Autorin Siri Hustvedt: Keinerlei Scheu vor großen Männern

Von: Andrea Zuleger
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Die Aula Carolina in Aachen war mehr als ausverkauft: Vorwiegend weibliches Publikum wollte die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt im Gespräch mit dem Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan erleben. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Wir haben hier eine Sigmund-Freud-Couch aufgebaut, weil es eher ein Gespräch denn eine konventionelle Lesung sein soll. Wir konnten uns nur nicht auf die Rollenverteilung einigen“, führte Jürgen Kippenhan, Leiter des Instituts für Philosophie und Diskurs in Aachen, die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt ein, die er am Mittwochabend in der mehr als ausverkauften Aula Carolina in Aachen begrüßte.

Wie recht er mit dieser Einführung haben sollte, merkte das vorwiegend weibliche Publikum schnell. Sie waren gekommen, um eine berühmte, intellektuelle Autorin zu hören und zu sehen, und lauschten dann einem Gespräch, bei dem sich die beiden Teilnehmer selten auf ein Thema einigen konnten.

Vielfarbiges Gemisch

Das Dilemma ist nur allzu verständlich: Wer Hustvedts Literatur und vor allem auch die letzten Essays „Leben, Denken, Schauen“ kennt, weiß, wie viel die Autorin in ein paar Zeilen packt und wie weit sie ihre Interessen spannt: Das reicht von der Literatur über die Kunst- und Kulturgeschichte, über Psychologie, Neurologie bis zur Psychoanalyse.

Und in all dem Namedropping und Zitieren ist auch noch das Ich der Autorin und die ihr eigene Ambivanlenz zu jeder Aussage enthalten. Aus diesem vielfarbigen Wollgemisch nun den richtigen Faden – womöglich einen roten – zu ziehen, ist ein Unterfangen, bei dem das Verheddern vorprogrammiert ist.

Nun ist Jürgen Kippenhan Philosoph und stößt also gern zum Kern der Dinge vor. Aber spätestens ihre Antwort auf eine Platon-Frage seinerseits hätte ihn warnen müssen. So konfrontiert er die in jeder Hinsicht große Dame sofort mit der Aussage des griechischen Philosophen, der vor mehr als 2000 Jahren behauptet hatte, dass Schrift immer etwas Totes sei.

„Platon zielte wohl darauf ab, dass man damals glaubte, dass das Aufschreiben den Prozess des Erinnerns abtöte“, pariert Siri Hustvedt und fügt in ihrer wunderbar sonoren Stimme hinterher: „Na ja, das ist ja auch schon eine Zeit her. Ich würde sagen, ein Text ist nicht lebendig, bevor er gelesen wird: Take that, Plato“ (Nimm das, Platon) und weist damit nicht nur jahrtausendealte Philosophen in die Schranken.

Vor großen Männern hat Siri Hustvedt keine Scheu. Sie hat sich seit ihrem Studium und ihrer Arbeit über Charles Dickens mit so vielen von ihnen aus den verschiedenen Disziplinen auseinandergesetzt, dass sie ihnen jederzeit das Wasser reichen kann. Männliche Rollen sind ihr allein deshalb nicht fremd, weil ihre älteren Romane fast ausschließlich aus der männlichen Perspektive erzählt sind. Und nur am Rande sei bemerkt, dass sie ebenfalls einen großen Mann zu Hause hat: Sie ist seit mehr als 30 Jahren mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet.

Siri Hustvedt ist eine feinsinnige und liebenswürdige Person, die bei ihrer Arbeit ihre tiefe Liebe zu allem Menschlichen, auch zum Verwundbaren oder Kranken antreibt. Aber, und das merkt man ebenfalls an dem Abend, sie ist dabei extrem selbstbewusst und nebenbei auch so gewitzt, dass sie sich garantiert nicht mal eben in Aachen „auf die Couch setzen lässt“.

Ihr nüchterner Wortwitz, der von der Dolmetscherin Sarah King fantastisch übersetzt wird, macht wiederum dem Publikum von der Studentin bis zur Seniorin so richtig Spaß. Doch eigentlich, so hört man anschließend hier und da, sei man mit anderen Erwartungen gekommen: mehr Siri Hustvedt. Ein paar wenige Minuten dauernde Passagen hat sie aus den Essays und aus zwei Romanen gelesen: „Die gleißende Welt“ – ihr letzter Roman war nicht darunter.

„Tiefe, komplizierte Frage“

Das Gespräch mäandert von Persönlichem – wie die nordische Kühle sich in den verruchten Ecken Brooklyns bewegt – und immer wieder Philosophischem: „Mit Ihrem ganzen Wissen in den verschiedenen Disziplinen. Haben Sie da eine Schneise zum Kern gefunden?“, fragt Jürgen Kippenhan.

Und Siri Hustvedt antwortet: „Das ist eine sehr tiefe, komplizierte Frage. Und die sehr kurze Antwort darauf lautet: Nein, ich habe keine Schneise zum Kern der Sache. Es gibt sehr viele Wege. Aber auf allen begegnet man einer gewissen Ambivalenz, die einen dazu befähigt, die nächste kluge Frage zu stellen.“

Eine gewisse Ambivalenz macht sich auch im Publikum bemerkbar. Sehr viele Themen und viel Zwischenmenschliches hat es auf der Couch gegeben, in einer bis zum Schluss unklaren Rollenverteilung. Dazu noch Studien, die die Autorin mit norwegischen Wurzeln zu Dutzenden im Repertoire hat.

Eine davon passt auch gut zum Abend. So erzählt sie von einer kalifornischen Studie, bei der man den Probanden Wein angeboten hatte. Die eine Gruppe bekam einen Zehn-Dollar-Wein. Die andere Gruppe trank den gleichen Wein mit dem Hinweis darauf, dass die Flasche 100 Euro gekostet habe.

Jetzt ist erwartbar, dass diejenigen einen schöneren Abend hatten, die den vermeintlich teuren Wein tranken. „Doch erstaunlich ist, dass sich dieses körperliche Wohlbefinden sogar neurologisch messen ließ“, erzählt Siri Hustvedt. Gemessen daran hat der Abend auf jeden Fall die Fans glücklich gemacht: Die Karte für die knapp zwei Stunden dauernde Veranstaltung kostete an der Abendkasse 30 Euro.

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