Brian Wilson: „Es geht wirklich nur um Liebe”

Von: Michael Loesl
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Fasziniert von der Musik Georg
Fasziniert von der Musik George Gershwins: Brian Wilson hat jetzt Songs des großen Komponisten aufgenommen - und ist der Ansicht, dass auch hierbei nur die Liebe zählt. Foto: Clay Patrick McBride/EMI

Aachen. Brian Wilson gehörte nie zur Sorte Interviewpartner, die Frohbotschaften verkündeten. Zumindest nicht in gesprochener Form. Einsilbig erklärt er gleich zu Anfang, dass ihm Gespräche mit Fremden nur sehr selten in Redelaune brächten.

Ganz anders verhält es sich jedoch seit knapp 50 Jahren mit seinen Songs, seiner Musik, seinem feinmotorischen Ausreizen der menschlichen Stimme. Er schrieb die berühmten mehrstimmigen Refrains der Beach Boys, gab Amerika damit die entscheidende gesangliche Identifikation nach Doo Wop, schuf mit dem „Pet Sounds”-Album seiner Band die Pop-Blaupause, die ihn zum einzigen ernsthaften Konkurrenten der Beatles machte, und zog sich dann immer mehr in seine eigene Welt zurück.

„Damals war ich jung, energetisch und mit einem Herzen voller Liebe ausgerüstet. Ich wollte Songs über die Liebe schreiben, den ganzen Tag im Studio verbringen, um Leuten von Liebe zu erzählen”, sagt er. „Der Klang von Stimmen ist mein Lieblingsteil jeder Platte. Weil darin Liebe steckt, in der Stimme.”

Wilson erwähnt die Liebe auffallend oft für jemanden, der im Großteil seines Lebens verhältnismäßig wenig von ihr zu spüren bekam. Kindheitstraumata machten seine Stimme omnipotent, Songwriting war für ihn das Vehikel, eine Alternative zu seiner Realität zu zeichnen. Er schuf in Beach-Boys-Songs eine Welt, in der er selbst nie leben durfte oder konnte. Seine düsteren Persönlichkeitsmerkmale versuchte er mit pflanzlichen und chemischen Rauschsubstanzen in Balance zu halten. Ein Versuch mit nachhaltigem Misserfolg.

Wilson gilt seit Jahrzehnten als zurückgezogen lebendes Musikgenie mit ärztlich attestierter Schizophrenie. Ein Umstand, der während und vor dem Interviewtermin mehrfach von seinem Management unterstrichen wird. Mr. Wilson gibt diesmal grundsätzlich nur telefonisch Auskunft und weltweit sowieso bloß einer Handvoll Journalisten. Für mehr als zehn Minuten pro Gespräch sei er nicht in der Lage, und Fragen zu seinem Geisteszustand oder einer möglichen Wiedervereinigung der Beach Boys solle man tunlichst vermeiden. Als ob man auf die Idee käme, kostbare Sekunden damit zu verplempern, eine der größten Musiklegenden nach ihrem Geisteszustand zu fragen, wohl wissend, dass Wilson mit der Frage überfordert wäre.

Das Telefon klingelt, am anderen Ende der Leitung fragt eine Delegierte von Wilsons Management freundlich, aber bestimmt mit breitem kalifornischen Akzent, ob man Wilsons neues Album gehört habe. Dann wird dem „Good Vibrations”-Mann der Hörer gereicht. Der versucht zwar eben diese zu verbreiten, erklärt, dass es ihm gut gehe, aber seine einfachen Wörter kommen ihm auffallend stakkatoartig und mit unwirklich langgezogenen Pausen über die Lippen.

Der 68-Jährige protestiert

Was tun? Jede provokante Frage wäre eine Anmaßung angesichts seiner Krankheit. Zum Glück gibt es da „Brian Wilson Reimagines Gershwin” als Gesprächsthema. Der 68-jährige protestiert. Seine neue Platte hieße „Brian Wilson Sings Gershwin”. Er ist verwirrt, fragt die Dame vom Management, die offensichtlich an ihm klebt, nach dem exakten Titel und sagt dann schließlich: „Okay, dann heißt sie eben Reimagines Gershwin’. Ist auch egal, solange man versteht, dass ich Songs des eigentlichen Erfinders des Popsongs, George Gershwin, singe.”

Brian Wilson, der Glückliche. Vermutlich keinem anderen hätten die Nachlassverwalter von George Gershwin Einblick in unvollendete Songfragmente des Komponistengenies ermöglicht. Wilson durfte graben und fand neben Bekanntem wie „Summertime” prompt zwei unveröffentlichte Songs, „Nothing But Love” und „The Like In I Love You”, deren Weltpremiere einem Gipfeltreffen zweier Meister gleicht.

Respektvoll arrangiert, verbindet Brian Wilson die brillante melodische Einfachheit von George Gershwin mit seinen eigenen berühmten Gesangsharmonien und schreibt damit auf seine alten Tage noch einmal Musikgeschichte. Unbeabsichtigt, wie er zum Schluss sagt. „Es geht wirklich nur um Liebe. Wirklich nur um Liebe. In Melodien und Gesang. Ich weiß nicht, was ich sonst dazu sagen soll.”
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