Bonifatius Stirnberg feiert 80. Geburtstag

Von: Werner Czempas
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Eingerahmt von den eigenen Werken: Bonifatius Stirnberg in seinem Aachener Atelier. Morgen wird der Künstler 80 Jahre alt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Seine Werke erfreuen Tausende Menschen. Tag für Tag. In vielen Orten in Deutschland, auch in Österreich, in Luxemburg und in den Niederlanden, sogar im fernen kalifornischen Santa Barbara. Im Internet führt ihn die Wikipedia-Enzyklopädie unter der Rubrik „ein deutscher Bildhauer“. Der deutsche Bildhauer Bonifatius Stirnberg aus Aachen wird am Mittwoch 80 Jahre alt.

Mit dem schon legendären bronzenen Puppenbrunnen in der Fußgängerzone Krämerstraße im Schatten des Aachener Doms fing alles an. 1975. Zwar hatte Stirnbergs künstlerisches Schaffen fast zwei Jahrzehnte vorher eingesetzt, doch mit dem Puppenbrunnen startete ein Wettlauf von Städten und Dörfern, ihre Straßen und Plätze mit einem Stirnberg zu schmücken. Rund 200 Großprojekte des Bonifatius Stirnberg verschönern seitdem im In- und Ausland den öffentlichen Raum. Geschaffen in den vergangenen vier Jahrzehnten und alle von der Idee, vom Modell bis zum letzten Detail in seinem Aachener Atelier mit der angeschlossenen Bronzegießerei geschaffen.

„Als ich mit der ersten Puppe fertig war, spürte ich, da machst du deinen Durchbruch mit“, blickt der Brunnenbauer zurück. Die nach dem Spiel stets in einer Tonne abgestellten Stockfiguren des Puppentheaters Öcher Schängchen hatten ihn zu seinem künstlerischen Puppen-Spiel inspiriert. Der Puppenbrunnen war in der Tat der Durchbruch. Seitdem baut Stirnberg seine Brunnen, bei denen – erstmals! – Menschen- und Tierfiguren mit Gelenken verbunden und dadurch beweglich sind.

Die Wirkung ist verblüffend. An Stirnberg-Brunnen werkeln und basteln Passanten lachend und fröhlich spielend herum. Groß und Klein lässt biegend und drehend einen Bischof würdevoll die Hand zum Segen erheben oder einen Harlekin alberne Possen treiben. Oder respektlos umgekehrt. Stirnbergs figurale Werke „laden zur Interaktion ein“, schreibt Erwin Klein in einem neuen Buch über den Aachener Bildhauer (siehe Kasten). Die Leute sollen die Objekte anfassen, um sie besser erfassen und begreifen zu können. „Der Betrachter wird wie von Zauberhand zum Mitgestalter und tritt dadurch mit Stirnbergs Kunst in einen haptischen Dialog“, will heißen, in einen den Tastsinn betreffenden Dialog, „der Kopf, Herz und Hand einbezieht und eine spielerische, aber äußerst komplexe Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk freisetzt“.

Der Künstler selbst sagt es schlichter: „Dafür sind meine Brunnen schließlich gemacht. Ich finde es toll, wenn die Bronze richtig blank ist von den vielen zupackenden Händen. Meine Kunst ist Kunst zum Anfassen.“ Er freut sich, dass die Menschen die Figuren berühren und nicht wie gewöhnlich vor der „hehren Kunst“ in Ehrfurcht erstarren.

Wenn die großen Namen der Bildhauer-Zunft fallen, ist Bonifatius Stirnberg nicht darunter. Der „deutsche Bildhauer“ einer unter „ferner liefen“, ein Handwerker nur? Ist Kunst nicht Kunst, wenn sie Volkes Empfinden trifft? Bonifatius Stirnberg ein Brunnenbauer nur? Den ob all der niedlichen Püppchen und possierlichen Tierchen ein naserümpfender Aachener Kunst-Kollege einmal wissen ließ, am liebsten würde er ihn umbringen. Der Erfolg beschere viele Neider, reagiert Stirnberg auf solche Anwürfe heute gelassen. Kritik akzeptiere er, sie dürfe aber „nicht runtermachen und gemein sein“.

