Bei Depeche Mode ziehen die alten Songs

Von: susanne Schramm, Bernd Schuhknecht und sonja essers
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Streicheleinheiten für die Fans: Sänger Dave Gahan von Depeche Mode vor 43.000 Zuschauern im RheinEnergie Stadion Köln. Foto: Thomas Brill
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Caleb Followill von den Kings of Leon vor 13.000 beim Abschluss des Pinkpop-Festivals in Landgraaf. Foto: Harry Heuts
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Tim Bendzko vor 6000 in der Kölner Lanxess Arena.

Köln/Landgraaf. Wenn eine Band auf „Global Spirit World Tour“ ist, darf man sich auf Einiges gefasst machen, da gerät alles etwas größer als sonst. Allein in Europa treten Depeche Mode vor mehr als 1,5Millionen Menschen in 21Ländern auf. 43 000 Fans erlebten am Pfingstmontag im ausverkauften Kölner Stadion das Konzert im XXL-Format.

Die Briten lieferten einen so fetten Sound ab, dass man auch ohne Ticket (zumindest akustisch) in den Genuss ihres Auftritts kam, sie spielten mehr als zwei Stunden. Nach dem Attentat in Manchester wurden die Sicherheitsmaßnahmen erhöht: mit Metalldetektoren bei der Einlasskontrolle. Laut Polizei waren mehrere Hundertschaften und verdeckten Ermittler vor Ort, die sich unters Konzertpublikum mischten.

Als die Elektro-Pioniere um 20.45 Uhr, begrüßt von frenetischem Jubel der Fans, die Bühne betraten, war all das vergessen. Das Intro-Stück „Going Backwards“ vom aktuellen Album „Spirit“, das am 17. März veröffentlicht wurde, bezieht kritisch Stellung zur Spirale der Gewalt, die sich immer weiter dreht.

Aber den Fans war es vielmehr ums Rückwärtsgehen in der eigenen Geschichte zu tun, als darum, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Zumindest konnte man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Es sind die alten, die ganz großen Hits, die an diesem Abend den meisten Beifall einheimsen.

Bei „Everything Counts“, bei „Stripped“ oder „Never Let Me Down Again” zog Sänger Dave Gahan (55) alle Register, indes Andrew Fletcher (55) hinter Keyboard und schwarzer Sonnenbrille fast mit dem Hintergrund verschmolz. Martin Gore (55), der die meisten Stücke der Synthie-Pop-Heroen geschrieben hat, übernimmt bei „A Question of Lust“ das Mikro – und zelebrierte noch einmal die süße Qual der Hörigkeit.

Unterstützt von Peter Gordeno (Keyboard) und Christian Eigner (Schlagzeug) und eingebettet in eine opulente Licht- und Videoshow steuert der Abend seinem Höhepunkt zu. Als letzte Zugabe kam, was kommen musste: „Personal Jesus“.

Dass Gahan, ein Meister der performativen Selbstdarstellung, erwies noch dem verstorbenen David Bowie mit „Heroes“ seine Reverenz. Das zeigt auch – gespiegelt durch hundertfach hochgehaltene Schilder im Publikum, auf denen „Heroes“ stand – wo die eigentlichen Helden zu finden sind: auf der Bühne.

Tim Benzko rettet die Welt

Um Tim Bendzko die Laune zu verderben, bedarf es mehr als einen Jan Böhmermann oder eine Carolin Kebekus. Beide hatten den Sänger und Musiker aus Berlin wegen dessen unterstellter Nähe zur Schlager-Banalität ins satirische Fadenkreuz genommen. In der Köln-Arena blieb der Blond gelockte mit dem Große-Jungen-Charme sich treu und begeisterte rund 6000 überwiegend weibliche Fans mit seinen Liedern im Spagat zwischen Schlager-Leichtigkeit und Songwriter-Inhaltsschwere.

Als „Schlager-Spießer“ kam Bendzko natürlich pünktlich um 20 Uhr auf die Bühne, wo er zunächst nur als Schattenriss hinter dem Vorhang erkennbar war. „Ich hab‘ alles, was ich brauch‘“ sang er positiv gestimmt in dem Lied „Weitergehen“. Musikalisch stärkte ihm eine imposante zehnköpfige Band, darunter drei Streicher, den Rücken. Leichtfüßig und bisweilen etwas ungelenk tänzelt er über die Bühne, als wolle er demonstrieren, dass nicht nur Herbert Grönemeyer schlecht tanzen kann.

Der Ex-Theologie-Student sang über die Liebe, über Höhen und Tiefen in Zweierbeziehungen, deren bisweilen leidvolle Anbahnung er in „In dein Herz“ beschreibt. Ein Stimmungshöhepunkt des zweistündigen Konzerts war sicherlich sein Welt-Retter-Lied, wobei er sich schnell zumindest aus der musikalischen Verantwortung zogt und seinen Fans minutenlang den Gesang überließ. „Immer noch Mensch“ will er sein, und „Keine Maschine“, vehement wendete er sich gegen den Selbst-Optimierungswahn und propagiert dafür eine entspannte Work-Life-Balance. Diese Themen sind Mainstream, aber deswegen nicht weniger relevant. Bendzko stellt mit seiner „Küchen-Philosophie“ überwiegend Fragen, deren Beantwortung er jedoch klugerweise offen lässt. „Wer Antworten will, muss Madonna fragen“ teilte er seinem Publikum lapidar mit. Oder eben Jan Böhmermann oder Carolin Kebekus.

Pinkpop bietet für alle was

Mehr als 50 Musikacts auf vier Bühnen in nur drei Tagen: Mit Feuerwerk und einem Konzert der amerikanischen Rockband Kings of Leon ging am Montagabend das Pinkpop-Festival im niederländischen Landgraf zu Ende. Nachdem am Samstag und Sonntag unter anderem Justin Bieber und Green Day aufgetreten waren (wir berichteten), stand am letzten Tag wieder ein Mix aus musikalischen Genres auf dem Programm – unter anderem mit Künstlern wie Rag‘N‘Bone Man und Liam Gallagher sowie Bands wie Sum 41, Passenger und System of a Down auf.

Das Fazit? Abwechslungsreicher hätte ein Festival wohl kaum sein können, schließlich war mit Punk, Rock, Pop, Reggae, Hip-Hop und Metal wohl für jeden Musikgeschmack das Passende dabei. Doch nicht nur die Musik beeindruckte über das gesamte Wochenende hinweg. Auch Ton-, Licht- und Pyrotechniker hatten jede Menge zu tun und schufen vor allem bei den Konzerten auf der Hauptbühne die richtige Atmosphäre – Lasershow und Feuerwerk inklusive.

Während der Auftritt von Headliner Justin Bieber (rund 31.000 verkaufte Tageskarten) vor allem junge Fans nach Landgraaf lockte, schienen die Konzerte der Bands Green Day (12.000) und Kings of Leon (13.000) wohl wieder typischer für das Festival von Initiator Jan Smeets zu sein. Gemeinsam mit den insgesamt rund 56.000 Tagesgästen schauten sich insgesamt 31.000 Inhaber von Wochenendtickets die Konzerte an. Ein Termin für 2018 steht übrigens auch schon fest. Dann findet das Pinkpop-Festival vom 15. bis 17. Juni statt.

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