Blixa Bargeld tritt als Kaiser Wilhelm auf

Von: Alexander Barth
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Zum 100. Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erreichte sie eine Auftragsarbeit aus Flandern: die Einstürzenden Neubauten mit ihrem Sänger Blixa Bargeld. Am Sonntag gibt die Band einen Eindruck davon mit einem (ausverkauften) Konzert in Stolberg. Foto: dpa

Stolberg. Die Pioniere der Experimentalmusik um Frontmann Blixa Bargeld überraschen mit einer neuen Bühnenshow samt passendem Konzeptalbum, die sich komplett dem Ersten Weltkrieg widmen. Nach der Premiere des Gesamtkunstwerks „Lament“ spielt die Band am Sonntag ein längst ausverkauftes Konzert im Zinkhütter Hof in Stolberg, ehe es nach London, Paris und München geht.

Im Interview spricht der für seine Extravaganzen bekannte Sänger, der zuletzt auch in einem Kinofilm von Musikerkollege Nick Cave zu sehen war, über sein Nicht-Verhältnis zum Krieg, ein verloren gegangenes Bandgefühl und darüber, dass bei den Einstürzenden Neubauten noch immer alles passieren kann.

Sind Sie ein geschichtsinteressierter Mensch?

Bargeld: Nicht besonders, nein.

Der Eindruck drängt sich auf, wenn im 100. Jahr seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Tour stattfindet und ein Konzeptalbum von Einstürzende Neubauten herauskommt, die diese Jahrhundertkatastrophe zum Thema haben.

Bargeld: Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt, aber das Thema war nicht unser inneres Anliegen. Das sollte man wenig romantisch betrachten. „Lament“ ist eine Auftragsarbeit für die Region Flandern, speziell für die Stadt Diksmuide und deren Gedenkfeierlichkeiten. Die Stadt hatte unter dem Ersten Weltkrieg besonders zu leiden, hier lief die erste Flandernschlacht ab.

Gibt es familiäre Berührungspunkte zur Zeit des Ersten Weltkriegs?

Bargeld: Meine Oma ist 1901 geboren, sie hat die Zeit also als junges Mädchen erlebt. Ansonsten war der Krieg bei uns nie direkt ein Thema. Ich bin Jahrgang 1959, also mitten hinein geboren in das, was man den Kalten Krieg nannte. Dass da immer etwas Gewaltiges, ein echter Krieg, hätte ausbrechen können, war schon spürbar. Ansonsten habe ich generell kein Verhältnis zum Krieg.

Wie haben Sie Ihren Bandkollegen das Thema serviert?

Bargeld: Das lief ganz demokratisch. Ich habe alle gefragt, ob sie Lust und Zeit haben, und nur, weil alle einverstanden waren, konnte es passieren. Die Neubauten-Mitglieder leben über den Planeten verteilt, da musste eine gemeinsame Entscheidung her, ganz basisdemokratisch. Nicht alle waren sofort begeistert von der Idee, das kann ich sagen.

Zur Performance von „Lament“ gibt es auch ein neues Album der Band . . .

Bargeld: Stop! Der Tonträger ist nur ein Nebenprodukt zur Bühnenshow und der Tour, kein neues Album, wie wir sie vorher gemacht haben. Es gab keine Ambitionen, ein Album zu schreiben, als Band zusammen zu sein. Wir reden hier, wie gesagt, von einer Auftragsarbeit.

Für die Sie sich aber offenbar speziell vorbereitet haben. Wenn der Erste Weltkrieg nicht Ihr Thema war, wie haben Sie sich eingearbeitet?

Bargeld: Wir haben uns mit zwei Historikern zusammengesetzt, nachdem die Entscheidung gefallen war, das Projekt anzugehen. Da gibt es eine Menge Material, das ich im Vorfeld gesichtet habe, und sicher bin ich damit noch lange beschäftigt.

Sie sind also doch geschichtsinteressiert?

Bargeld: Interessiert vielleicht, aber nicht besessen. Ich habe immer gern nach vorn geschaut. Wie gesagt, in mir gab es keinen brennenden Wunsch, die Gedenkwelle zum Ersten Weltkrieg zu reiten.

