Brandaktuell und beklemmend: „Die Radikalisierung Bradley Mannings“

Von: Christina Merkelbach
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Beobachtet, bedroht: Hannes Schumacher sowie (im Hintergrund) Markus Weickert, Philipp Manuel Rothkopf, Katja Zinsmeister, Tim Knapper und Benedikt Voellmy in „Die Radikalisierung Bradley Mannings“. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Aus Spalten in der Mauer ragen Arme und Beine hervor. Hände greifen und klopfen, Füße schlagen gegen die Wand der Gefängniszelle, in der Bradley Manning (Hannes Schumacher) seine Strafe absitzt. Unbarmherzig flackert eine Halogenröhre über seinem Kopf. Seine Lage ist ausweglos, er kann nicht entkommen.

Ständige Beobachtung, ständige Bedrohung. Das ist beklemmend, und diese Stimmung überträgt sich schon in den ersten Minuten auf die in der Kammer des Theaters Aachen. Dort ist „Die Radikalisierung Bradley Mannings“ zu sehen, ein Stück des britischen Dramatikers Tim Price. Es vermischt Biografisches über den ehemaligen US-Soldaten mit fiktiven Elementen.

Bradley Manning – inzwischen dank Geschlechtsangleichung Chelsea Manning – verbüßt seit dem Jahr 2013 35 Jahre Haft für Spionage. Als Mitglied der US-Streitkräfte und IT-Spezialist soll Manning der Enthüllungsplattform Wikileaks geheime Informationen zugespielt haben, die Skandalöses und Erschreckendes über Militäreinsätze der USA im Irak und in Afghanistan offenbaren. Neben Edward Snowden gehört Manning zu den bekanntesten Whistleblowern der Welt.

Regisseur Dominik Günther inszeniert das Stück dicht und kompakt, dynamisch. Die 28 kurzen Szenen fließen nahtlos ineinander über und entsprechen dem rastlosen Inneren der Hauptfigur. Kurze Videosequenzen von Luca Fois, etwa ein rauschendes Fernsehbild, das auf die gesamte Fläche der Bühne projiziert wird, verstärken diesen Eindruck.

Hannes Schumacher verkörpert mit intensivem Spiel und konstanter körperlicher Anspannung einen seit früher Kindheit getriebenen Bradley Manning. In sich zusammengesunken kauert er auf der Schulbank, Gespött und Mobbing der Mitschüler (Tim Knapper, Philipp Manuel Rothkopf, Benedikt Voellmy, Markus Weickert) ausgesetzt, die ihm mit Spuckrohren und Nackenschlägen zu Leibe rücken.

Die Lehrerin (Katja Zinsmeister) empfiehlt ihm lediglich ausgleichende Atemübungen, aber auch die gelingen ihm nicht. In einer anderen Szene übernehmen die vier Darsteller der Schultyrannen gemeinsam die Rolle des Vaters, der den schmächtigen, sensiblen Sohn zum Militärdienst drängt. Am dortigen Drill, der Brutalität und Homophobie droht Bradley beinahe zu zerbrechen. Ein ewiges Mobbing- und Gewalt-Opfer, das lediglich in der Beziehung zu Drag-Queen und Student Tyler (Tim Knapper mit Stöckelschuhen und Suspensorium) so etwas wie inneren Frieden findet. Klar, dass der nicht lange währt.

Sandra Fox hat den Schauspielern Hosen und Hemden in beige, hellblau und khaki verpasst, die gleichermaßen als Schul- und Soldatenuniform durchgehen. Besonderes Lob verdient auch ihr Bühnenbild: Eine dreiseitige Wand, in der sich Fächer unterschiedlicher Größe befinden. Sie sind von beiden Seiten zu öffnen, wobei nur Schumacher ständig davor spielt. Die anderen Mitglieder des Ensembles tauchen regelmäßig dahinter ab, um aus dem Off zu sprechen oder durch die Fächer zu schauen.

Öffnen sie eines von ihnen, so geschieht das immer mit einem lauten Knall. Bei der Premiere ließ das einige Zuschauer jedes Mal aufs neue zusammenzucken, ebenso wie das Geschrei in den Militärszenen. Wer sehr geräuschempfindlich ist, sollte also vorbereitet sein, auf den Besuch der Aufführung aber deshalb nicht verzichten. Das wäre nämlich überaus schade.

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