Benjamin Ferencz: „Hört endlich auf, Kriege zu führen!“

Von: Hermann-Josef Delonge
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Unerbittlich in der Sache: Benjamin Ferencz, Ankläger beim Nürnberger Einsatzgruppenprozess. Foto: W-film/Ullabritt Horn
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Bis heute ein aktiver Friedenskämpfer: der heute 96-jährige Benjamin Ferencz. Foto: Privatarchiv Ferencz

Aachen. Da steht er also, dieser kleine, alte Mann, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, eine Art Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf, und kämpft mit den Tränen. Benjamin Berell Ferencz, genannt Ben, spricht über das Grauen, das er kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Konzentrationslagern gesehen hat.

Dann muss er doch weinen, dieser humorvolle, kluge, unbeugsame Mann, und er schämt sich dessen nicht. Warum auch.

In ihrer Dokumentation „A Man can make a Difference“, der im Rahmenprogramm der Karlspreisverleihung im Aachener Apollo-Kino zu sehen ist, lässt die Regisseurin Ullabritt Horn den heute 96-jährigen Ferencz ausführlich und unkommentiert von seinem Leben erzählen, das wie nicht viele für den bedingungslosen Kampf für Gerechtigkeit und gegen jede Form des Angriffskriegs als Mittel der Machtpolitik steht.

Mehr noch: Mit Ferencz schlägt der Film einen Bogen von den Gräueltaten im Dritten Reich über den Völkermord in Ruanda bis ins heutige Syrien. Über allem steht das, was Ferencz so leidenschaftlich formuliert: „Hört endlich auf, Kriege zu führen!“

Die Eckdaten eines fast unglaublichen Lebens: Geboren am 11. März 1920 in Siebenbürgen im heutigen Rumänien, mit den Eltern aus der schieren Not geflohen in die USA, als er elf Monate alt war, Kindheit im berüchtigten New Yorker Stadtviertel Hell's Kitchen, durch Förderung einer verständnisvollen Lehrerin College, später Jurastudium in Harvard, 1944 einfacher Soldat in einer Flak-Einheit in Frankreich.

Dann erhielt Ferencz den Auftrag, Beweismaterial für Kriegsverbrechen der Deutschen zu sammeln, die bei Militärgerichtsprozessen in Dachau verwendet wurden. Ende 1945 kehrte er nach New York zurück, um dort als Jurist zu arbeiten. Doch Telford Taylor, Hauptankläger der Nürnberger Prozesse, holte ihn zurück nach Deutschland. Mit gerade einmal 27 Jahren wurde Ferencz später selbst Chefankläger im Einsatzgruppenprozess von 1947/48 gegen 24 ehemalige SS-Führer, die die Verantwortung für Massenmorde in der besetzten Sowjetunion trugen.

Alle Angeklagten wurden schließlich schuldig gesprochen, die meisten zum Tode verurteilt. Ferencz kann sich im Film nicht damit abfinden, dass nicht alle SS-Führer angeklagt wurden. „Dieser Prozess brachte keine Gerechtigkeit, sondern war ein Symbol dafür.“

Das Verfahren machte ihm ein für allemal deutlich: „Der Akt des Krieges macht den Menschen zum Mörder.“ Dass Mörder verfolgt und streng bestraft werden müssen, steht für den unerbittlichen Juristen und Ankläger Ferencz außer Frage. Zur Todesstrafe hat er bis heute ein zwiespältiges Verhältnis („unter bestimmten Bedingungen bin ich nicht dagegen“). Viel wichtiger ist ihm aber, gegen die Ursache, also den Krieg, zu kämpfen.

Das hat er getan, sein Leben lang, und er tut es noch heute. Direkt nach den Prozessen setzte er sich dafür ein, dass verfolgte Juden eine Wiedergutmachung erhalten konnten. Zurück in den USA, arbeitete er als Anwalt, beschloss jedoch mit 50, sein Leben zu ändern, um „alles zu tun um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert“.

Ferencz setzte seinen Kampf für Gerechtigkeit fort, doch auf anderer Bühne. Er war maßgeblich an der Einsetzung des Internationalen Strafgerichtshofs beteiligt. Dessen Gründung 1998 in Rom und Etablierung 2002 in Den Haag erfüllt ihn sichtlich mit Genugtuung. Dass der Weg dorthin so schwierig war, dass es erst der brutalen Völkermorde in Bosnien und in Ruanda bedurfte, um den Widerstand auch der US-Regierung zu brechen, das kann Ferencz allerdings nicht nachvollziehen.

So zieht Ullabritt Horns Dokumentation, so zieht Ben Ferencze_SSRq Leben selbst eine direkte Linie in die Gegenwart. Der aufrechte, von einer schier unstillbaren Energie getriebene Mann, der seine Ideale durchaus streng an seine Kinder vererbt hat, ist entsetzt über die militärischen Einsätze seines eigenen Landes, sei es in Vietnam, in Afghanistan oder im Irak. Der Krieg gegen den Terror? „Man kann eine Idee nicht mit einem Gewehr töten. Wenn man sie besiegen will, muss man eine bessere Idee haben.“

Man muss Benjamin Berell Ferencz, genannt Ben, diesem unbeugsamen Mann, einfach nur zuhören. Dann versteht man, dass sein Erbe nichts an Gültigkeit verloren hat und auch nicht verlieren darf.

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