Beeindruckender Kraftakt erscheint im Frühjahr auf CD

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Die Würfel für den Nachfolger sind gefallen. Entspannt können sich Aachens Musikfreunde auf die letzten Konzerte mit ihrem scheidenden Generalmusikdirektor Marcus Bosch freuen. Im 4. Sinfoniekonzert wiederholte Bosch den Kraftakt, zwei Sinfonien von Johannes Brahms zu kombinieren, diesmal die Zweite mit der Dritten des Hamburger Meisters.

Dass er dem Aachener Sinfonieorchester diese Herausforderung zutraut und auch zutrauen darf, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass beide Konzerte live für eine CD-Veröffentlichung im Frühjahr mitgeschnitten wurden. Und orches-tral hat Bosch seine Musiker so weit vorangebracht, dass das künstlerische Risiko überschaubar bleibt.

Die Zweite Sinfonie in D-Dur und die Dritte in F-Dur sind grundverschieden, was man den Interpretationen von Bosch freilich nicht so deutlich anhören konnte wie erwartet. Gegenüber der impulsiv dramatischen Dritten haftet der Zweiten der Ruf idyllischer Gelassenheit an, womit sie oft in einem Atemzug mit Beethovens „Pastorale” genannt wird.

Von Idyll kann weder bei Brahms noch bei Beethoven die Rede sein, und so versuchte Bosch, mit straffen Tempi, scharfen dynamischen Akzenten und einem geradezu attackierenden Vorwärtsdrang die letzten Assoziationen an Alpenglühen und Almwiesen auszumerzen. Vor allem das Finale glich sich so in seiner bisweilen brutalen klanglichen Explosivität dem Charakter der Dritten nahtlos an.

Den Eingangssatz durchströmte eine Nervosität, die die lyrischen Qualitäten des Satzes streckenweise überspielte. Dem Adagio nahm Bosch jene Schwere, mit der die helle Farbigkeit des Kopfsatzes kontrastierend eingedunkelt werden müsste. Kurzum: Er betrachtet die Zweite aus der Sicht der härter zupackenden Dritten, versucht, beide Werke stilistisch anzugleichen anstatt die individuellen Unterschiede zu schärfen.

Dafür gelang ihm, nicht überraschend, die Dritte Sinfonie nach der Pause wie aus einem Guss. Der sogar als sentimentalisierte Filmmusik missbrauchte dritte Satz behielt so seinen schwungvollen Scherzo-Charakter, die ebenso raffinierte wie druckvolle dynamische Staffelung des Kopfsatzes beeindruckte.

Aufgrund der an Mahler und Bruckner geschulten Fähigkeit Boschs, auch bei komplexen, ausladenden Formen die Übersicht zu wahren, erhielten alle Sätze straffe Konturen. Allenfalls die Balance zwischen Streichern und dem bisweilen zu massiven Blechbläserapparat störte den positiven Gesamteindruck.

Die beiden gewaltigen Brahms-Blöcke verband Bosch mit der kurzen Scherzo-Skizze „Im Wettstreit” des jungen Aachener Komponisten Anno Schreier. Ein drei Jahre altes Opus voller Spielwitz und reizvoller Klangeffekte, das etliche Anforderungen an die Virtuosität des Orchesters stellt.

Völlig unbeschwert spielt Schreier mit der Entwicklung eines kleinen Motivs, das er durch alle Instrumentengruppen und Kombinationen jagt. Ein entspannendes Intermezzo zwischen den Sinfonien. Und ein kleiner Leckerbissen für die Spielfertigkeit des Orchesters außerdem.

Viel Beifall für ein anspruchsvolles Konzert auf gewohnt hohem Niveau.
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