Die Stücke auf „Lament“ fallen im Vergleich zu älteren Songs und Alben eher ruhig aus.

Bargeld: Das war eine bewusste Entscheidung, es ging hier nicht um sogenannten Krach, also kein Neubauten-Material wie in früheren Jahren, das war dem Thema einfach nicht angemessen. Natürlich bedienen wir aber auch zum Teil Klischees oder Fan-Begehren (lacht). Dafür gibt es etwa die Stacheldraht-Harfe, zu deren Klang ich ein flandrisches Gedicht spreche. Sonst lebt es von Einflüssen, die Geschichte zu bieten haben.

Also Einstürzende Neubauten zum Berühren, nicht zum Aufrühren?

Bargeld: Zum Aufwühlen.

Was erwartet die Besucher bei der Performance in Stolberg und auf den anderen Tournee-Stationen?

Bargeld: Auf generelle Aussagen à la „dies und das passiert“ habe ich keine Lust. Es wird drei Teile geben, die sich inhaltlich mit der Vorgeschichte, dem Geschehen während des Krieges sowie der Zeit danach beschäftigen. Alles Weitere passiert eben. Wie sagt man so schön: Hingehen und dann das Album kaufen. Eins ist mir wichtig: Die Leute sollen bitte nicht „Haus der Lügen“ oder andere vermeintliche Hits erwarten. Das Konzept, das Konzert und das Album „Lament“ stehen für sich.

Wenn es einen roten Faden, ein Konzept gibt, können Sie aber doch sicher etwas zu den einzelnen Songs, zu einzelnen Stationen der Geschichte sagen.

Bargeld: Die ganze Sache ist von vorne bis hinten durchgeplant. Ein Unterschied zu bisherigen Arbeiten, „Lament“ ist eben nicht in einem dynamischen Prozess entstanden, wo meinetwegen an Songs gebastelt wird. Die Band nimmt immer wieder feste Rollen ein. Ich spiele einen preußischen Offizier und Kaiser Wilhelm, Alexander Hacke (Bassist, Anm.) gibt den Zar Alexander. Wir benutzen bereits bestehende Elemente aus traditionellen Liedern, Gedichten oder historischen Tondokumenten. Die Texte aus meiner Feder sind allesamt nicht auf Deutsch, auch ein Unterschied zu früheren Arbeiten. Zum Attribut „ruhigere Songs“: Wenn man unbedingt Vergleiche ziehen muss, dann haben wir es hier mit durchaus ansprechender Musik zu tun.

Wenn man die Kollegen quasi bitten, sie gewinnen muss, um die Band für eine neue Arbeit zusammenzukommen, gibt es da noch ein Band-Gefühl?

Bargeld: Derlei Romantik brauche ich nicht mehr. Ich glaube, davon haben wir uns schon Mitte der 90er Jahre verabschiedet. Nach 35 Jahren sind die Einstürzenden Neubauten eine Konstante in meinem Leben, aber ich komme auch ohne sie gut klar. Sicher kann es passieren, dass wir alle wieder einmal Lust auf ein neues Album, also meinetwegen auch auf das „Band-sein“ bekommen. Aber was das aktuelle Projekt angeht, spreche ich eigentlich nur von Arbeit. Denn nichts anderes tun wir gerade. Das Ganze ist eben auch ein Job, da mache ich mir nichts vor.

Nach vielen Jahren kommen Sie mit der Band wieder in den Westzipfel der Republik. Können Sie sich noch an Ihr erstes Konzert in Aachen erinnern?

Bargeld: Natürlich. Ich habe eine sorgfältig katalogisierte Kassetten-Sammlung, und da ist auch eine aus dem Jahr 1982 dabei, als wir in irgendeinem Loch gespielt haben, dessen Namen ich vergessen habe (Anm.: Das Konzert fand 1982 in der Aachener Szenekneipe „UKW“ statt). Der Sound muss furchtbar gewesen sein.

Augenzeugen von damals sprechen von einem legendären Auftritt, Sie sollen die Dekoration dort kräftig malträtiert haben.

Bargeld: Daran kann ich mich nicht erinnern. Könnte aber sicher hinkommen.

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