Bei „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ ist Improvisationstalent gefragt

Von: Christina Merkelbach
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Meistert die Herausforderung: Philipp Manuel Rothkopf (l.) folgt einer Anweisung aus dem Skript, das er zuvor nicht kannte. Foto: Carl Brunn

Aachen. Komisch, tragisch, absurd, kritisch, politisch, entlarvend. „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“ ist von all dem ein bisschen. Oder kann es sein. Wie sehr, liegt ganz an denen, die mitmachen. Denn das weltweit mehrfach aufgeführte Schauspiel des iranischen Autors Nassim Soleimanpour, Jahrgang 1981, lässt durchaus ein paar Freiheiten, sich zu entscheiden.

Oder doch nicht? Sicher jedenfalls ist: Im Mörgens zeigt das Theater Aachen ein ganz und gar ungewöhnliches Stück, einzigartig im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder Darsteller kann es nur ein einziges Mal spielen und danach niemals wieder. Denn es funktioniert lediglich, wenn er oder sie den Text nicht kennt. Proben fallen damit weg, ebenso ein Souffleur als Rettungsanker.

Auch ein Bühnenbild, üblicherweise wichtiger Bestandteil jeder Inszenierung, fehlt. Stattdessen ist nur die Hand voll Requisiten platziert, die Nassim Soleimanpour für jede Aufführung vorschreibt. Ein kleiner Holztisch steht in der Mitte der Spielfläche, dahinter ein Stuhl. Auf dem Tisch warten eine Wasserflasche und zwei Gläser. Auf den ersten Blick wirkt es, als sollte hier eine Lesung stattfinden. Doch wozu dient dann die abgenutzte. Haushaltsleiter rechts in der Ecke?

Das unauffälligste Requisit ist zugleich ein entscheidendes: ein winziger Plastikbehälter, neben die Gläser gestellt. Er könnte Gift enthalten, erfahren Darsteller und Zuschauer im Spielverlauf. Letztere sollten gewappnet sein: Sie sind aktiver Teil dieses Experiments, das aus vielen kleinen Experimenten besteht. Der eine oder andere wird gebeten, seinen Sitzplatz zu verlassen und eine bestimmte Rolle zu spielen. Dabei sind Improvisationstalent und Humor gefragt – beim Publikum ist am Premierenabend beides vorhanden.

Aus der Darstellerriege des Aachener Theaters stellt sich Philipp Manuel Rothkopf als Erster der Herausforderung. Den Sprung ins kalte Wasser meistert er souverän. Schon kurz nachdem ihm Produktionsleiter Kilian Ritter ganz offiziell das versiegelte Skript übergeben hat, gelingt es ihm, sich mit dem Publikum zu verbinden. Er signalisiert: Wir sitzen jetzt in einem Boot. Lässt ihm der Text Freiheiten, nutzt er sie geschickt und bringt das Publikum zum Lachen. Eine Steilvorlage ist, wenn ihn der Autor anweist, „ein Kaninchen zu spielen, das einen Geparden spielt, der einen Vogel Strauß imitiert, um nicht vom Bären gefangen zu werden“.

Leider, auch das ist ungewöhnlich, bleibt dem Schauspieler der verdiente Applaus am Ende erspart – strikte Anweisung. Trotzdem zeigt sich Phlipp Manuel Rothkopf zufrieden. „Ich habe die Interaktion mit dem Publikum sehr genossen“, sagt er. Vor seinen Kollegen muss er jetzt darüber schweigen, was im Skript steht.

Übrigens: Das Theater sucht noch Aachener Persönlichkeiten, die das Experiment wagen.

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