Und dann kann der freundlich dreinblickende und plaudernde alte Herr, agil und quirlig wie eh und je, doch ganz schön aus der Haut fahren, wenn er über die Kunstszene lästert. Die beobachte er genau, doch meide er sie und alle Galeristen „ganz absichtlich wie die Pest“. Für ihn gibt es „unwahrscheinlich viele Künstler, tausend oder mehr, hervorragende Künstler“, doch die Kunstszene lasse nur sehr wenige gelten und nach oben. Weil nur so deren merkantiler Wert hochgehalten und das lukrative Geschäft gemacht werden könne. Von dieser Szene werde heute jemand gefeiert und morgen niedergemacht.

„Das ist das System“, graust es den alten Herrn, und er schickt ein „Ich habe etwas gegen Kunst zum Kotzen“ hinterher. Kunst à la Georg Baselitz oder Jeff Koons, nennt und bekennt Stirnberg offen, ist nicht seine Welt. Was die Szene über ihn denkt, lässt ihn kalt. Und er kann beim nächsten Atemzug doch grübeln, warum und wieso „manches Kunst ist und Stirnberg nicht“. Der bald 80-Jährige hält sich Trost parat: In 50 Jahren sei es mit den Modernen vielleicht aus und vorbei „und der Stirnberg ist etwas wert, mal abwarten“. Dann lacht der alte Herr über das ganze Gesicht.

Wer Gefahr läuft, Stirnberg nur als volkstümelnden Brünnchenbauer abzutun, dem sei allerdings empfohlen, in der näheren Umgebung einmal seinen – oft mit viel Ironie – Geschichte und Geschichten erzählenden Objekten näherzutreten. Allein in Aachen sind es 16, neben dem Puppenbrunnen der „Mösche“-Brunnen etwa, das Spielschiff, das Straßenbahn-Denkmal, die Pferde vor dem Hauptbahnhof, in Monschau der Tuchmacherbrunnen, in Eschweiler die grandiose Michaelsplastik vor St. Peter und Paul und der Sonnenwagen, in Alsdorf die „Heggeströver“, in Hückelhoven die Kuhtränke, „Dürener Originale“ in Düren, in Korschenbroich der Andreas-Brunnen, in Übach-Palenberg der zauberhafte Mäusebrunnen mit Tieren voller menschlicher Eigenschaften, in Jülich der „Muttkrat“-Brunnen mit der Schutzpa-tronin Minerva, der Dorfbrunnen in Geilenkirchen-Prummern, der Rattenkarneval in Heinsberg – um nur einige zu nennen.

Wer schaut, sieht die Kunst. Von 1962 bis 1966 studierte der damals schon zum Meister geprüfte Holzbildhauer an der Kunstakademie Düsseldorf Bildhauerei. Der große Joseph Beuys war sein Professor. Unter allen Bewerbern hatte Beuys den Aachener ausgewählt. Mit ihm und einer Handvoll weiterer „verrückter Typen“, darunter auch Jörg Immendorff, gründete Beuys seine erste Klasse an der Akademie. Der Lehrer empfing den Schüler mit dem Satz: „Ich hoffe, dass Sie das, die eingereichten Arbeiten, in einem halben Jahr als abschreckendes Beispiel betrachten.“

Geprägt auch durch Picasso

Stirnberg war geschockt und fühlte sich herausgefordert, hatte er doch schon sein „Zeug gemacht“, wie er sagt, Abt Gregor etwa, die Skulptur vor der Kirche St. Michael in Aachen-Burtscheid. Er erlebte bei Beuys, „dass einfach alles in Frage gestellt wurde, was mit Gestaltung zu tun hat“. Und „dass man in der Kunst alles machen kann, es muss nur gut sein; auf das Wie kommt es an“. Er verinnerlichte Beuys’ Theorie: „Zur Kunst gehört nicht nur der Kopf, sondern auch der Darm.“ Bei ihm habe er gelernt, seinen eigenen Weg zu gehen. Und doch, wenn er heute über seine Skulpturen und Brunnen plaudert, sagt er ein ums andere Mal: „Da ist viel Beuys drin.“

Nach Beuys inspirierte ihn Pablo Picasso. Bei ihm fand Stirnberg, was er „poetisch“ nennt. Genauso geraten denn auch in den folgenden Jahrzehnten seine Werke: Sie erzählen von der Geschichte und von Sagen und Legenden, und das alles voller Poesie und Gefühl. „Natürlich“, sagt er, schafft er auch noch mit 80. „Einige Sachen, größere, sind in der Mache.“ Darunter eine für die Stadt Ulm, eine für Aachen. „Genaueres verrate ich noch nicht.“

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