Mainz - Beim „Tatort“ wird vor allem in den Metropolen ermittelt

Beim „Tatort“ wird vor allem in den Metropolen ermittelt

Von: Tilmann P. Gangloff
Letzte Aktualisierung:
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Die Provinz bleibt unterrepräsentiert: Bei den ARD-Sonntagskrimis dominieren die Großstädte. Das hat auch finanzielle Gründe. Foto: dpa, stock/Metodi Popow, stock/APress
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Warum eigentlich kein Tatort in Aachen? Das „Gesamtkonzept“ entscheidet über die Schauplätze, sagt der WDR diplomatisch. Foto: Harald Krömer

Mainz. Als das ZDF im Oktober 1985 mit der Ausstrahlung der „Schwarzwaldklinik“ begann, ahnten die Menschen rund ums Glottertal nahe Freiburg nicht, welche Konsequenzen das haben würde. Die Serie wurde nicht nur zum Straßenfeger, sie erwies sich auch als beste Reklame für den Hochschwarzwald.

Scharenweise erkundigten sich Touristen bei den Einheimischen nach dem Weg zur Klinik des berühmten Professors Brinkmann. Dreißig Jahre später hoffen die Menschen in Deutschlands größtem Mittelgebirge auf einen ähnlichen Werbeeffekt wie damals.

Der neue „Tatort“ aus dem Schwarzwald ersetzt den auslaufenden Bodensee-„Tatort“ in Konstanz. Auch wenn die Enttäuschung in Konstanz und Umgebung verständlich ist: Die Entscheidung des SWR ist nachvollziehbar. Ausschlaggebend war nicht zuletzt die Überlegung, die Sonntagskrimis der ARD um eine ländliche Variante zu ergänzen: Standort des neuen Teams wird zwar Freiburg sein, doch die Ermittlungen sollen vor allem in der Region stattfinden.

Auf diese Weise lassen sich nicht nur die landschaftlichen Vorzüge der Gegend zur Geltung bringen. Der SWR setzt so auch ein klares Gegengewicht zu den Krimis aus den Metropolen.

Stuttgart, Berlin, München

Tatsächlich werden sowohl „Tatort“ wie auch „Polizeiruf 110“ klar von Großstadtkrimis dominiert. Deshalb war ja auch schon das eher kleinstädtische Konstanz aus dem Rahmen gefallen, zumal nicht nur der Bodensee, sondern auch die Umgebung immer wieder Schauplatz der Verbrechen waren. Ansonsten aber spielen die Sonntagskrimis vor allem in Stuttgart, Berlin, München, Köln und Hamburg.

Immerhin verirren sich Thiel und Boerne (Axel Prahl/Jan Josef Liefers), das Duo aus Münster, hin und wieder mal aufs Land, und der Wiener Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) darf als Sonderermittler ohnehin regelmäßig in der Provinz ermitteln. Gleiches gilt für den Hamburger Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der sich als Bundespolizist in Niedersachsen und Schleswig-Holstein tummelt.

Die „Polizeiruf“-Teams sind mit München, Rostock und Magdeburg ebenfalls recht urban ausgerichtet. Immerhin hat sich der Rundfunk Berlin-Brandenburg für seine Potsdamer Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) nach dem Abschied ihres Mitarbeiters Horst Krause (Horst Krause) was Neues einfallen lassen: Seit Ende Dezember ist sie Teil einer deutsch-polnischen Ermittlergruppe, die im Grenzgebiet von Frankfurt an der Oder arbeitet.

Die Sender versichern, dass sie es sich bei solchen Entscheidungen nicht leicht machen. Der NDR, sagt Fernsehfilmchef Christian Granderath, habe seine Krimireihen „gezielt in den unterschiedlichen Bundesländern des Sendegebietes angesiedelt. Darin spiegeln wir die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Regionen in unserem Sendegebiet, Städte ebenso wie Dörfer in der Provinz.“

Völlig zurecht fragen sich allerdings zum Beispiel die Menschen im Großraum Aachen, warum der WDR seinen „Tatort“ in den Städten Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln und Münster angesiedelt hat; Aachen wäre doch wie geschaffen für Fälle mit europäischem Hintergrund.

Der WDR antwortet diplomatisch: „Die Grenzregion Aachen hat, wie viele andere Regionen auch, sicherlich Attraktives zu bieten. Letztlich entscheidet aber das Gesamtkonzept, wie und wo ein Tatort angelegt wird. Es ist nicht die Stadt oder das Gebiet alleine, das den Ausschlag gibt. Es ist grundsätzlich vorstellbar, in alle Regionen von NRW mit dem Tatort zu gehen.“ So spielten zum Beispiel die „Polizeiruf“-Krimis des WDR (1994 bis 2005) in Volpe im Bergischen Land.

Gewissermaßen zum Ausgleich für die Konzentration auf die Großstädte siedelt der Sender Serien gern in der Provinz an, allen voran natürlich „Mord mit Aussicht“; die Eifelkrimis haben sich zur beliebtesten deutschen Serie gemausert. Am ARD-Vorabend gab es „Zwischen den Zeilen“ aus Aachen, „Die Kuhflüsterin“ aus dem Bergischen Land und „Henker & Richter“ im Münsterland, im dritten Programm „Meuchelbeck“ vom Niederrhein.

Auch die anderen „Dritten“ gehen mit ihren Reihen und Serien gern auch aufs Land: Der NDR erfreut alljährlich zur Weihnachtszeit mit „Neues aus Büttenwarder“ (Schleswig-Holstein), der SWR erzählt seit über zwanzig Jahren Geschichten über „Die Fallers“ aus dem Schwarzwald, und im Bayerischen Fernsehen gibt es mit „Dahoam is dahoam“ sogar eine tägliche Serie, die in einem fiktiven oberbayerischen Dorf spielt.

Der besondere Reiz der Provinz

Beim BR hat man ohnehin schon vor Jahren erkannt, dass Mordermittlungen in der Provinz einen ganz besonderen Reiz haben. Fürs dritte Programm wurden Krimis in Niederbayern und dem Allgäu gedreht, die auch außerhalb Bayerns viel Anklang fanden. Die Filme mit Herbert Knaup als Kemptener Kommissar Kluftinger sind längst ins „Erste“ gewandert.

Davon abgesehen hat man beim BR eine schlüssige Erklärung dafür, warum der „Tatort“ aus der bayerischen Landeshauptstadt kommt: „Für die Kommissare Batic und Leitmayr ist München nicht mehr nur ein Spielort, sondern längst eine dritte Hauptrolle.“

Als Kontrast wurde das in diesem Jahr an den Start gegangene zweite „Tatort“-Team des BR in Franken angesiedelt: „Nürnberg ist Dreh- und Angelpunkt für Ermittlungen, die frankenweit erzählt werden.“ Natürlich hätte der BR auch schon mit seinem „Polizeiruf“ in die Provinz gehen können, aber Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ermittelt ebenso in München wie sein Vorgänger, der einarmige Tauber (Edgar Selge).

Das hat nicht zuletzt finanzielle Gründe: Es kostet immer Geld, die Städte zu verlassen, weil nicht nur die Schauspieler und das Team, sondern auch die gesamte Technik aufs Land transportiert werden muss – eine Erfahrung, die der SWR im Schwarzwald ebenfalls noch machen wird. Deshalb wurden die Krimis aus Konstanz größtenteils in Baden-Baden und Umgebung gedreht. Am Bodensee sind in oft nur wenigen Drehtagen bloß die markanten Außenaufnahmen entstanden.

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