Bilder religiöser Herzensgröße: Mikhail Shvartsman im Ludwig Forum

Von: Sabine Rother
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Brigitte Franzen (li.), Direktorin des Ludwig Forums, freut sich, dass Iraida Shvartsman und Kurator Joseph Kiblitsky heute bei der Eröffnung der Schau Mikhail Shvartsman dabei sind. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Noch bevor man sich den sicherlich klugen und kunstwissenschaftlich ausgefeilten Äußerungen und Deutungen zu Werk und Persönlichkeit im schwergewichtigen Katalog zuwendet, sollte man sich einfach von diesen Bildwerken umhüllen lassen und die eigenartige Wirkung ausprobieren, die von der Mischung aus meditativen und konstruktivistischen Kompositionen, ihren Farbharmonien und ihrem so vielfältigen „Klang” der inneren Formen ausgeht.

Mikhail Shvartsman (1926-1997) im Aachener Ludwig Forum - das ist etwas Besonderes, denn Museumsleiterin Brigitte Franzen präsentiert damit bis 26. April die erste Retrospektive dieses in Russland hochverehrten und im Kreis der Moderne längst schon gefeierten Künstlers.

Als „Legende” wurde der „Guru der russischen Kunst”, wie ihn Joseph Kiblitsky, Kurator der Ausstellung aus St. Petersburg, nennt, schon zu Lebzeiten anerkannt. Doch je stärker der Zuspruch wurde, umso mehr zog sich Shvartsman in seine Welt aus religiöser Mystik und philosophischer Einkehr zurück.

Selbst die Lockungen des Aachener Sammlerehepaars Irene und Peter Ludwig, die bereits frühzeitig die Größen der inoffiziellen Kunst der UdSSR für sich entdeckt hatten, blieben unwirksam.

Bestände des Hauses

„Nicht zuletzt im Hinblick auf die russischen Bestände des Hauses ist dieser Künstler für uns sehr wichtig”, betont Brigitte Franzen, die sich zudem über den Besuch von Iraida Shvartsman, der Witwe des Künstlers, freut.

Die feingliedrige alte Dame reagiert mit einem versonnenen Lächeln, wenn man sie danach fragt, welche Botschaften in den großformatigen Gemälden und sensiblen Zeichnungen ihres Mannes verborgen sind: „Es sind seine Gedanken, die um religionsphilosophische Fragen kreisen, er hat intuitiv gearbeitet, fast wie ein Medium”, antwortet sie.

Wer bei Shvartsmans Malerei an Ikonen denkt, hat den richtigen Ansatz gefunden. Auch der Russe sah seine Kunst als Andachtswerk, in das er psychische und physische Energie strömen ließ. Nicht selten hat er sich sogar an den klassischen Grundierungen der Ikonenmalerei orientiert.

Als „Schule der hieratischen Kunst” bezeichnete Shvartsman bereits Ende der 50er Jahre seine Abbilder einer komplexen und tiefsinnigen Innenschau, zu der gleichfalls poetische Texte gehörten.

Für die Ausstellung wurden einige seiner Notizen auf Stoffbahnen projiziert, damit man seine gerundete und zugleich sehr präzise Handschrift sehen kann. Der „Hieratismus” leitet sich vom Altgriechischen Begriff „hieros” für „zeichenhaft, heilig” ab - mehr als nur der Name eines Stils.

„Metaphysiker, Esoteriker, Mystiker”, nennt ihn die Kunsthistorikerin Barbara M. Thiemann im Katalog, die ihn als einen Menschen beschreibt, der sich deutlich von seinen Zeitgenossen distanziert. In dieser selbstgeschaffenen und streng bewahrten Ruhe sind Bildwerke von großer Kraft und Harmonie entstanden.

Meist gibt es im Farbraum eines solchen Gemäldes ein mit sehr unterschiedlichen Formen angefülltes Zentrum, nicht selten in der Andeutung eines Kreuzes. In immer neuen Variationen teilt sich eine Symbolsprache mit, die faszinierend fremd und doch vertraut erscheint.

Wie Gedanken, die um ein mächtiges Grundvertrauen kreisen, prägen die unterschiedlichsten Motive die größeren Strukturen. Mal sind sie rund und weich, dann wieder geome-trisch oder frei gestaltet.

Dabei erscheinen selbst dunkle Arbeiten niemals trist oder traurig, tragen zartes Ros, lichtes Gelb und nahezu frühlingshafte Grüntöne zur positiven Ausstrahlung der Bilder bei. Sie nehmen ihnen buchstäblich die irdische Schwere. Eine bewegende Ausstellung, die im Heute ein neues „Fenster” zur Moderne öffnet.

Mikhail Shvartsman (1926-1997), Retrospektive, Ludwig Forum Aachen, Jülicherstraße 97-109, Aachen. Eröffnung am Freitag um 20 Uhr.
Gefördert durch die Shvartsman Heritage Art Foundation und die Peter und Irene Ludwig Stiftung. Öffnungszeiten bis 26. April: Di., Mi., Fr. 12-16 Uhr; Do. 12-20 Uhr; Sa., So., 11-18 Uhr. Umfangreicher Katalog zum Schaffen: 35 Euro.

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