Becketts „Warten auf Godot“ kommt im Theater Aachen auf die Bühne

Von: Alexander Barth
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Voller Körpereinsatz für die Aachener Inszenierung von „Warten auf Godot“: Probenszene mit (von links) Philipp Manuel Rothkopf, Markus Weikert, Tim Knapper und Thomas Hamm. Foto: Harald Krömer
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Der Absurdität der menschlichen Existenz auf der Spur: Christian von Treskow. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Schauspieler, die auf der Theaterbühne mächtig schwitzen – kein ungewohntes Bild. Für vier Ensemblemitglieder am Theater Aachen hält der Arbeitsalltag derzeit allerdings besonders schweißtreibende Aufgaben bereit. In diesen Tagen laufen die letzten Proben für die Premiere von „Warten auf Godot“ am 16. Januar im großen Haus.

Samuel Becketts junger Klassiker, 1953 in Paris uraufgeführt, erhält in der Aachener Inszenierung seine besondere Note durch reichlich körperlichen Einsatz, den die Schauspieler zu erbringen haben.

Für seine Inszenierung hat Regisseur Christian von Treskow seinen Akteuren die Technik der Biomechanik verordnet. In einem mehrwöchigen Training mit dem belgischen Experten Tony de Maeyer lernten Philipp Manuel Rothkopf, Markus Weikert, Tim Knapper und Thomas Hamm die Kunst der ausufernden Bewegung auf der Bühne kennen.

Von Treskows Inszenierung verlangt den Schauspielern einiges ab. „Die Kunst liegt unter anderem darin, komplexe Bewegungen leicht aussehen zu lassen“, beschreibt der Regisseur eine Technik, die sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt. „Körpertheater“, wirft Tony de Maeyer eine Kurzbeschreibung in den Raum.

Tatsächlich geht das Spiel der Vier über das „herkömmliche“ Agieren mit Sprache und Gestik weit hinaus. Mal scheinen alle Körperteile in Bewegung zu sein, kurz darauf sind die Schauspieler wie eingefroren in einer kargen und monochromen Kulisse. Alle Anstrengungen dienen Regisseur und Trainer einem höheren Ziel.

„Die Technik verstärkt den Ausdruck der Schauspieler. Im Stück füllen sie den Stillstand mit Bewegung“, sagt de Maeyer. Die ganzheitliche Bewegung, darauf das abrupte Erstarren – Elemente einer gerade einmal 100 Jahre alten Darstellungsform, erdacht vom legendären russischen Theatermacher Wsewolod Meyerhold.

Nach seiner Aachener Inszenierung von Kafkas „Prozess“, die ab 12. Februar wieder auf der großen Bühne zu sehen sein wird, setzt Regisseur von Treskow mit „Warten auf Godot“ seine Arbeit über die Abgründe und Absurdität der menschlichen Existenz fort.

So ungewohnt beweglich die Schauspieler, so bekannt ist die vom Stillstand dominierte Handlung. Die Landstreicher Wladimir (Philipp Manuel Rothkopf) und Wladimir (Tim Knapper) erleben Sternstunden der Bedeutungslosigkeit an einer verlassenen Straße unter einem kahlen Baum, während sie – genau: warten. Gespräche, die um alles und nichts kreisen. Ein geplanter Selbstmord, der dann doch ausfällt. Die Maxime lautet stets, möglichst nichts zu denken.

Für Abwechslung – und auch wieder nicht – sorgen die nicht minder skurrilen Auftritte des Landbesitzers Pozzo (Thomas Hamm) samt seines gebeutelten Dieners Lucky (Markus Weikert). Erkenntnis ist nicht in Sicht, ebenso wenig wie Godot. So bleibt den Leidensmännern bis zum Ende vor allem das, was Beckett ihnen zugesteht – reichlich tragischer Witz.

Während die Handlung also auf der Stelle zu treten scheint, geben die Schauspieler alles. Voller Körpereinsatz, unrealistisch erscheinende Bewegungen, erarbeitet von und mit einem Mann, der sich seit den 90er Jahren mit der Darstellungsform Biomechanik beschäftigt. De Maeyer selbst lernte beim Meyerhold-Anhänger Gennadij Bogdanov, der die Technik bis heute Schauspielern auf der ganzen Welt nahebringt.

Auch Regisseur von Treskow gehört zu den Anhängern Bogdanovs; bereits für den „Prozess“ arbeitete er mit der Kunst der überzeichneten Bewegung. „Wenn die Biomechanik richtig eingesetzt wird, wirkt das Ergebnis wie ein natürlicher Prozess auf der Bühne, wie eine abstrakte und dynamische Realität“, findet de Maeyer. Überzeichnet, aber nie albern, so skizziert von Treskow die geballte Bewegungsmaschinerie, die seine Schauspieler in Bewegung setzen.

Und dann sind da auch noch bemerkenswerte Beckett-Sätze wie dieser: „Wir werden alle verrückt geboren. Einige bleiben es.“

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