Aachen - Bertolt Brecht, Kapitalismus, Unternehmer und Moral

Bertolt Brecht, Kapitalismus, Unternehmer und Moral

Von: Hermann-Josef Delonge
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Themen, die auf den Nägeln brennen: Die will das Theater Aachen mit seinem Stücken und den Inszenierungen reflektieren. Das Publikum weiß das durchaus zu schätzen, wie das vollbesetzte Spiegelfoyer bei der Diskussionsrunde am Sonntag beweist. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Rote Fahnen, Barrikaden, Klassenkampf? Wer das von Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ erwartet, der sieht sich im Theater Aachen getäuscht. Regisseurin Bernadette Sonnenbichler hat in ihrer Inszenierung, die noch bis Ende Juni auf der großen Bühne zu sehen ist, eine differenzierte Sicht auf die Dinge entwickelt.

 Überhaupt scheint der gute alte Klassenkampf in Deutschland etwas aus der Mode. Und so waren am Sonntag im voll besetzten Spiegelfoyer des Theaters durchgängig moderate Töne zu hören, als es um Unternehmertum, Moral in der Ökonomie und die von Brecht aufgeworfene Frage ging, wie man gut „sein kann, wo alles so teuer ist“. So weit lagen die Teilnehmer der vom Theater in Zusammenarbeit mit unserer Zeitung initiierten Runde gar nicht auseinander.

Dass das Theater Aachen derzeit so erfolgreich unterwegs ist und so viele Menschen in die Aufführungen holt, das liege nicht zuletzt an dem Bemühen, Stücke zu zeigen, die aktuelle Themen und Probleme reflektieren, versicherte Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld gegenüber Bernd Büttgens, dem stellvertretenden Chefredakteur unserer Zeitung, der die Matinee moderierte. Wer von aktuellen Problemen spricht und dabei in die Region blickt, der landet schnell beim Drama um das Aachener Bombardier-Werk, wo 600 Mitarbeiter von einer möglichen Schließung betroffen sind und wo es nun durch die neue Talbot Service GmbH für zumindest einen Teil Hoffnung gibt.

Betriebsratschef Josef Kreutz hat Brechts Stück als „hochaktuell“ empfunden, auch wenn – und das weiß er aus nächster Erfahrung – Arbeitskampf heute anders aussieht. Die Erinnerung an den Tag, als er die Hiobsbotschaft von der Schließung erhielt („Das war ein Gefühl, als ginge man aus dem Haus und würde von einem Bus überfahren“), ist ihm eingebrannt, und doch plädierte er für einen differenzierten Blick auf Unternehmer: „Ich habe da kein Feindbild und unterscheide zwischen den großen Weltkonzernen und den Mittelständlern.“

Davon ist gerade die Wirtschaftsregion Aachen geprägt, wie Michael F. Bayer, Geschäftsführer der Gründerregion, betonte. Auch er sieht die Aktualität des Stücks nicht beim Thema Klassenkampf, sondern bei dem differenzierten Menschenbild, das Brecht entwirft: „Die Frage ist doch immer: Wie weit kann man gehen?“

Wer ist gut, wer ist böse?

Wer ist gut, wer ist böse? Shen Te, die sich in „Sezuan“ immer ausnutzen lässt? Ihr Alter Ego Shui Ta, der den Kapitalisten raushängen lässt? Wie sollte sich ein Firmengründer verhalten? Rolf Geisen rät dazu, nicht in die Extreme zu verfallen. Der Aachener Unternehmensberater plädierte strikt für das Prinzip „keine Leistung ohne Gegenleistung“. Eine Formel, mit der sich der Bombardier-Betriebsrat anfreunden kann: „Man muss allerdings den Mitarbeitern gut und frühzeitig erklären, woran sie sind. Das schafft eine Atmosphäre, in der alle mitziehen.“

Warum aber wird man Unternehmer? Und wenn man es geworden ist: Muss man dann alle Vorsätze, „gut“ zu sein, über Bord werfen? Kai Markus, der im Jahr 2005 das Herzogenrather Medizintechnikunternehmen Vimecon gegründet hat, ist sicher: „Wer ein Unternehmen gründet nur aus dem Grund, schnell Geld zu verdienen, bei dem ist das Scheitern programmiert. Es ist die Freude daran, etwas zu bewegen – und auch daran, Arbeitsplätze zu bieten.“ Wobei die gerade bei jungen Unternehmen nicht sicher sind und nicht sein können. „Wir brauchen junge Mitarbeiter, die selbst brennen – und schon mal Abstriche beim Gehalt oder bei der Vertragsdauer hinnehmen.“ Ist man so als Unternehmer noch „gut“?

Einig war sich die Runde in der Verurteilung der horrenden Gehälter, die eine Handvoll von Dax-Vorständen bezieht. Wobei Michael F. Bayer davor warnte, dieses Bild auf die Unternehmer allgemein zu projizieren. Und: „Da gibt es Arbeitsverträge, da gibt es Aufsichtsräte. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, diese Auswüchse einzudämmen.“

Überhaupt: die Verantwortung der Gesellschaft, die Verantwortung jedes Einzelnen. Für Dramaturgin Inge Zeppenfeld ist das ein zentrales Thema einer modernen Kapitalismus-Kritik. Auch beim Thema Gier. „Was wir von den Managern verlangen, das müssen wir als Konsumenten selbst leisten – und eben nicht bei Amazon kaufen, nur weil es bequem und billig ist. Wir haben als die Macht, durch unser Verhalten etwas zu ändern und zu bewegen.“

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