„Brandenburger Tor“ von Jörg Immendorff zurück im Ludwig Forum

Von: Eckhard Hoog
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Da staunt selbst der Ballerina Clown: Das „Brandenburger Tor“ von Jörg Immendorff ist nach sechs Jahren im Depot ins Aachener Ludwig Forum zurückgekehrt – auf einem Tieflader. Das in drei Teile zerlegte Werk aus bemalter Bronze wiegt 4,5 Tonnen. Forumsdirektor Andreas Beitin hält es für eines der wichtigsten Werke des Hauses. Kurioserweise befand es sich lange in einer Kiste, damit man es nicht sehen sollte. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Da staunt selbst Jonathan Borofskys Ballerina Clown: Eines der monumentalsten Werke des Aachener Ludwig Forums ist zurückgekehrt – auf spektakuläre Weise: Jörg Immendorffs „Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“. Sechs Jahre lang schlummerte die Skulptur im Depot, 2011 „schlafen gelegt“ von Brigitte Franzen, Direktorin des Hauses in den Jahren 2009 bis 2015.

Auf dem Tieflader einer Leverkusener Spezialfirma rückte das Stück, in drei Teile zerlegt, gestern in der Jülicher Straße an. Stunden hatte es zuvor gedauert, das Kunstwerk im Depot, das sich im Stadtgebiet befindet, aufzuladen und zu vertäuen – 4,5 Tonnen bemalter Bronze wollen erst mal sicher verstaut sein.

An prominenter Stelle

Für Forums-Direktor Andreas Beitin ist sonnenklar, dass Immendorffs Skulptur zwingend ins Ludwig Forum gehört, zumal sich jetzt der 10. Todestag des Künstlers jährt: „Für mich ist es ein genuines Interesse, die wichtigsten Werke der Sammlung Ludwig sichtbar zu machen“, sagt er und hat den prominenten vorderen Bereich der großen Ausstellungshalle als Aufstellungsort ausgewählt. „Damit begrüßt es den Besucher gleich zu Beginn seines Rundgangs.“

So ändern sich die Zeiten, die Ansichten und die Wertschätzung künstlerischer Arbeiten. Das „Brandenburger Tor“ jedenfalls hat in Aachen eine wechselvolle und kuriose Geschichte erlebt. Seit der Eröffnung des Ludwig Forums hatte es als eines von 68 „Signet-Werken“ – sozusagen die Erkennungszeichen des Hauses, geschenkt von Peter und Irene Ludwig – 16 Jahre lang einen festen Platz im linken Ausstellungsflügel. Harald Kunde, Vorgänger von Brigitte Franzen, war das nicht prominent genug und ließ das Stück 2007 in einer mordsmäßig aufwendigen Aktion, ebenfalls mit Hilfe einer Spezialfirma, um 40 Meter Luftlinie so ziemlich genau dahin verfrachten, wo es jetzt wieder zu stehen kommt.

Kundes Nachfolgerin wiederum passte das überhaupt nicht. Allerdings ließ sich das superschwere Teil nicht so einfach wegschaffen. Die Lösung: Brigitte Franzen ließ eine riesengroße Kiste um diesen „Störfaktor“ herum bauen, damit man ihn nicht mehr sehen konnte. Und so stand denn dieser Kasten unmotiviert, aber wenigstens schön weiß angestrichen, monatelang mitten vor dem Eingang in der Gegend herum. Mancher Besucher mag gerätselt haben: „Eine Kiste? Ist doch Minimal Art! Lässt Donald Judd etwa grüßen?“ Allein: Der arbeitet kleiner, und es gab auch kein Schild mit dem Namen eines Urhebers, nirgends. Nicht einmal ein „Ohne Titel“.

Wolfgang Becker: „Wunderbar“

So gewöhnten sich die Besucher der Vernissagen allmählich an das in seiner rätselhaften Sperrigkeit drollige Objekt, am Ende fragte man nicht einmal mehr, warum es dort stand. 2011 war es dann auf einmal weg. Auf Nachfrage pflegte die Direktorin zu erklären: „Es gibt Kunstwerke, die müssen sich bisweilen schlafen legen.“

„Wunderbar“, sagt jetzt Wolfgang Becker, der Gründungsdirektor des Ludwig Forums, zur Wiederkehr des Immendorff. „Ich freue mich sehr. Es war immer eine der Hauptattraktionen des Hauses.“ Und er bedauert noch heute, dass er erleben musste, dass es verschwand. Und nicht nur das: „Das ging so weit bis zu einer extremen Leere.“ Bereits 2011, zum 20-jährigen Jubiläum des Forums, hatte Becker das Verschwinden publikumswirksamer Werke der Sammlung bedauert. „Das sah das Konzept der Gründungsväter nicht vor.“ Allerdings beschwichtigt er heute auch ein wenig und verrät, dass er selbst zu Zeiten der Neuen Galerie im Ballsaal ein Relief aus dem 18. Jahrhundert mit einer Bretterwand verbaut hatte, weil es einfach nicht passte . . .

„Es ist ein politisches Kunstwerk, das die deutsche Teilung repräsentiert; und es ist ein aktuelles Mahnmal, dass die Konfrontation der Staaten irgendwann hoffentlich der Vergangenheit angehört.“ So begründet Andreas Beitin den wichtigen Stellenwert des 1982 entstandenen Werks, das noch im gleichen Jahr erstmalig auf der Documenta VII ausgestellt war. Kurze Zeit später kaufte es Megasammler Peter Ludwig.

Es gibt sicher kein zweites Profanbauwerk in Deutschland, das so eng mit den Deutschen und ihrer Geschichte verwoben ist, wie das Brandenburger Tor. Jörg Immendorff, der die deutsche Kunstszene mit seinen eigenwilligen Interpretationen der Zeitgeschichte lange geprägt hat, nutzte den Symbolwert des Baus, um dem Betrachter mit einprägsamen Bildern und verständlichen Formen die missliche Weltlage ebenso wie die Hoffnung auf Veränderung geradezu einzuhämmern. Fünf mächtige Pfeiler ruhen auf einem Wappenadler – ein Flügel schneebedeckt. Rechts ein stürzender Adler, Rosa Luxemburg erscheint als Märtyrerin, daneben ein Wachtturm mit Grenzsoldat. Ein Pfeiler zeigt das Wappenemblem Hammer und Sichel. Als Gebälk dient oben eine gewaltige Eisscholle als Symbol für den Kalten Krieg. Die Begriffe „Naht“ und „Weltfrage“ umschreiben die Bedeutung des Brandenburger Tors an der Nahtstelle konkurrierender politischer Ideologien. – Das ist Kunst, die einem doch etwas sagt!

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