Blick auf die 70er-Jahre: „Zusammen!“ im Großen Haus

Von: Christina Merkelbach
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Das muss jetzt dringend ausdiskutiert werden: „Zusammen!“, das Theaterstück nach dem Film von Lukas Moodysson hatte Premiere im Großen Haus des Aachener Theaters mit (von links) Wiltrud Schreiner, Lara Beckmann, Philipp Manuel Rothkopf, Torsten Borm, Felix Strüven, Dolores Winkler, Florian Denk. Hinten: Malcolm Kemp, Johanna Heyne, Katja Zinsmeister, Justus Wichert. Foto: Will van Iersel

Aachen. Irgendwo auf der Bühne spielt ein namenloser Hippie Gitarre. Er schweigt, die anderen nennen ihn einfach „Jemand“. Blonde lange Haare, Rauschebart, bauchfreies gelbes T-Shirt, hautenge braun-orange gemusterte Schlaghose. Wie der von Malcom Kemp gespielte Mann wirklich heißt, erfährt der Zuschauer nicht.

Das ist aber auch das einzige, was unausgesprochen bleibt. Ansonsten darf, ja muss sogar, eifrig diskutiert, agitiert und philosophiert werden. Nicht nur über Sozialismus, Frieden und Pippi Langstrumpfs Potenzial als Kapitalistin. Auch vor unrasierten Frauenachseln, Scheidenpilzen und Orgasmusfähigkeit wird bei Gruppendebatten nicht halt gemacht. Es ist das Jahr 1975. Willkommen in der Kommune „Zusammen!“.

Das Theater Aachen zeigt das Stück nach dem gleichnamigen Film des Schweden Lukas Moodysson („Raus aus Åmål“, „Lilja 4-ever“). Regisseurin Elina Finkel gelingt eine sehenswerte, temporeiche Inszenierung. Langeweile kommt in einer Stunde und 40 Minuten nicht auf. Auch wenn gemäß filmischer Vorlage viele Klischees bedient werden, geschieht das immer liebevoll und mit einem Augenzwinkern. Das Lachen des Premierenpublikums spricht für sich. Ein wenig verwirrt zeigen sich die Zuschauer nur, als ihnen mitten im Stück von Darstellern Batik-T-Shirts mit dem Theater-Logo zum Kauf angeboten werden. Ernst gemeint?

Ric Schachtebecks Bühnenbild und Britta Leonhardts Kostüme machen die unterhaltsame Zeitreise perfekt. Kommunarden in bunten Kaftans, Zehensandalen und Fransenwesten lümmeln sich Wein trinkend und rauchend auf dem braun-beige geblümten Sofa zu Musik von Led Zeppelin und Janis Joplin. Im Hintergrund dient ein großes, typisches 70er-Jahre-Muster als WG-Tapete. Dunkelblaue Formen greifen systematisch in hellblaue, während auf der Bühne zwischen Postern von Che Guevara und Jim Morrison geordnete Unordnung herrscht.

Selten haben so viele Mitglieder des Aachener Schauspielensembles gleichzeitig auf der Bühne gestanden. Zwischen elf und 14 Personen sind ständig anwesend, wuseln oder liegen herum, streiten oder umarmen sich.

Katja Zinsmeister gelingt als Hauptfigur Elisabeth überzeugend die Metamorphose von der braven Hausfrau zur selbstbewussten Kommunen-Mitbewohnerin, die aus ihrer bürgerlichen Enge ausbricht und endlich Glück findet. Das zeigt sich auch äußerlich: Bald tauscht sie Bluse gegen Batik-T-Shirt und Kostümrock gegen Schlaghose. Das Pendant ist ihr Bruder Göran (Torsten Borm), zu dem sie mit ihren beiden Kindern (Johanna Heyne und Justus Wichert) vor dem gewalttätigen Ehemann Rolf (Tim Knapper) flieht. Anfangs allzeit verständnisvoller Gutmensch, entdeckt Göran im Laufe des Stücks eine andere Seite an sich, die Torsten Borm mit intensivem Spiel seiner hysterischen Partnerin Lena (Lara Beckmann) vermittelt.

Großes komödiantisches Talent beweisen vor allem Dolores Winkler als überdrehte Emanze Anna und Florian Denk als Hippie-Macho Lasse. Dem ehemaligen Paar, das mit seinem – natürlich anti-autoritär erzogenen – Sohn Tet (Manuel Macovei) in der Kommune lebt, gehören die unterhaltsamsten Schlagabtäusche im Stück. Florian Denk steigt gar mit Bierflasche unter die Dusche, rülpst geräuschvoll und kratzt sich gerne, nur mit Unterhose bekleidet, ausdauernd am Hinterteil, während die anderen gerade essen.

Den farblosen Kontrast zum bunten Treiben der Kommune bieten die Nachbarn Margit (Wiltrud Schreiner), Ragnar (Philipp Manuel Rothkopf) und deren unglücklicher, 14-jähriger Sohn Frederik (Lukas Gruber). Ihnen gehört die hintere linke Ecke der Bühne mit akkurat bestücktem Vitrinenschrank und Topfpflanze hinter einer hochfahrbaren grauen Hauswand. Wie überall, wo Menschen sind, zeigen sich auch in diesem gut-bürgerlichen Idyll ungeahnte Abgründe.

Trotz aller Konflikte bleibt am Ende nur diese Einsicht: Zusammen ist immer noch besser als allein. Gefeiert wird das mit einem ausgelassenen Ballspiel, das sich in den Zuschauerraum ausweitet. Bunte Wasserbälle fliegen von der Bühne ins Publikum. Der größte Teil quittiert das mit Lachen und wirft die Bälle gerne zurück. Und dann gibt es viel und kräftigen Applaus – besonders für die vier starken Kinderdarsteller.

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