Aachen - „Barock im Ballsaal“: Spielfreude und Entdeckerlust

„Barock im Ballsaal“: Spielfreude und Entdeckerlust

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
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„Barock im Ballsaal“ mit François Fernandez und Mitgliedern des Aachener Sinfonieorchesters. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Dass das Instrumentarium im Barock längst nicht so normiert gewesen ist wie das in späteren Zeiten, sorgt immer wieder für kleine und manchmal große Überraschungen.

Wenn sich dann noch ein so exzellenter Musiker wie Stéphane Egeling, Solo-Oboist des Aachener Sinfonieorchesters, mit großem Wissen und unbändiger Neugier auf die Suche nach einem originellen Programm begibt und seine Kollegen und Freunde mit seinem Forscherdrang infiziert, dann kann es passieren, dass sich die traditionsreiche Konzertreihe „Barock im Ballsaal“ als buntes und aufschlussreiches Überraschungs(oster)ei entpuppt.

So geschehen am Montag im voll besetzten Ballsaal im Alten Kurhaus Aachen, bei dem Egeling nicht nur mit vier ungewöhnlichen Instrumenten bekannt machte, sondern auch mit dem weitgehend unbekannten Enkel Johann Sebastian Bachs: Wilhelm Friedrich Ernst Bach, dessen Werke fast völlig verschollen sind und von dem Egeling eine Ballett-Suite in London aufspüren konnte.

Mit dem silbrigen Klang der Celesta angereichert, versprühten die Aachener Sinfoniker mit der 1798 entstandenen Musik den Charme klassischer Töne, die mit der Musik des Großvaters nichts mehr zu tun haben. Der große Bach im Mittelpunkt Der große Bach stand natürlich im Mittelpunkt des Programms. Und für die dritte Cello-Suite engagierte Egeling niemand Geringeren als den Nestor der barocken Violinmusik, Sigiswald Kuijken. Der überraschte das Publikum mit einer Interpretation auf dem „Violoncello da spalla“, einer kleinen Variante des Cellos, die um den Hals gehängt und wie eine große Bratsche gestrichen wird. Das ist kein Gag, sondern erinnert an die Tatsache, dass überhaupt nicht gesichert ist, für welches Instrument Bach seine Cello-Suiten tatsächlich geschrieben hat, so dass auch die bekannten Versionen für Laute, Bratsche oder eben dem Cello im Taschenformat Sinn machen.

So versiert Kuijken die Sätze auch interpretierte: Klanglich bringt das „Violoncello da spalla“ allerdings keinen Vorteil gegenüber dem größeren, uns heute vertrauten Bruder. Wer kennt nicht Vivaldis „Frühling“? Aber gewiss nicht in einer Bearbeitung aus dem 18. Jahrhundert, bei der die Solo-Stimme auf eine Violine, eine Barock-Oboe und eine „Musette de Cour“ aufgeteilt wird. Während der Kuijken-Schüler François Fernandez die Violine und Egeling die Oboe bedienten, zog Stefan Hoffmann mit der Musette die besondere Aufmerksamkeit auf sich.

Die Sprache ist von einem in Frankreich seinerzeit beliebten „Hightech“-Dudelsack mit der raffinierten Klappentechnik einer Oboe, die mehrstimmig gespielt werden kann und der Vorliebe der Franzosen für den nasalen Klang Oboen-ähnlicher Instrumente entgegenkam. Die Viola d’amore ist nicht ganz so unbekannt. Dennoch sorgte François Fernandeze_SSRq Vortrag eines von ihm rekonstruierten Bach-Konzerts in E-Dur für interessante Einblicke. Und auch Egeling empfahl sich als Forscher und begeisterte das Publikum mit einem von ihm rekonstruierten Oboen-Konzert des großen Meisters. Das Publikum reagierte mit großem Beifall auf eine quicklebendige Lehrstunde in Sachen musikalischer Spielfreude und Entdeckerlust.

 


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