als die Kunst greifbar und ich direkt ansprechbar war. Kunst, zumal die zeitgenössische, eignet sich gut dafür, Dampf abzulassen, weil es ja historisch ungesichertere Positionen sind. Und manchmal eignet sich dieses Feld dafür auch einfach deshalb, weil andere Bereiche, über die man sich viel mehr ärgert, zu weit weg, zu unzugänglich und unerreichbar sind.

Von welchen Seiten haben Sie die größte Unterstützung erfahren?

Franzen: Die kam von vielen Seiten, einerseits natürlich von Förderinstitutionen wie der Bundeskulturstiftung, der Kunststiftung NRW und der Volkswagen-Stiftung. Ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen. Dann gab es auch eine große Unterstützung durch die Ludwig-Stiftung, am Anfang von Irene Ludwig selber. Es war wichtig für mich, dass ich sie noch kennengelernt habe. Vor allem dem ehemaligen Kulturdezernenten Wolfgang Rombey möchte ich einen ganz herzlichen Dank aussprechen an dieser Stelle. Er hat immer die Hand schützend über uns gehalten, das war unheimlich viel wert. Und – last but not least – das Lufo hat den besten Freundeskreis, den man sich nur wünschen kann.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie genügend Wertschätzung hier in der Stadt erfahren haben?

Franzen: Die unmittelbaren Ansprachen, die ich zum Beispiel bei Eröffnungen erfuhr, die haben mich sehr getragen. Manchmal war es im Zusammenspiel mit der Verwaltung und der Politik ein bisschen kompliziert. Das lag aber auch daran, dass ich oft das Gefühl hatte, man diskutiert hier in Aachen immer noch viel zu sehr über das Ob als über das Wie, obwohl diese Institution mittlerweile 45 Jahre alt und ihre Wichtigkeit und Substanz bewiesen ist. Ich würde mich freuen, auch für die zukünftige Arbeit, wenn man den Hebel allmählich mal umlegen würde, um von diesem Ob wegzukommen und sich stärker auf das Wie konzentrieren würde: nämlich das Forum für internationale Kunst.

Welche Stellung, welche Position nimmt das Ludwig Forum in der Museumslandschaft ein?

Franzen: Ich denke, es gehört zu den ersten Häusern in Nordrhein-Westfalen und der Bundesrepublik. Dass unsere Publikationen außer in Aachen und Köln auch in New York, Venedig und London zu kaufen sind, spricht außerdem für sich.

Eine Frage zurück: Der Umbau des Eingangsbereichs ist von viel Kritik begleitet worden. Wie haben Sie das empfunden?

Franzen: Das war eine Enttäuschung und hat meine Geduld sehr strapaziert. (lacht) Mir ging es immer auch darum, das Haus baulich-konservatorisch zu optimieren, zum Beispiel durch den Einbau einer Klimaanlage. Und eben einem Windfang, der verhindert, dass bei all den Werten, die hier bewahrt werden, der Staub durch die Eingangstür hereinfliegt. Ich fühl- te mich sehr missverstanden, als sich die Kritik am Umbau darauf konzentrierte, ich hätte kein Re-staurant mehr gewollt. Dabei war es eine uralte und schon sehr früh von mir offensiv vorgetragene Idee, das Restaurant in der ehemaligen Kantine der Schirmfabrik anzusiedeln und den Eingangsbereich zu verbessern. Ich habe den Pächter auch nicht rausgeworfen oder vor die Tür gesetzt. Er kam hier nicht richtig auf einen grünen Zweig und die Stadt hat ihm geholfen, eine neue Stelle zu finden. Erst dann war der Weg frei, um die damals schon alte Idee zu realisieren und die vermoderte Küche herauszuholen. Deren Gestank zog sich durch das ganze Haus. Ich fand es unfair, immer wieder die 300 000 Euro an Kosten anzuführen angesichts anderer Ausgaben, die mal eben ohne jede Diskussion stattfinden: 20 Millionen Euro für die Renovierung des Spielcasinos zum Beispiel. Man wundert sich: Wo sind denn hier eigentlich die Prioritäten?

Was haben die Jahre hier für Sie persönlich bedeutet?

Franzen: Das war natürlich eine tolle Entwicklungsmöglichkeit. Ich bin ja hier als Direktorin gestartet und hatte vorher noch keine Institution selbst geleitet. Es war eine sehr ereignisreiche Zeit, mit vielen neuen Erfahrungen verbunden, von denen ich auch in Zukunft profitiere. Allen, die meine Arbeit unterstützt haben, danke ich auf diesem Wege sehr herzlich.

Die Abschlussfrage: Welchen Tipp würden Sie Ihrem Nachfolger geben?

Franzen: Ich würde sagen: Hart verhandeln! (lacht) Sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und mit vielen Leuten reden!

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