Berliner Autorin Jenny Erpenbeck bekommt Walter-Hasenclever-Preis

Von: Thorsten Karbach
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Stellt sich literarisch dem zentralen gesellschaftlichen Thema unserer Zeit: Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ handelt von Flüchtlingen in Deutschland. Nun wird ihr Werk mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen ausgezeichnet. Foto: Katharina Behling

Aachen. Als Jenny Erpenbeck 2002 in Aachen war, da stieg sie in die Unterwelt hinab – auf der Bühne des Theaters Aachen. Erpenbeck inszenierte Claudio Monteverdis die Oper „L‘Orfeo“, in der Orpheus in die Unterwelt hinabsteigt. Es war Teil des Lebens der Theaterfrau Erpenbeck, die sich von der Garderobiere zur freischaffenden Regisseurin entwickelt hatte.

Die Autorin Jenny Erpenbeck zählt seit einigen Jahren zu den Aufsteigern der deutschsprachigen Literatur, ihr jüngstes Werk „Gehen, ging, gegangen“ (veröffentlicht im August vergangenen Jahres) schaffte es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis und wird in diesem Jahr mit dem mit 20.000 Euro dotierten Walter-Hasenclever-Literaturpreis honoriert. „Wir wollen damit ein kleines Zeichen für politisch engagierte Literatur setzen“, erklärt am Dienstag die Juryvorsitzende Barbara Schommers-Kretschmer, Vorsitzende der Walter-Hasenclever-Gesellschaft. Am 6. November, 11 Uhr, wird der Preis im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen verliehen.

Denn Jenny Erpenbecks Arbeit ist aktueller denn je: „Gehen, ging, gegangen“ erzählt die Geschichte des pensionierten Altphilologen Richard und der Flüchtlinge, die 2012 in ihrem Lager mitten in Berlin-Kreuzberg aufgeschlagen hatten und dort in Hungerstreik traten. Aus dieser Konstellation heraus konstruiert Erpenbeck ihren Roman. In der Jurybegründung heißt es, die 48-jährige Autorin habe eine konsequente Zuwendung zur Frage unserer Zeit geschaffen.

„Gerade jetzt, wo wir allzu oft von Zahlen und Kontingenten sprechen, müssen die Menschen mit ihren individuellen Geschichten und individuellen Wünschen ein Gesicht bekommen“, sagt Schommers-Kretschmer. Erpenbeck gebe den Flüchtlingen dieses Gesicht und viel mehr noch: eine Stimme. Ihr Gesamtwerk stehe für gedankliche und stilistische Konsequenz, zeitgenössische Erzählkunst, Klarheit der Sprache, musikalische Rhythmik und für ein hohes Maß an Zivilcourage. „Sie hat bisher ein hoch faszinierendes Werk vorgelegt“, erklärt der Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, Olaf Müller. Und nicht zuletzt sieht die Jury sie aufgrund der Themen wie Abschied und Flucht in der Tradition Walter Hasenclevers, der 1932 zum Flüchtling wurde, als er das nationalsozialistische Deutschland verlassen musste.

Mit der Wahl der Preisträgerin hat sich die Jury des Walter-Hasenclever-Literaturpreises bewusst für das zentrale Thema unserer Zeit entschieden – und zwar über die literarische Auseinandersetzung. „Es ist wichtig, dass wir beim Thema Flüchtlinge neben der nachrichtlichen auch eine andere Sprache finden“, sagt Maria Behre, Kulturbeauftragte des Aachener Einhard-Gymnasiums. Der Preis wird getragen von der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, dem Einhard-Gymnasium – der ehemaligen Schule Hasenclevers –, dem Aachener Buchhandel und der Stadt Aachen. Dem Kuratorium gehört auch ein Vertreter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach an, das den Nachlass Hasenclevers pflegt und sich als Hauptträger am Preis beteiligt.

Am vergangenen Samstag saß die Jury zusammen und diskutierte, wer denn nun auf Michael Köhlmeier folgen sollte. Am Sonntag wurde Erpenbeck über die Entscheidung informiert. Die Freude ob der anstehenden Rückkehr nach Aachen sei „riesengroß“, berichten die Juroren. Statt musikalischer Unterwelt gibt es den üblichen Hasenclever-Dreiklang. Am Vorabend der Preisverleihung liest die Autorin aus ihrem Roman, am Tag nach der offiziellen Zeremonie im Ludwig Forum wird sie im Einhard-Gymnasium mit Schülern diskutieren. Ein Treffen, das bereits mit Spannung erwartet wird – Erpenbeck ist Mutter eines 14-jährigen Sohnes, mit dem sie gerne und im besten Sinne über Bücher streitet.

Sie selbst ist Tochter des Physikers, Philosophen und Schriftstellers John Erpenbeck und seiner Frau Doris, einer Übersetzerin von Texten aus dem Arabischen. Kultur wie Toleranz wurden ihr also frühzeitig im direkten Umfeld nahegebracht. 1999 erschien ihr erster Roman, sieben weitere Veröffentlichungen und zwei Theaterstücke folgten. Sie hat sich gleichermaßen mit dem System der DDR, der Wende, Fragen nach Heimat wie auch dem jüdischen Leben in Deutschland auseinandergesetzt – und nun eben das Thema Flüchtlinge aufgearbeitet.

„Jenny Erpenbeck bringt uns diese Menschen berührend nahe, stellt dabei unser Alltagsleben in Frage und plädiert für ein respektvolles Miteinander zum unbedingten Vorteil aller“, sagt Schommers-Kretschmer. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ formulierte es in ihrer Romanrezension so: „Gehen, ging, gegangen“ sei kein Aufruf zur Weltverbesserung, sondern „reflektierte Unterhaltung“.

„Gehen, ging, gegangen“ ist also kein Roman des erhobenen Zeigefingers, sondern viel mehr eine Einladung an den Leser zur Nachdenklichkeit. Eine, die wir annehmen sollten, betonen die Juroren des Walter-Hasenclever-Literaturpreises. Und so wird die Verleihung am 6. November in Aachen auch: eine Einladung zur Diskussion.

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